Was aus einer privaten Initiative entstand, ist heute eines der wichtigsten Museen der Welt: die Fondation Beyeler. 1982 gründete das Basler Galeristenehepaar Ernst und Hildy Beyeler eine Stiftung, 1997 eröffneten sie das Museum im beschaulichen Riehen. Hochkarätig die Sammlung, hervorragend ihr Ruf. Eine Erfolgsgeschichte die Direktor Sam Keller, zuvor Leiter der Art Basel, seit 2008 weiterschreibt.

Erinnern Sie sich an den Tag, als Sie zum ersten Mal einen Fuss in die Fondation gesetzt haben?

Sam Keller: Ja, das war nach einem Sabbatical, ein paar Monate nach der Eröffnung. Als ich durchs Tor trat, fragte ich mich zunächst: Wo ist denn hier das Museum? Man sah erst nur den idyllischen Park. Dahinter entdeckte ich den Bau von Renzo Piano, der sich harmonisch in die Landschaft einfügte: Wunderschön, dachte ich, aber etwas klein! Erst als ich eintrat, entfaltete sich seine wahre Grösse. Und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus: Ernst und Hildy Beyeler hatten nicht viel über ihre Kunstsammlung durchblicken lassen. Man hatte zwar gehört, dass sie unglaublich gut sei. Aber welche Schätze sie enthielt, das wurde erstmals im Museum klar. Als ich dann dieses riesengrosse Seerosenbild von Monet zum ersten Mal sah und nach draussen auf den Seerosenteich blickte – so einen Moment vergisst man nie wieder. Diese Weite!

Haben Sie manchmal das Gefühl, Riehen sei zu klein für die Fondation Beyeler – oder die Fondation zu gross für Riehen?

Eigentlich nicht, nein. Es gibt verschiedene Arten von Museen: Die klassischen Bauten des 19. Jahrhunderts, wo das Museum mitten in der Stadt steht, neben dem Theater, der Oper und der Bibliothek. Und dann gibt es jene, die auf dem Land entstehen, meistens aus der Initiative von jemandem, der diesen Ort besonders mag. Solche Museen besucht man nicht nur mal kurz zwischen Einkaufen und Abendessen, sondern geht extra hin, verbringt Zeit, entschleunigt und geniesst. Gerade dafür ist Riehen perfekt: Man ist fast noch in der Stadt und doch tut sich nach hinten diese tolle Landschaft Richtung Schwarzwald auf. Ursprünglich standen ganz andere Standorte für die Fondation Beyeler zur Diskussion: Direkt neben dem Kunstmuseum oder im Baselbiet, auf dem Sonnenberg. Die Beyelers aber haben sich bewusst für Riehen entschieden, wo sie selber wohnten. Das Museum bildet dort eine Brücke zwischen Stadt und Land.

Fünf unvergessliche Ausstellungen in der Fondation Beyeler

Eine Brücke, die viele Touristen anlockt.

Stimmt, und da gibt es alles: Tagesausflügler, solche, die auf der Durchfahrt oder Geschäftsreise sind bis hin zu denen, die extra und teilweise von weit her für einen Museumsbesuch kommen. Die Hälfte unserer Besucher ist international. Neben Europäern sogar Amerikaner, Japaner, Koreaner, Chinesen.

Ist die Fondation auch schon Teil der Europa-Rundreisen asiatischer Gruppen?

Nein, aber wir sind auf der Grand Tour der Kunst- und Architektur-Liebhaber. Es gibt keine andere Stadt, die so viele Bauten von Pritzker-Preisträgern vorzuweisen hat wie Basel. Diese Besucher erkennt man oft daran, dass sie als erstes nicht ins Gebäude hinein, sondern rundherum laufen (lacht).

Sie begrüssen auch immer wieder prominente Besucher. Bei welchem VIP waren Sie am nervösesten?

(Denkt lange nach)

Leonardo Di Caprio?

Nicht wirklich, nein. Er war ja schon mehrmals da. (Denkt wieder nach) Vielleicht bei Keanu Reeves, den wir für eine Lesung aus Paul Gauguins Buch gewinnen konnten. Er war mehrere Tage hier. Ich habe ihn gefragt, was er in dieser Zeit unternehmen möchte und er sagte: Lieber nichts, ich will mich seriös vorbereiten. Als wir dann vor der Lesung draussen noch eine Zigarette rauchten, sah ich, dass auch Hollywoodstars Lampenfieber haben. Da habe ich etwas mitgefiebert. Sein Auftritt war dann grosses Kino. Es ist interessant, Zeit mit begabten Menschen zu verbringen.

