Basler Geschichte(n)
Meine italienische Mutter – eine Spurensuche

Basler Geschichte(n), Teil 6 – Integration und Aufstieg in Basel.

Markus Locher*
Drucken
Teilen
Mutter Alvaro (links) und ihre Eltern, Grosseltern des Autors.

Mutter Alvaro (links) und ihre Eltern, Grosseltern des Autors.

zvg

2014 gedachte man europaweit des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges. Mit meiner Familiengeschichte beschäftigt, stellte ich mir die Frage, warum mein italienischer Grossvater, der Vater meiner Mutter, damals in Basel geblieben und nicht – wie zigtausend andere Männer – nach Italien zurückgekehrt war. Ich fragte mich, ob er wohl ein Refraktär gewesen sei, also einer, der den Dienst in der Armee verweigert hatte. Ich fand dafür keine Belege; wahrscheinlich wurde er nicht einberufen, weil er mit Jahrgang 1868 schon relativ alt war. Zudem hatten meine Grosseltern gerade erst geheiratet und waren kurz vor Kriegsausbruch Eltern geworden.

Meine Grosseltern stammten aus Roncadello in der Provinz Cremona. Mein Grossvater war mit 25 Jahren ausgewandert und gelangte nach fünfjährigem Aufenthalt in La Chaux-de-Fonds Ende 1900 nach Basel, wo er sofort die Niederlassung erhielt, wie es dem Abkommen zwischen Italien und der Schweiz vom Jahre 1868 entsprach. Wie aber gelang die Integration?

Der erste Schritt

Mit der Niederlassungsbewilligung hatte mein Grossvater den ersten Schritt der Integration geschafft, die rechtliche Gleichstellung, mit Ausnahme der politischen Rechte allerdings. 1913 heiratete er in Casalmaggiore, einem kleinen Städtchen, zu dem sein Heimatdorf Roncadello gehörte, meine Grossmutter, die ihm wenig später nach Basel folgte. Auch der zweite Schritt, die Integration auf dem Arbeitsmarkt, gelang meinem Grossvater relativ rasch. Der Krieg offerierte den hiesigen Ausländern Arbeitschancen, weil viele Schweizer im Aktivdienst beansprucht waren. 1917 wurde er vom Taglöhner zum Steinklopfer beim Basler Baudepartement. Die Grossmutter arbeitete als Büglerin.

Und dann der dritte Schritt: Die «lebensweltliche Integration» durch Wahl eines geeigneten Wohnorts. Nach Grossvaters Tod 1932 konnten Grossmutter und Tochter, meine Mutter, von ihrer bisherigen 2-Zimmer- in eine 3-Zimmerwohnung umziehen. Der Umzug innerhalb des Gotthelfquartiers bedeutete einen sozialen Aufstieg. Wohnte die Familie zunächst an der als «Italienerghetto» verrufenen Bartenheimerstrasse, so waren sie nun nach Auskunft des Basler Adressbuchs in einem Haus an der Eichenstrasse eingemietet, in der fast nur Schweizer wohnten. Es war offensichtlich die gute Schulbildung meiner Mutter, welche diesen Wechsel möglich machte.

Dank höherer Bildung in die Berufswelt

Zu verdanken war das im Wesentlichen dem sozialen Basel der Dreissiger Jahre, konnte doch die Immigrantentochter nach den acht obligatorischen Schuljahren ihren Schulrucksack im Isaak Iselin-Schulhaus noch zwei weitere Jahre in der Handelsklasse der Mädchensekundarschule füllen. Der Lehrplan führte zu einer höheren Mädchenausbildung. Statt Kochen und Handarbeit bot er Lektionen in Rechnen, Buchhaltung, Englisch und Stenografie. Dabei war wohl entscheidend, dass Unterricht wie Lehrmittel gratis waren. Im Frühjahr 1930 – inmitten der Weltwirtschaftskrise – konnte sie dann offenbar problemlos in die Arbeitswelt einsteigen, zunächst in eine Firma für Büromaschinen.

Als vierten und letzten Schritt gelang die Heirat mit einem «Einheimischen». Meine Mutter lernte an ihrem Arbeitsplatz ihren zukünftigen Mann kennen, der 1939 aus Appenzell Innerrhoden nach Basel gekommen war und Geschäftsführer einer Getreideimport- und -exportfirma wurde, in der sie als Buchhalterin ein Leben lang arbeiten sollte.

Mit der Heirat wurde sie auch automatisch Schweizerin. Das Paar bekam vier Kinder. Ihnen allen bot die Humanistenstadt die Möglichkeit zu studieren. Die Zeitläufte – die goldenen Nachkriegsjahre – boten uns diese Chance. Und natürlich war es wichtig, dass die Ausbildung im Gymnasium und an der Universität wenig kostete. So gelang uns fast im Schnellzugstempo ein Aufstieg, der sonst oft mehrere Generationen dauerte.

--
* Der Autor hat über die Baselbieter Schulgeschichte doktoriert. Die «Basler Geschichte(n)» ist nachlesbar unter www.stadtgeschichtebasel.ch.

Aktuelle Nachrichten