Neue Broschüre
Früher war alles schöner: Der Basler Heimatschutz auf Irrwegen

Seit Jahren bemüht sich der Verein Basler Heimatschutz darum, sich seines rückwärtsgewandten Images zu entledigen. Mit einer neuen Broschüre zur Basler Innenstadt tut er sich nun gar keinen Gefallen.

Patrick Marcolli
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Früher: Haus zum Sodeck von Vischer von Gaasbeek, 1896 (Bild: Staatsarchiv Basel-Stadt). Heute: Der Nachfolgebau von Marcus Diener 1978 (Bild: Torsten Geist).

Dass im Basel der Hochkonjunktur gebaut wurde, was das Zeug hielt, ist bekannt. Dass der Bauwut historisch wertvolle Gebäude zum Opfer fielen, ist ebenso Allgemeinwissen. Dass der Basler Heimatschutz eine wichtige Rolle innehat, wenn es um den Schutz der historischen Bausubstanz geht, leitet sich aus seinen Statuten ab. Dass es diesem privaten Verein jüngst hie und da gelungen ist, sich konstruktiv seines Retro-Images zu entledigen, wird zum Leidwesen seines Vorstands in weiteren Bevölkerungskreisen noch nicht zur Kenntnis genommen.

In diesem Sinn tut sich der Heimatschutz mit seiner neuen Broschüre «Basel gestern - Basel heute» (erschienen in der Reihe «Baukultur entdecken») gar keinen Gefallen. Die Autorin Rose Marie Schulz-Rehberg und Andreas Häner vom Heimatschutz, verantwortlich für Konzept und Redaktion, sind offensichtlich in alte Zeiten und Denkmuster zurückgefallen. Auf einen vereinfachenden Nenner gebracht: Das, was früher dastand, war prächtig, das Neue «gruusig».

Zwar verspricht die Autorin in ihrer Einleitung, sie wolle es den Leserinnen und Lesern überlassen, «ein eigenes Urteil über die bauliche Entwicklung über die Zeitspanne von etwas mehr als 100 Jahren zu bilden». Ihre Texte zu den Gebäuden, die jeweils mit einem Bild aus vergangenen Tagen und einem aktuellen illustriert werden, sind gespickt mit Werturteilen und verunmöglichen eine auf Fakten basierende Meinungsbildung.

Unwiederbringlich geschädigt

Das alte Stadttheater am Steinenberg beispielsweise sei 1975 «aus scheinbar sachlichen Erwägungen» abgerissen worden. Der wahre Grund habe jedoch in der «Verachtung der Stilpuristen für seine offenbar unzeitgemässe neubarocke Prächtigkeit» gelegen. Die früher «beeindruckende Einheitlichkeit des Stadtbilds» sei mit dem Abriss «unwiederbringlich geschädigt» worden. Die hohe architektonische Qualität des Theaterneubaus der Architekten Schwarz & Gutmann erwähnt Schulz-Rehberg dagegen mit keinem Wort.

Früher: Der Fischmarkt (Bild: Staatsarchiv Basel-Stadt). Heute: Der Spiegelhof von Von der Mühll und Oberrauch, 1938/39 (Bild: Torsten Geist).

So zieht sich das weiter durch die Broschüre. Der 1978 von Marcus Diener geschaffene postmoderne Bau an der Ecke Freie Strasse/Barfüssergasse sei zwar «originell», könne aber nicht über den Verlust des alten «Haus zum Sodeck» hinwegtrösten. Ist dem wirklich so? Die Sichtweise, dass der Fin-de-Siècle-Schwulst von Vischer van Gaasbeek der Diener’schen Originalität in vielem unterlegen ist, hält einer Fachbetrachtung mindestens ebenso stand.

Früher: Das Stadt-Casino von Melchior Berri, 1824/26 (Bild: Staatsarchiv Basel-Stadt). Heute: Das Stadt-Casino von Brodtbeck und Kehlstadt, 1938 (Bild: Torsten Geist).

Selbstverständlich ist das Neue nicht automatisch besser, wie sich am Beispiel des Stadtcasino-Baus von 1938 zeigt. Und das «Zerstörungswerk» (Schulz-Rehberg), welches dem Bau des neuen Spiegelhofs voranging, ist aus neutraler Perspektive zu bedauern, der Neubau hingegen ist keineswegs ein Schandfleck in der Altstadt. Wer würde das heute übrigens vom Naturhistorischen Museum behaupten, dem im 19. Jahrhundert eine mittelalterliche Häuserzeile weichen musste? Kurzum: die Broschüre des Heimatschutzes ist in ihrer Haltung reaktionär. Künftige Historiker erst werden beurteilen können, ob das der Beginn gewesen ist einer neuen Welle der Nostalgie im wieder so bauwütigen Basel.