Mit zwanzig Jahren hat er sich bereits seinen grössten Traum erfüllt: Der Zauberer Winston Fuenmayor tourt mit seiner Kunst durch Europa, verdient sich mit seiner Leidenschaft das Leben. Dieses Wochenende tritt er als einer von 25 ausgewählten Künstlern am Basler Zirkusfestival «Young Stage» auf. Was macht der plötzliche Erfolg mit einem Mann, der vor ein paar Monaten noch in Caracas lebte und dort Gewalt und Unruhen miterlebte?

Die «Schweiz am Wochenende» trifft den jungen Venezolaner nach einer der letzten Hauptproben im Zirkuszelt auf der Rosentalanlage. Eben noch stand er mit anderen jungen Artisten und Artistinnen auf der Bühne, verbeugte sich immer und immer wieder. Eine ermüdende Angelegenheit, dieses konstante Üben jedes kleinsten Details, sogar des Applauses. Das war ihm anzusehen. Eine knappe Stunde hat der Magier Pause, ehe die Probe wieder aufgenommen wird. Er opfert sie für ein Gespräch.

Seit diesem Jahr ist Winston Fuenmayors Leben im Umbruch. Als er acht Jahre alt war, kaufte ihm die Mutter einen Zauberkasten, nachdem der kleine Junge im Fernsehen eine Zaubershow gesehen und nur noch gestürmt hatte. Es war der Beginn einer Karriere, wie sie niemand vorhergesehen hatte.

«In Caracas gibt es kaum kulturelle Angebote, geschweige denn Zirkusschulen», erzählt Fuenmayor. Also brachte er sich das Zaubern selbst bei: Er lernte Tricks, las Bücher, träumte vom Unmöglichen. Später besuchte er am Wochenende Kurse bei einem Zauberlehrer und zeigte in den Parks und Strassen der Stadt, was er drauf hatte.

Für seine erste grosse Zaubernummer, die er nun auch in Basel zeigt, hatte er kaum Ressourcen. «Es ist momentan einfach alles zu teuer in Venezuela, auch das Essen. Als ich meine Nummer entwickelte, musste ich mir überlegen: Wie kriege ich was Tolles mit einfachen Dingen hin?» Er entschied sich für Spielkarten und Papierzigaretten.

Seine Einlage schickte er als Demotape an Festivals in der ganzen Welt. Und erhielt zahlreiche Einladungen: an Festivals in England, China, Italien, Deutschland, Frankreich, in der Schweiz. Jede Show ermöglicht ihm weitere Engagements.

In Paris entdeckte ihn Nadja Hauser. «Er hat mich voll gepackt und sehr berührt», so die Leiterin des «Young Stage»-Festivals. Der junge Zauberer verarbeite seine Lebensgeschichte in seiner Darbietung: «Man spürt und sieht das und leidet förmlich mit, wenn er auf der Bühne ist.»

Die Bühne als Ort der Zufriedenheit

Die Bühne ist Fuenmayors Ventil. Dort kann er zeigen, wer er ist und was er fühlt. «In der Performance finde ich Zufriedenheit. Wann immer ich meine Nummer aufführe, fühle ich mich gut.» Abseits des Rampenlichts sei er schüchtern, sagt er selbst. Ab und zu lacht er verlegen. Meist aber bleibt er ernst.

Wie er damit umgehe, plötzlich alleine durch Europa zu reisen? Er sei es sich gewohnt, alleine zu sein, sagt er dann. Manchmal, da sei es schwer. Aber es gehe schon. Hin und wieder versucht er auch, die eigene Unsicherheit herunterzuspielen. Dann witzelt er über Themen, die ihn sichtlich beschäftigen.

Seine Unterarme sind tätowiert. «Lift me up» steht auf dem einen Arm, «let me go» auf dem anderen. Es sind Zeilen aus einem Lied von Linkin Park. «Der Song hilft mir, mich stark zu fühlen, wenn ich einen Kampf führe.»

Meist kämpft er mit sich selbst. «Ich war schon immer etwas melancholisch. Das ist ein Teil von mir, den ich noch immer nicht genau verstehe.» Dann verliere er sich in seinen eigenen Gefühlen, in schlechten Gedanken.

Er kann das Privileg, um die Welt zu reisen, nicht wirklich geniessen. «Venezuela ist ein Land zum Verlassen. Die Leute tun das nicht zum Spass, sondern um zu entkommen.» Seine Schwester lebt heute bereits in der Dominikanischen Republik. Die Eltern aber sind nach wie vor in Caracas zu Hause. Dort, wo sich der Konflikt zwischen Präsident Maduro und der Opposition seit Jahren in gewaltreichen Protesten entlädt.

Die Sorge um die Liebsten ist allgegenwärtig: «Ich denke ständig darüber nach, was meine Familie gerade erlebt, was sie durchstehen muss. Da ist diese konstante Sorge um meine Familie in Venezuela, um meine Mutter, meinen Vater.»

Es naht der Abschied

Und so ist die Zeit in Europa auch eine dauerhafte Pein – denn die Schuldgefühle, die sind gross. Ende Mai reist der junge Mann ein letztes Mal zurück in die Heimat. Knapp zwei Monate wird er dort bleiben, noch einmal ausgiebig Zeit mit seinen Eltern verbringen, ehe er nach Deutschland zieht.

Der Abschied von der Familie bereitet ihm bereits jetzt Kummer. Er wolle sich nicht mit der Zukunft auseinandersetzen: «Es ist ziemlich traurig, daran zu denken.»

Ob er sich vorstellen könne, jemals hier in Europa zu Hause zu sein? «Ich glaube, Heimat ist das Gefühl, wenn du dich völlig wohlfühlst. Meine Heimat ist dort, wo ich mit meiner Familie sein kann.» Nach Europa wird diese wohl nicht kommen. Die Hürde, hier ein neues Leben zu beginnen, wäre für sie zu gross, vermutet Fuenmayor.

Dennoch wird er nicht müde zu betonen, dass er mit seinem Leben zufrieden sei. «Wenn ich hier bin, bin ich ruhig. Gestern ging ich um zwölf Uhr nachts durch die Strassen zum Hotel. Das wäre in Venezuela undenkbar.»

Auch an die Tatsache, dass er hier kaum Spanisch sprechen könne, habe er sich mittlerweile gewöhnt. Die Heimat aber, die wird immer weit weg sein.

Welche Träume bleiben einem Mann, der mit Zwanzig bereits das Unmögliche geschafft hat? «Ich weiss es selbst nicht», sagt Fuenmayor. Ein Ziel hat er allerdings noch: Er möchte mit einer eigenen Show durch die Welt touren.

Bis es einmal so weit ist, ist er in Deutschland unterwegs. Ab nächstem Jahr hat er eine Anstellung beim GOP Variété-Theater. Während zweier Jahre wird er von einer deutschen Stadt in die nächste reisen, in immer anderen Hotels übernachten.

Doch selbst wenn er eines Tages einmal sesshaft werden sollte: Die Rastlosigkeit wird Winston Fuenmayor wohl noch lange nicht ablegen können. Es bleibt die Hoffnung, dass er dennoch irgendwann ankommen wird.

 

«Young Stage» bis zum 14. Mai, Rosentalanlage