Vor Christoph Blum steht die Duden-Gesamtausgabe, hinter ihm hängt eine Weltkarte. Dazwischen, zwischen Sprache und Welt, findet seine Arbeit statt. Gerade korrigiert er die Druckfahne von «Immer vorwärts» von Lina Bögli, der Bauerntochter, die als erste grosse Reiseschriftstellerin der Schweiz gilt.

Manchmal, besonders in der Phase des Korrekturlesens, liegt der Fokus mehr auf der Sprache und manchmal mehr auf der Welt. Oft ist es die arabische Welt, da die arabische Literatur nebst Schweizer Literatur und Sachbüchern einen wichtigen Schwerpunkt des Lenos Verlags darstellt. Blums Aufgabe ist es unter anderem, das Geschriebene mit der Welt abzugleichen.

Wie viele Kilometer liegen zwischen Paris und dem Ärmelkanal, und wie viel Zeit brauchte man im 18. Jahrhundert, um diese Strecke zurückzulegen? Wer siezt wen? Stimmen die Altersangaben, Haarfarben? Ist die Zeitangabe für den Sonnenuntergang korrekt?

Gerade bei Sonnenauf- und -untergängen kann vieles schiefgehen. Einmal liess ein Autor seine Figur den Sonnenuntergang an einem Ort betrachten, an dem dieser gar nicht zu sehen ist. Das sind dann Dinge, über welche die Leserschaft stolpern kann. Wenn Lesen heisst, eine Art Pakt mit dem Buch zu schliessen, der beinhaltet, dass man sich während der Lektüre auf das Buch einlässt, dann nimmt der Lektor eine unterstützende Funktion in diesem Prozess ein – und das meistens, ohne dabei wahrgenommen zu werden.

«Ein gutes Lektorat bemerken die meisten kaum», erklärt Blum. «Man merkt viel eher, wenn ein Buch schlecht oder gar nicht lektoriert ist.» Gerade in der metaphernreichen arabischen Literatur ist es wichtig zu prüfen, ob die übersetzten Bilder stimmig sind. Und gelegentlich ist es auch nötig, Fussnoten zu setzen. Den Satz «Und machst es wie Rifâa al-Tahtâwi», der auf einen ägyptischen Gelehrten anspielt, könne man ja schlecht mit «und machst es wie Pfarrer Nolte» übersetzen, erklärt Blum lachend.

Ein grosser Teil der Lektorentätigkeit ist die Arbeit an der Sprache. Diese soll nicht nur verständlich, sondern literarisch anregend sein. «Schliesslich publizieren wir ja keine Gebrauchsanweisungen.» Und wann ist ein Buch kein gutes Buch? «Wenn wir das Manuskript ablehnen», meint er schalkhaft und ergänzt dann: «Wenn es langweilt oder voller Klischees ist. Ein gutes Buch soll mich überraschen, mir Einblicke in andere Gedankenwelten geben.»

Von den über hundert Manuskripten, die der Verlag jährlich zugeschickt erhält, kommen nur wenige infrage. Um vielversprechende neue Stimmen zu entdecken, geht man auch proaktiv auf Suche. Wird es irgendwann auch ein Buch von Christoph Blum zu lesen geben? Die Frage wurde ihm schon oft gestellt. «Ich schreibe selbst nicht», sagt er. «Ich helfe Autorinnen – und noch öfter Übersetzern –, dass ihre Texte noch besser werden. Das genügt mir vollauf.»

Aufgewachsen ist Blum in Halle. Als Bub wollte er Strassenbahnfahrer werden und war ein Vielleser. Er studierte Geschichte, Altgriechisch und Französisch in Halle, ursprünglich mit der Absicht, Lehrer zu werden. «Aber Gott sei Dank fiel mir noch rechtzeitig ein, dass das Bändigen von Jugendlichen mir nicht entsprechen würde», erzählt er lachend.

Im Französischstudium wurden Übersetzungen aus der BRD mit solchen aus der DDR verglichen, eine präzise Textarbeit, die ihn faszinierte. In den Semesterferien absolvierte Blum ein kurzes Praktikum bei Reclam und eines beim Lenos Verlag. Nach der Uni jobbte er bei einer Werbeagentur und fand dann eine Stelle in Muttenz beim Schwabe Verlag. Als Korrektor war er dort für die sprachliche Korrektheit der Texte zuständig.

Vom Vielleser zum Viermal-Leser

Was ihn dazu bewogen hat, sich nach einigen Jahren wieder beim Lenos Verlag zu bewerben, war der Reiz, in einem kleineren Verlag ein vielseitigeres Arbeitsfeld zu finden. Im vierköpfigen Team werden mit dem Verlagsleiter Tom Forrer, mit Lucia Lanz und Anne Burri Ideen gemeinsam diskutiert. Begeistert zeigt Blum das Buch «Seltsames England» des tschechischen Autors Karel Čapek, das er dem Verlag zur Neuauflage anlässlich der Brexit-Debatte vorgeschlagen hat. Für diese Arbeit hat er sich Grundkenntnisse der tschechischen Sprache angeeignet. Gelesen hat er es insgesamt viermal: Nebst dem Vielleser ist Blum in seiner Arbeit bei Lenos also auch ein Viermal-Leser geworden.

Das erste Mal liest er ein Buch, um es kennenzulernen, das zweite Mal, um es zu lektorieren. Beim dritten Mal korrigiert er die Druckvorlage und beim vierten Mal prüft er, ob die Korrekturen richtig umgesetzt wurden. Immer wieder nimmt er Rücksprache mit Autoren und Übersetzerinnen, mailt, telefoniert oder trifft sich mit ihnen.

Den grössten Teil der Zeit verbringt Christoph Blum aber allein an seinem Pult, was ihm durchaus zusagt. Einen starken Kontrast dazu bietet die Frankfurter Buchmesse. «Das ist dann immer ein Wahnsinnsflash! Man trifft alle.» Ein Highlight des Bücherjahres, auf
das er sich freut. Aber davor liegen noch ein paar Deadlines. Am 17. September erscheint Lina Böglis Band. Also: Immer vorwärts.