Coronavirus
Not Coming Home for Christmas: Ausgewanderte Baslerinnen und Basler erzählen, was sie am meisten vermissen

Ausgewanderte Baslerinnen und Baselbieter fühlen sich in ihrer neuen Heimat oft wohl. Nur einmal im Jahr holt sie das Heimweh so richtig ein: In der Adventszeit. Sie zählen die Tage, bis sie endlich im Kreis ihrer Familie Weihnachten feiern dürfen. In diesem Jahr müssen die Auswanderer coronabedingt auf die Heimreise verzichten. Sechs Exilbasler aus aller Welt erzählen der bz, wie sie die Festtage in diesem Jahr verbringen – und was sie am meisten vermissen.

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Diese sechs Exilbasler und -baslerinnen können über die Feiertage nicht in die Schweiz kommen.

Diese sechs Exilbasler und -baslerinnen können über die Feiertage nicht in die Schweiz kommen.

bz
 Simone Sollberger lebt seit fast zehn Jahren in Utrecht in den Niederlanden.

Simone Sollberger lebt seit fast zehn Jahren in Utrecht in den Niederlanden.

zvg

«Ich bin in Basel aufgewachsen und nach meinem Austauschsemester in Utrecht hängen geblieben, wo ich mittlerweile seit fast zehn Jahren lebe und arbeite. Wie doch die Zeit vergeht! Trotzdem fühle ich mich mit Basel immer noch sehr verbunden und komme gerne nach Hause. In den letzten Jahren habe ich Weihnachten meistens in der Schweiz verbracht – natürlich traditionell mit Fondue Chinoise! Dies fällt dieses Jahr dank Corona aus. Möglich wäre es wahrscheinlich gewesen, aber es ist mehr ein Mindest-Ding, darauf zu verzichten und eigentlich freue ich mich auf entspannte Weihnachtstage ohne viel Hin und Her. Seit letzter Woche sind wir in Holland im harten Lockdown, aber an Weihnachten sind ausnahmsweise drei Gäste pro Tag erlaubt. Heiligabend feiere ich mit Freunden, einem schicken selbstgekochten Diner und cheesy Weihnachtsplaylisten auf Spotify. Ausserdem veranstalten meine Familie und ich einen Zoom-Weihnachtsapéro, sodass wir uns trotzdem kurz austauschen können. Vielleicht holen wir Weihnachten irgendwann persönlich nach, aber ich denke eher, dass wir das erste Fest, das wir wieder feiern können, dann gross angehen. Wel zo gezellig!»

 Susanna Petrin lebt seit Oktober in New York, USA.

Susanna Petrin lebt seit Oktober in New York, USA.

zvg

«Meine Mama wird sehr traurig sein, wenn sie diesen Text liest – weitere Familienmitglieder natürlich auch. Ich komme an Weihnachten nicht nach Hause. Die Schweiz verlangt 14 Tage Quarantäne von Einreisenden aus den USA; und da lebe ich seit Oktober, genauer in New York. Bei aller Liebe: Zwei Wochen zusammengepfercht im Elternhäuschen, ohne Auslauf, das ist zu viel des Guten. Das wurde uns allen nach langem Nachdenken klar – also nach fünf Sekunden. Jetzt muss die Familie ohne mich da durch: Lange diskutieren, was es zum Essen geben könnte, und dann wie immer Fondue Chinoise kaufen. Sich gegenseitig die Herdplatten ausschalten; unter dem Druck des Fests der Liebe die Wogen einer innerfamiliären Eruption glätten; die beste Mohntorte der Welt essen. Derweil haben wir in der frisch bezogenen Wohnung beim Union Square noch kaum Möbel und Kochzeug – das ist alles noch unterwegs auf hoher See. Wir hoffen heimlich darauf, dass sich eine amerikanische Familie unserer erbarmt und uns einlädt. Das Wunder der Weihnachtsadoption. Wäre die bz ein Radiosender, so wünsche ich mir für meine Eltern an dieser Stelle das Lied ‹Coming Home For Christmas› in der Version der Kelly Family. Ich komme an Ostern nach Hause. Dann können wir zusammen Wiederauferstehung feiern. Jene nach Corona. Inshaalla.»

