Pop
Musik aus Basel: Soundtrack für den Filmriss

Die Basler Musikerin Taranja Wu verabschiedet sich mit «Naked in English Class» von ihrem Musik- und Lebenspartner Guz.

Stefan Strittmatter
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Naked in English Class

Naked in English Class

bz Basel

Gefühle sind hochgradig sub­jektive Angelegenheiten und entsprechend schwer zu ver­tonen. Hört man sich durch «Naked in English Class», das fünfte Album des gleich­na­migen Duos, so glaubt man, vor allem Aufbegehren und Aggression zu erkennen.

Man stösst auf schnaubende Synthesizer, peitschende Snaredrums, verhallte Megafonstimmen – und auf ein rhythmisches Grundgrollen, das von zweckentfremdet eingesetzter Elektronik oder von einem ­malträtierten Ölfass stammen könnte.

Wenn man jedoch den Entstehungsprozess hinter dem Album, das dieser Tage erschienen ist, kennt, dann versteht man: Hier klingt auch Trauer und Entschlossenheit in den elf Songs und Klang-Collagen mit an. Es ist die Trauer von Taranja Wu, die ihren Musik- und Lebenspartner verloren hat. Und es ist ihre Entschlossenheit, das gemeinsame Werk auch ohne ­Olifir M. Guz, der am 20. Januar 2020 mit nur 52 Jahren einem Herzinfarkt erlegen ist, fertig zu stellen.

«Unmittelbar nach Olifrs Tod wusste ich überhaupt nicht, was ich tun soll», gibt Wu auf Anfrage offen zu. Drei Songs ­seien zu diesem Zeitpunkt fertig gewesen, drei weitere hätten in der Pipeline gesteckt. Daneben gab es haufenweise angefangenes Songmaterial, sagt die Baslerin. «Nach dem Anfangsschock war für mich dann aber schnell klar, dass ich einen letzten Tonträger mit unseren gemeinsamen Songs veröffent­lichen wollte.»

Am schlimmsten war es – und ist es immer noch – Olis Stimme zu hören.

(Quelle: Taranja Wu: Sängerin und Multi-Instrumentalistin)

Anfänglich habe Wu mit der Idee gespielt, die Aufnahmen in einem rohen und unfertigen ­Stadium zu veröffentlichen. «Als Statement», wie sie sagt. Und als Ausdruck dessen, was passiert war: «Nämlich ein abrupter Filmriss.» Sie hatte das Gefühl, dieses Zeichen würde helfen – ihr selber und den vielen Menschen, die Guz als Songschreiber und Frontmann der Schaffhauser Band Die Aeronauten oder als schrullige Figur aus Gabriel Vetters SRF-Serie «Güsel» kannten und liebten.

Doch dann habe sie ihre Pläne geändert, als sie das Angebot bekam, sich in Schaffhausen in ein kleines Studio einzumieten, in dem sie und Guz schon oft zusammen gearbeitet hatten. «Der Umstand, dass ich in den gleichen Räumen weiter an unserem Songmaterial arbeiten konnte, hat mir sehr geholfen», sagt die Sängerin und Multi-Instrumentalistin. Natürlich habe der Prozess viel Überwindung gekostet: «Am schlimmsten war es – und ist es immer noch – Olis Stimme zu hören.»

«Ein Anker in einem tiefen, dunklen Ozean»

Aber rückblickend habe sie gar keine andere Möglichkeit gehabt, so Wu: «Nicht am Album zu arbeiten, war nie eine wirkliche Option.» Das Projekt musste fortbestehen, das Album veröffentlicht werden. «Mit Naked in English Class weiter zu machen, war zwar voller schmerzhafter Erinnerungen, aber gleichzeitig auch mein Anker in einem tiefen, dunklen Ozean.»

Und so verwundert es nicht, dass etwa die instrumentellen Stücke «E29» und «Mothlight» sehr düster klingen. Man ­könnte sich die Klang-Etiketten durchaus als Tonspur für einen Endzeitfilm vorstellen. Aber die Sonne steht auf dem ganzen ­Album grundsätzlich tief unter dem Horizont, schliesslich klingen die mit Gesangsfragmenten angereicherten Beats wie der Soundtrack zu einer geglückten halblegalen Kellerparty.

Sitzen bleiben geht nicht, und auch an die Wand lehnen nur mit entsprechend hohem Alkohol­pegel. Zu sehr fahren das ge­shuffelte «So Glad», das an die Young Gods erinnernde «Ramble and Roam» oder das ein­nehmende «Hollow Boy ­Hollow» in die Beine. Wenn sich Guz und Wu im letztgenannten Stück gegenseitig die Zeilen zuwerfen, so klingt das wie eine durch einen Atari-Computer geshrederte Version von Johnny Cashs und June Carters «I’m Going to Jackson».

Die Band soll weiter bestehen

Und wohin geht der Weg nun für Taranja Wu? «Naked in ­English Class wird es weiterhin geben,» sagt die Musikerin bestimmt. Sie arbeite bereits an neuen Songs, einer davon (das politisch aufgeladene «I Can’t Breathe») hatte es gerade noch als Opener auf das Duo-Album geschafft.

Es werde sich noch weisen, ob sie solo oder mit Gästen weiter­mache. Auch habe sie schon daran gedacht, aus dem Duo-Format auszubrechen und eine «richtige Band» zu gründen, sagt Wu. Aber aktuell sei ihre liebste Option, wieder ein permanentes Duo-Gspänli zu finden.

Es ist diese Zuversicht, diese Power, die auch aus der Musik von Wu spricht. Die Fertig­stellung des Albums mag ihr bei der Bewältigung einer schweren Zeit geholfen haben. Dennoch steht ganz klar die Musik und nicht die Trauer im Zentrum von «Naked in English Class» – einem Album, auf das auch Guz stolz sein dürfte.
Naked in English Class:
«Naked in English Class», Ikarus Rekords.