«Im Fluss»

Lo, Leduc und das Riesengedrück am Basler Rheinufer

20 Jahre «Im Fluss»: Zum Auftakt gabs einen Besucherrekord – und für den Kritiker zum Abschied noch eine neue Erfahrung.

Gabs das schon mal, sooooo viele Leute an einem Konzert «Im Fluss»? 90 Minuten vor Konzertbeginn sind die Sitzplätze am Rheinufer bereits besetzt. «The city center must be empty», sagt ein Tourist beeindruckt. Tatsächlich: So viele Menschen am Rheinweg auf der hoffnungslosen Suche nach einem Sitzplatz, einem Sichtplatz.

Den haben sich die wahren Fans von Lo & Leduc längst gesichert, sie sitzen auf Steppdecken, verpflegen sich aus Tupperwaregefässen, warten auf 20.30 Uhr, bis die Show beginnt. Dann, so viel sei schon verraten, werden die Schaulustigen das Kleinbasel mit Grossbasel verbinden, auf der Mittleren Brücke, wo man immerhin was sieht. Wo hört man aber alles, wenn’s vorne schon voll ist?

Das fragen wir den Programmchef Gaetano Florio, als er sich vor Konzertbeginn durch die Massen schiebt. «Am anderen Ufer», sagt er schulterzuckend.

Ein Sommernachtstraum wird wahr

Ich muss doch etwas sehen, denke ich mir und versuche, einen Platz zu ergattern, der doch noch Sicht auf die Bühne ermöglicht. «Kannst Du vergessen», sagt eine Zuschauerin, die mir ansieht, dass ich eine kleine Kletterübung in Betracht ziehe. Sie hat recht.

20 Jahre Floss heisst in meinem Fall ja auch 20 Jahre älter, 20 Jahre gstabiger.

Hätte ich mir doch altersgerecht ein Zimmer mit Aussicht gegönnt, für 400 Franken, so wie die Kollegen der BaZ – das zumindest verrät mir ein Angestellter im Hotel Krafft (wenn es stimmt: cooles Spesenreglement, Tamedia!). Die Zimmer mit Blick über die Menge sind jedenfalls längst ausgebucht.

Das Warten in der Druggede gibt Zeit für eine Rückblende: 20 Jahre Floss heisst auch 20 Jahre Berichterstattung über diesen lauschigen Sommerevent, der bei der ersten Ausgabe im Jahr 2000 noch an ein Jekami erinnerte, wie auch «Im Fluss»-Gründer Tino Krattiger zugibt. Da traten Big Bands auf, Kleinkünstler wie der Clown Pello, ja sogar eine Formation namens Tuschi und Muschi stand auf dem Programm.

Den Durchbruch erlebte der Anlass im Jahr 2000 erst mit dem Konzert einer Berner Band: Stiller Has liessen die Massen hoppeln. Da wusste Tino Krattiger, dass er es geschafft hatte, dass der Sommernachtstraum wahr wurde: eine schwimmende Bühne für ein gestrandetes Publikum, eine Sommerattraktion für die Daheimgebliebenen.

Über die Jahre wurde das Programm fokussierter, musikalischer, internationaler. Was geblieben ist: die Zugkraft der Berner, diesmal Lo & Leduc. Sie kombinieren Rap, Pop und Reggae-Anleihen und haben damit den grössten Schweizer Hit der Gegenwart gelandet, «079», ihr wisst schon, die Über-Nummer.

Bevor diese bejubelt wird, spielen sich die Berner durch ihr Repertoire, während ich als Kritiker nach 20 Jahren Flossberichterstattung erstmals ohne Chance auf Bühnensicht dastehe. Das amüsiert mich, steht dieser Auftaktabend doch ironischerweise für das Ende meiner Tätigkeit im Basler Tageszeitungsgeschäft. Es ist mein (vorerst) letzter Konzertbesuch mit Notizblock in der Hand*. Was da drinsteht? Phrasen eines alten Hasen:

Ein Konzert, das alle erlebt haben, aber nur wenige gesehen.

Für einmal hofft man, dass der Regen kommt und die ersten Reihen nach Hause spült.

Lo, Leduc und das Riesengedrück

Wer das Konzert visuell verpasst hat, findet immerhin Drohnen- und Handyaufnahmen im Netz, die Generation «079» ist nicht untätig geblieben. Eine eindrücklichere Kulisse hätte sich die Floss-Crew nicht wünschen können, Krattiger bestätigt denn auch, dass man wohl einen neuen Zuschauerrekord erreicht habe.

Dass wir Tausendschaften auch hinter den Fanreihen das Konzert geniessen können, liegt an den beiden Berner Gentlemen: Lo & Leduc unterhalten nicht nur mit ihren phrasierten Tanzrhythmen und ihrem vollen Bandsound (inklusive Bläsersatz), sondern auch mit ihren Ansagen. Besonders schätzt das Publikum den Freestyle-Rap, mit dem der Lokalstolz gestreichelt wird. So bauen sie Ausdrücke wie «Rossbollemississippi» (für den Rhein) oder «Dante Schuggi» in die Reime ein. Das sorgt für Zwischenjubel im Riesentrubel.

«Ihr seid verrückt. Was macht ihr an einem Freitag?», fragen Lo & Leduc gegen Ende ihres mitreissenden Auftritts. Am Freitag? Na, da pilgern wir wieder an den Fluss. Ich aber erstmals nach 20 Jahren ohne Notizblock. The Times they are a-Changin’.


   

* Mit diesem Text verabschiede ich mich in die Selbstständigkeit. Schön wars, spannend wirds. Ademessi.

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