 Florian Günther lebt seit zwölf Jahren in München, Deutschland.

Florian Günther lebt seit zwölf Jahren in München, Deutschland.

zvg

«Seit ich denken kann, verbringen wir Heiligabend bei meiner Grossmutter in Basel, wo ich grösstenteils selbst aufgewachsen bin. Auch in den mittlerweile zwölf Jahren, in denen ich in München lebe, gab es nie eine Ausnahme. Immer hiess es: ‹Driving home for Christmas›, wo es selbstgemachte Brunsli gibt und am ersten Weihnachtstag die ganze Familie zum grossen Fest zusammenkommt. Dazwischen findet sich auch immer Zeit für ein Bier mit den alten Freunden. Wir haben viele Jahre zusammen die Schulbank gedrückt und zum Teil auch zusammen studiert, bevor ich mich entschlossen habe, nach München zu gehen, wo ich bereits meine frühe Jugend verbracht habe. Meine Familie und meine dicksten Freunde sind nach wie vor in Basel, und eine Rückkehr ist ja nie auszuschliessen. Dieses Jahr müssen die lieb gewonnenen Traditionen coronabedingt pausieren. Ich plane fest, im März zu Besuch zu kommen – natürlich auch, um meiner Grossmutter ihren ersten Urenkel zu präsentieren, der bald das Licht der Welt erblicken wird.»

 Laura Muser lebt in Edinburgh, Schottland.

Laura Muser lebt in Edinburgh, Schottland.

zvg

«Normalerweise würde ich spätestens am 23. Dezember mit einem Handgepäck voller Geschenke nach Basel fliegen, am 24. gemütlich ausschlafen und anschliessend mit meiner Mutter und meiner Schwester zmörgele. Danach dekorieren wir jeweils gemeinsam den Baum. Seit ich in Schottland wohne, gibt es an Heiligabend Raclette. Zum Nachtisch gibt es eine riesige Variation an selbst gebackenen Gutzi. Mit vollen Bäuchen werden anschliessend Geschenke ausgepackt, bevor wir uns zufrieden und satt ins Bett legen. Ich geniesse die Festtage in Basel immer sehr und bleibe meist bis ins neue Jahr, um auch gleich noch Freundinnen und Freunde zu treffen, die dann Ferien haben. Wir trinken dann Kaffee am Andreasplatz, Drinks und Bier in der ‹Mitte› oder Glühwein am Weihnachtsmarkt. Nach Silvester mache ich mich dann – mit einem etwas leichteren Handgepäck – wieder auf den Rückweg auf die Insel. Dieses Jahr verbringe ich Weihnachten mit der Familie meines Freundes in Edinburgh. Nach Basel zu reisen ist für mich keine Option, da ich mir die Quarantäne nach der Rückreise beruflich nicht erlauben kann. Das Essen wird sehr traditionell: viel Fleisch, Kartoffeln und Gemüse. Deftig. Schottisch. Im Gegensatz zum Weihnachtsfest mit meiner Familie in Basel gönnt man sich hier auch mal den einen oder anderen Drink. Am meisten fehlen werden mir neben meiner Familie die Gerüche: Frisch gebackene Gutzi, die es so nur zu Hause gibt, Tannennadeln – zu Hause in Edinburgh haben wir keinen echten Baum – und heisser Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt mit einer Freundin.»

 Claudia Spinnler lebt seit fünf Jahren in Melbourne, Australien.