Mit Künstlern auch?

Natürlich. Mit Gerhard Richter zum Beispiel: Der war für den ganzen Aufbau seiner Ausstellung hier und das war so schön und spannend, dass wir am Ende gesagt haben, wir machen mal eine Ausstellung, wo das Publikum beim Einrichten zuschauen kann.

Raffinierte Idee!

(Lacht) Ja, oder? Richter ist ein hochinteressanter Künstler und feiner Mensch. Und je länger man mit ihm zusammenarbeitet, desto mehr lernt man auch über ihn und sein Werk.

Man merkt: Solche Begegnungen sind Ihnen wichtig. Was die Ausstellungen angeht: Zeigen Sie lieber lebende oder tote Künstler?

Wir stellen nicht Künstler, sondern Kunst aus. Und sagen wir es mal so: Ich möchte gerne, dass die Kunst lebendig ist, wenn sie bei uns zu sehen ist. Das ist einfacher mit lebenden Künstlern aber auch möglich bei manchen, die nicht mehr leben. Einige der schönsten Ausstellungen waren jene von historischen Künstlern. Man kann sie durch eine Ausstellung wieder zum Leben erwecken. Oder wie jetzt, bei Paul Klee: neue Facetten aufdecken.

Die Fondation Beyeler als Lebenszyklus: Wo befindet sie sich derzeit?

Das ist eine interessante Frage. Ein Museum wird ja von Menschen gemacht und hat also immer auch etwas Menschliches. Nach 20 Jahren kann man sagen: Die Kindheit ist definitiv vorbei, Kinderkrankheiten auch, mit zwanzig Jahren sind wir jung und dynamisch, und doch schon auf dem Weg zur Reife - was gut ist. Oft leben Privatmuseen nur von der Initiative der Gründer und enden mit deren Lebenszeit. Die Beyelers haben ihr Museum aber so angelegt, dass es auch langfristig auf eigenen Beinen stehen und sich weiterentwickeln kann. Das ist eine erstaunliche Leistung, dafür muss man viel Vertrauen haben und Verantwortung abgeben können, damit das Lebenswerk über die eigene Zeit hinaus bestehen kann.

Gibt es Werke, die langsam Staub ansetzen?

Ja, die gibt es tatsächlich. Im wörtlichen Sinn: Ein Warhol-Bild, das Joseph Beuys zeigt, hat über die Jahre Staubpartikel angesetzt. Es ist eines der wenigen, das der Künstler mit einer feinen Schicht aus Diamantstaub verziert hatte. In einem aufwendigen Restaurierungsprojekt wurde es nach grundlegenden Analysen und Tests über mehrere Monate von der herkömmlichen Staubschicht gereinigt und ist nun zum ersten Mal wieder in unserer dritten Sammlungsausstellung Cooperations zu sehen. Kunsthistorisch betrachtet ist bei der Sammlung Beyeler aber das Gegenteil von Verstaubung der Fall: Das Ehepaar hat rund vierzig Künstler gesammelt. Darunter gibt es keinen, der nicht zu den ganz wichtigen Künstlern des 20. Jahrhunderts gehört. Alle Werke sind von höchster Qualität und werden regelmässig für Ausstellungen in internationalen Museen angefragt. Es gibt erstaunlicherweise keinen einzigen «Ladenhüter».

Zahlt sich das aus, anderen Museen Bilder auszuleihen?

Ja, kulturell aber nicht finanziell. Jedes Jahr sind zwischen 60 und 90 unserer Werke auf Reisen. Aber wir wollen kein Geld damit verdienen. Bilder sind Botschafter, die wir nur an renommierte Museen für Ausstellungen ausleihen. Da gehören sie aus künstlerischen Gründen hin, nicht aus kommerziellen.

Das heisst, die Stiftung ist so gut alimentiert, dass sowas gar nicht in Erwägung gezogen werden muss?

Das Geld hätten wir schon nötig. Aber wir möchten das aus moralischen Gründen nicht. Es gibt immer wieder Leute, die denken, die Fondation Beyeler sei reich, weil ihre Gründer in der Bilanz-Liste der dreihundert reichsten Schweizer gelistet waren: Mit zwei bis drei Milliarden Franken. Dabei bezog sich dieser Betrag auf den Wert von Kunstwerken, die sie der Stiftung geschenkt haben, nicht auf ihr Vermögen per se. Natürlich waren sie vermögender als Sie und ich, aber sie haben bescheiden in einem kleinen Haus in Riehen gewohnt, hatten kein Auto und sagten, wahrer Reichtum sei für sie, von Kunst umgeben zu sein.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Museen müssen wir den Grossteil unseres Budgets selbst erwirtschaften. Den überwiegenden Teil zahlen Besucher, Sponsoren, Stiftungen, Private, der Shop und das Restaurant. Wir haben das Geld eigentlich viel nötiger als die meisten Kulturinstitutionen, die dem Staat gehören oder von ihm bevorzugt gefördert werden.

