Baloise-Session

Krokus-Frontmann Marc Storace auf Abschiedstour: «Die Chemie stimmt auf dem Endspurt»

Krokus-Frontmann Marc Storace geniesst jede Minute der Abschiedstour seiner Band, die auch an der Baloise-Session Halt macht.

Er ist zu früh. Als Fotograf und Journalist zum vereinbarten Zeitpunkt beim Basler Atlantis eintreffen, ist Marc Storace schon da. Der Krokus-Sänger strahlt, begrüsst uns mit festem Händedruck und wirft sich sofort für die Kamera in Pose. Ihn verbinde mit dem Basler Musikclub eine persönliche Geschichte: Hier, im Büro des damaligen Besitzers Eddie Cassini hat er 1989 seine heutige Ehefrau kennen gelernt, mit der er seither in Binningen und nun Oberwil lebt.

Storace sieht gut aus: braun gebrannt, mit weissen Bartstoppeln und voller Energie. Am Tag vor unserem Treffen hat er seinen 68. Geburtstag gefeiert. Auf Gran Canaria, wo er für die TV24-Produktion «Sing meinen Song» vor der Kamera stand. Beim Kaffee schwärmt der Malteser von den anderen Sängerinnen und Sängern und dem motivierten Film-Team. Im Verlauf des fast dreistündigen Gesprächs wird er immer wieder auf die Sendung zu sprechen kommen, die im Februar ausgestrahlt wird.

Wenn man Sie so euphorisch reden hört, merkt man nicht, dass der wichtigste Pfeiler ihrer Karriere bald zu Ende geht.

Marc Storace: Ja, es muss immer etwas laufen bei mir. Es ist mein Naturell, dass ich stets nach vorne blicke.

Unmittelbar vor Ihnen liegt die Abschiedstour von Krokus. Die Musikgeschichte lehrt uns, dass man Bands nicht immer glauben darf, wenn sie sich verabschieden.

Ja, das stimmt. Aber wir machen wirklich Schluss. Jetzt ist der beste Zeitpunkt. Wir sind auf einem Hoch ...

...die letzten drei Alben haben es jeweils auf Platz 1 geschafft ...

... ja, und auch live sind wir aktuell in sehr guter Verfassung. So können wir in Bestform abtreten – und die Legende der Band bleibt intakt.

Die Legende ist unbestritten, Krokus zählt mit über 13 Millionen verkauften Alben zu den erfolgreichsten Schweizer Acts. Mehr Einheiten haben bloss DJ Bobo und Vico Torriani abgesetzt, wie eine auf Schätzungen basierende Liste der «Sonntagszeitung» aufführt. Doch lässt sich Erfolg nicht nur an Verkäufen messen: Krokus haben sich früh ein Standing erspielt – und das bis nach Übersee. Ihr Album «Metal Rendez-Vous» von 1980 gilt als Meilenstein des Genres.

Nichts davon ist Marc Storace zu Kopf gestiegen. Im Gespräch wirkt er bescheiden und bodenständig. Die Gold- und Platinauszeichnungen erwähnt er mit keinem Wort. Oft scheint es, als sei sich der Musiker gar nicht bewusst, was er alles erreicht hat. Etwa wenn er beiläufig von der Europa-Tour mit Queen erzählt, die er vor seinen Jahren bei Krokus als Sänger der progressiven Rockband Tea absolvierte. Oder von den Konzerten mit dem unlängst verstorbenen Cream-Schlagzeuger Ginger Baker. Er sei vor allem stolz auf seine Fans, sagt Storace, wenn man ihn nach den Höhepunkten seiner Krokus-Karriere befragt: «Ihnen verdanken wir alles.»

Die Abschiedstour heisst «Adios Amigos» – eine Verneigung vor den Ramones, die ihre letzte Platte so betitelt haben?

Das wusste ich gar nicht. Nein, es ist ein Verweis darauf, dass wir unsere Fans als Freunde sehen. Und «Adios Amigos» ist ein bandinterner Witz: Wir lieben die Filme von Quentin Tarantino und zitieren im Tourbus die ganze Zeit seine Dialoge sowie «one-liners» von Peter Sellers oder Steve Martin. Dabei lachen wir uns jeweils schief.

Klingt entspannt. Ist bei Krokus immer alles eitel Sonnenschein?

Das Musikbusiness ist ein hartes Pflaster, da lauern an allen Stellen kleine Teufelchen. Doch innerhalb der Band war das Feeling noch nie so gut wie jetzt. Nun, wo wir auf dem Endspurt sind, stimmt die Chemie total. Wir geniessen jede Minute. Ab und zu bleiben wir nach einer Probe etwas länger stehen und schweigen. Dann merkt man, dass alle an das «end of the line» denken.