Claudia Spinnler lebt seit fünf Jahren in Melbourne, Australien.

zvg

«Eigentlich wollte ich mit meinem Mann Greg und den zwei Söhnen schon im Juni in die Schweiz reisen. Sie haben meine Heimat noch nie im Sommer gesehen. Und meine Familie hat den kleinsten Sohn noch nicht kennen lernen können. Das ging leider nicht. Und auch für Weihnachten können wir nicht nach Basel kommen, wie wir das immer getan haben. Wir hoffen jetzt halt auf den nächsten Sommer. Am meisten vermisse ich meine Familie und Freunde, die ich immer besucht habe um diese Zeit. Und den Schnee, auch wenn es in Basel bekanntlich selten schneit. Auch die Schweizer Weihnachtsbäume fehlen mir. In Australien sehen die Bäume ganz anders aus, so buschig und irgendwie weniger weihnachtlich. Auch hätte ich gerne meinen Kindern die Schweizer Weihnachtstraditionen gezeigt: Singen um den Baum und so. Jetzt feiern wir hier. Wir fahren für zwei Wochen ans Meer. An Weihnachten gibt es vermutlich eine Seafood-Platte. Das Fest beginnt schon am Nachmittag. Mit meiner Familie in der Schweiz habe ich immer am 24. abends gefeiert. Wir sind froh, dass wir nicht mehr eingesperrt sind, der viermonatige Lockdown hier war schon eine Herausforderung. Aber alle sind gesund und wir haben unsere Jobs noch. Ich arbeite hier wieder als Sozialarbeiterin. Die Situation in der Schweiz macht mir etwas Sorgen. Auch wenn ich an meine Familie denke, die all dem ausgesetzt ist. Ich bin zwar auf der anderen Seite der Welt, dennoch weiss ich, dass wir immer aneinander denken. Und ich wünsche mir, dass es im Sommer klappt, damit alle meinen jüngsten Sohn kennen lernen können. In diesem Sinne: Greetings from Down Under an meine Lieben!»

 Daniel Meury lebt seit 15 Jahren in Phuket, Thailand.

Daniel Meury lebt seit 15 Jahren in Phuket, Thailand.

zvg

«Ich bin in normalen Zeiten jedes Jahr ein bis zwei Mal in der Schweiz, um meine Eltern in Blauen und Bekannte zu besuchen. Meistens im Sommer, um der Familie beim Chirsigwünne zu helfen. Das ist nun wegen Corona viel schwieriger. Ich habe meine Eltern vor 15 Monaten zuletzt gesehen. Ich könnte zwar derzeit problemlos in die Schweiz einreisen, aber die Rückkehr nach Thailand wäre mühsam und zeitraubend: Zuerst muss man sich auf eine Warteliste eintragen, dann 14 Tage in Quarantäne. Das würde mich bis vier Wochen kosten. Hier auf Phuket leben wir derzeit in einer ziemlich heilen Welt. Thailand hat relativ wenige Coronafälle, im Land selber kann man sich frei bewegen, es gibt wenige Einschränkungen. Am Samstagabend feierten die Schweizer auf Phuket in einem grossen Hotel in Patong Beach Weihnachten, mit Grittibänzen, Guetzli und grossem Baum. Wir waren 100 Leute, sogar die Botschafterin reiste extra aus Bangkok an. Für mich wirkt es schon beängstigend, dass ein Land wie die Schweiz das Virus nicht besser unter Kontrolle bringt. Um meine Eltern mache ich mir Sorgen. Hier in Thailand ist die Situation im Tourismus sehr schwierig. Im Hotel, das ich manage, haben wir an Wochenenden eine Belegung von 40 Prozent – fast alles Thais –, unter der Woche sind wir praktisch leer. In gewöhnlichen Jahren wären wir jetzt dauernd ausgebucht. Einige Orte am Strand sind seit Monaten wie ausgestorben, sogar die Seven-Eleven-Stores haben geschlossen. Das ist, als wären in der Schweiz die Migros-Läden dicht. Staatliche Hilfe gibts hier kaum. Nun hoffen alle auf ein besseres 2021. Und ich hoffe, dass ich im Sommer meine Eltern sehen kann.»

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