Die Fondation Beyeler wird aber auch staatlich gefördert – mit knapp zwei Millionen Franken pro Jahr. Was macht dieser Betrag in Ihrem Budget aus?

Rund zehn Prozent von unserem Jahresbudget, das bei über 25 Millionen Franken liegt. Diese Subvention von Kanton und Gemeinde ist für uns essentiell. Immerhin können wir damit eine Ausstellung finanzieren.

Wenn wirs schon vom Geld haben. Was besorgt Sie besonders? Die Versicherungskosten?

Ja, das ist eine der grossen Sorgen der Kunstmuseen. Es ist ein bisschen wie in der Champions League im Fussball. Wenn der Markt boomt und die Preise rasant steigen gibt es eine Separierung: Welche Clubs können sich noch die besten Spieler leisten? Welche Museen können sich noch die besten Künstler für Ausstellungen und Kunstwerke für die Sammlung leisten? Wir organisieren im nächsten Jahr eine Giacometti- und Bacon-Ausstellung. Das ist kunsthistorisch spannend, finanziell aber der perfekte Sturm: der teuerste Maler und der teuerste Bildhauer. Die meisten Museen können das leider gar nicht machen.

Die Fondation spielt in der Champions League.

Ja, aber hier in der Schweiz haben die grossen Museen noch ein zusätzliches Problem. Im Gegensatz zu allen anderen westlichen Ländern übernimmt der Staat bei uns keine Versicherungskosten für Kunstwerke. Wir müssen also jedes Jahr einen Versicherungsbetrag in Millionenhöhe bezahlen, mit dem wir locker eine weitere Ausstellung oder einen wichtigen Ankauf für die Sammlung finanzieren könnten.

Blicken wir in die Zukunft: Sie planen eine Erweiterung, einen Neubau von Peter Zumthor. In Basel denkt man beim Stichwort Neubau sofort an das von Geldnot geplagte Kunstmuseum. Wie wollen Sie eine solche Situation vermeiden?

Indem wir die Betriebskosten für die ersten zehn Jahre bereits im gesamten Projekt budgetiert haben.

Das hatten Sie schon länger vor?

Natürlich, das war von Anfang an die Grundbedingung. Jeder Museumsbetreiber weiss: Das Teuerste an einem Museum ist nicht das Bauen, sondern das Betreiben.

Ist das als Seitenhieb ans Kunstmuseum Basel zu verstehen?

Nein, überhaupt nicht, das ist einfach so. Man kann ja auch nicht ein Auto kaufen ohne das Geld für Benzin zu haben. Wenn man vernünftig haushalten will, braucht man entsprechende Betriebsmittel. Leider geben Mäzene lieber Geld für ein Gebäude als für Heizkosten und Aufsichtspersonal. Deshalb haben wir von Anfang an gesagt, wir würden erst bauen, wenn wir auch die Betriebsmittel dazu haben. Und wir machen mit allen Spenden halbe-halbe: Eine Hälfte fliesst in den Bau, die andere in den Betrieb.

Im Mai sagten Sie, dass Sie für den Neubau rund 100 Millionen Franken auftreiben müssen. Wo stehen Sie derzeit?

Wir haben bis jetzt knapp 60 Millionen Franken versprochen bekommen. Nachdem ein Berner und ein St. Galler, also die Stiftungen von Hansjörg Wyss und Stephan Schmidheiny, grosszügig den Anfang gemacht hatten, so haben wir erfreulicherweise mittlerweile auch grosszügige Spenden von Baslerinnen und Baslern erhalten.

Sind die Basler zögerliche Mäzene?

Nein, sie wollen einfach erst sehen was gebaut wird, bevor sie geben.

Noch fehlen Ihnen 40 Millionen Franken. Ist der Baubeginn im 2019 realistisch?

Wir haben immer kommuniziert, dass wir mit dem Bau beginnen, wenn wir die Mittel und die Bewilligungen haben und das braucht bei anspruchsvollen Projekten seine Zeit. Dafür kann man sich auf ein weiteres Bauwerk von hoher Qualität und Ausstrahlungskraft freuen.

Jubiläumsausstellung Sammlung Beyeler / Cooperations, 18. Oktober 2017 bis 1. Januar 2018, Fondation Beyeler, Riehen.