Da stellt sich die Frage, warum sie überhaupt aufhören?

Ich gebe offen zu, dass ich gerne weitermachen würde. Aber Krokus funktionieren demokratisch. Ich für meinen Teil habe noch viel Energie in mir.

Wie es um die Gesundheit seiner Mitmusiker steht, mag Storace nicht vertiefen. Er sagt lediglich, was man schon in der Presse lesen konnte: Wegen einer Schleimbeutelentzündung von Chris von Rohr mussten Krokus vor wenigen Wochen ihre Teilnahme an der Musik-Kreuzfahrt «Stars auf auf See» absagen. Mittlerweile sei der Bassist seinen Gips aber wieder los.

Ist man irgendwann «too old to rock’n’roll?»?

Musikmachen ist ein Knochenjob. Natürlich kann man sich in unserem Alter auch sonst Gebrechen einfangen, aber gerade im Hardrock muss man körperlich schon sehr fit bleiben.

Wie schaffen sie das als Sänger?

Nach einer Probe sind unser Schlagzeuger und ich jeweils patschnass. Es braucht eine grosse Kondition, diese hohen Noten zu halten. Deshalb ergreife ich jede Gelegenheit zum Singen. Wenn ich mein Werkzeug liegen lasse, dann rostet es und ich bekomme es nie mehr zum Glänzen. Als Sänger heisst es: Dranbleiben oder forget it.

Krokus hatten in 45 Bandjahren insgesamt 31 Mitglieder. Woher dieser Verschleiss?

Die Zahl ist unglaublich, oder? Manche Musiker wollten oder konnten nicht mithalten. Zudem geht es in einer Band auch um die menschliche Komponente. Ich als Waage bin beispielsweise sehr harmoniesüchtig und habe mich in Streitereien oft für die Schwächeren eingesetzt.

Konnten Sie sich denn selber immer durchsetzen?

Ich hätte vielleicht gerne mehr Balladen gesungen. Aber das konnte und kann ich ja auch in anderen Projekten ausleben. Ich blicke nur mit Freude auf meine 40 Jahre bei Krokus zurück. Es ist alles so gelaufen, wie es musste.

Mittlerweile haben wir vom Kaffee zum Bier gewechselt. Storace bestellt ein «Herrgöttli», weil er am Abend noch Geburtstags-Besuch erwartet. Das Interview hat sich längst zum informellen Gespräch gewandelt. Die Information, dass Krokus ihre acht wichtigsten Alben in einer Vinyl-Box neu herausgeben (inklusive Bonus-LP mit unveröffentlichten Studio- und Livetracks), liefert Storace erst am Folgetag nach. Dafür fallen ihm immer wieder Episoden ein, die er in englisch gefärbter Mundart zum Besten gibt.

Darunter seine Erlebnisse im Nightliner-Bus: «Gfürchig» sei es gewesen, als die Band in einer Winternacht in Skandinavien von der Feuerwehr durch die Heckscheibe evakuiert werden musste, weil sich der Bus nach der Kollision mit einem Lastwagen mit der Leitplanke verkeilt hatte. Eher lustig findet er rückblickend, dass er vor einigen Jahren in Dänemark ohne Handy und Geld an einer Tankstelle vergessen und zurückgelassen wurde.

Nun geht das Tourleben zu Ende: am 7. Dezember im ausverkauften Zürcher Hallenstadion.

Wir geben 2020 hoffentlich noch Konzerte in den USA. Mexiko, Kolumbien und Brasilien hätten auch Interesse, aber bei den Distanzen macht das ökonomisch kaum Sinn. Aber im Hallenstadion wird bestimmt unser letztes Europa-Konzert stattfinden.

Krokus hat es in den Achtzigern als erste Schweizer Band in diese Halle geschafft.

Ja, und das macht mich noch heute stolz. Wir waren ein Haufen Lausbuben und selber erstaunt, dass wir so viele Fans mobilisieren konnten. Für uns schliesst sich nun ein Kreis.

Zuvor spielen Sie an der Baloise-Session. Wie passt Hardrock zu Clubtisch-Atmosphäre?

2015 spielten wir zwei Nächte im Whiskey-A-Gogo in Los Angeles und es hat uns wirklich viel Spass gemacht. An der Baloise-Session 2014 stellten wir uns vor, wir spielen in einem Stadion. Es hilft auch, dass die Konzertaufzeichnung weltweit zu sehen ist. Man darf sich nicht irritieren lassen, wenn Leute sitzen bleiben. Denn sie geniessen das Konzert genauso, aber mögen es halt bequem.

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