Oper zum Mitsingen
Matthäus-Passion am Theater Basel: Die Passion Christi als Kinderspiel

Am Theater Basel inszeniert Intendant Benedikt von Peter die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach als Oper zum Mitsingen.

Mélanie Honegger
Drucken
Jesus vor seiner Kreuzigung – am Theater Basel gespielt von einem Kind.

Jesus vor seiner Kreuzigung – am Theater Basel gespielt von einem Kind.

Zvg/Ingo Höhn

Eigentlich ist sie ja ein Oratorium, das in der Kirche gespielt und gesungen wird. Eigentlich, denn nun hat es die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach auf die Grosse Bühne des Theater Basel geschafft. Inszeniert wird sie von Theaterdirektor Benedikt von Peter höchstpersönlich, der aus dem Werk in einer Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin eine Oper zum Mitsingen macht.

Gemeinsam mit der Mädchen- und der Knabenkantorei Basel übersetzt er das Werk aus dem 18. Jahrhundert in die Gegenwart. Er sehe das Stück als eine Art «Wertemaschine», lässt sich von Peter im Programmheft zitieren. Barmherzigkeit, Treue, Nächstenliebe: Immer wieder werden die Werte auf einem grossen Kubus, der über der Bühne schwebt, eingeblendet.

Ansonsten bleiben Bühnenbild und Inszenierung schlicht. In seiner Ästhetik erinnert der Auftritt der Kinder, die die Passion Christi nachstellen, an ein Krippenspiel – eine Assoziation, der sich von Peter durchaus bewusst ist. Durch das Nachspielen der Kinder versichere sich die Gemeinschaft ihrer Werte, so von Peter, «so wie wir das kennen in einem Krippenspiel».

Gefesselt und mit verbundenen Augen

In der ersten Hälfte des Abends bleibt das Arrangement der meist stummen Kinder zu Standbildern mit Ausnahme des letzten Abendmahls allerdings etwas farblos. Erst im Verlauf der dreistündigen Oper wird ersichtlich, wie von Peter damit provoziert. Wenn ein Kind den gefesselten Jesus darstellt, beispielsweise, auf den Knien und mit verbunden Augen, und später gekreuzigt wird.

Die Profisängerinnen und -sänger bleiben derweil meist im Hintergrund. Allesamt in Schwarz gekleidet, überzeugen sie mit stimmlicher Präsenz und Präzision, sind aber gleichzeitig auch regelmässig Statistinnen und Statisten, wenn Orchester und Chöre den Lead übernehmen.

Die Chöre werden zum Surround System des Saals

Dass die sieben Profis an diesem Abend nicht die wichtigsten Akteure sind, liegt denn auch nicht an ihrer Darbietung, sondern an der Inszenierung. Denn weitaus spektakulärer und einnehmender als das Spiel auf der Bühne ist die Art, wie der Theaterintendant den gesamten Raum nutzt, der ihm zur Verfügung steht.

Schon Bach dachte beim Schreiben seines Werks an die Inszenierung im Raum und sah eine Zweiteilung von Orchestern und Chören vor. Von Peter geht nun einen Schritt weiter und platziert die Chor- und Orchestergruppen an vier Stellen im Raum – zusammen mit einem Teil der Zuschauenden auch hinter der Bühne. Zahlreiche Laienchöre aus der Region singen zudem aus den Publikumsreihen mit.

Der Klang im Raum gibt dem Abend seine ganz eigene Magie; besonders dann, wenn die Chöre alle zusammen oder im Wechselspiel singen. Auch das Publikum ist an einzelnen Stellen dazu eingeladen mitzusingen. Ein Experiment, das an der Premiere beim bekannten Choral «O Haupt voll Blut und Wunden» sogar funktioniert, wenn auch etwas verhalten.

Und so erinnert dieser Abend mehr an einen feierlichen Gottesdienst denn an eine zeitgenössische Oper. Die Leidensgeschichte der Jugend kommt nur am Rande vor. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so: Die Hauptrolle spielt ohnehin die Musik – und die ist auch dreihundert Jahre nach ihrer Entstehung noch ergreifend.

Matthäus-Passion
Theater Basel, Grosse Bühne. Bis 26.6.
www.theater-basel.ch