Kommentar
Verängstigte Gesellschaft

WC-Papier hamstern wegen Corona, Schutzräume suchen wegen des Ukraine-Kriegs. Wir im Westen sollten uns wieder einmal eine alte Weisheit zu Herzen nehmen: Am meisten fürchten sollten wir unsere Furcht.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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Vergessen in guten Tagen, gesucht in schlechten: Ein Schutzraum.

Vergessen in guten Tagen, gesucht in schlechten: Ein Schutzraum.

Bild: Matthias Piazza

Es ist paradox: Seit 1989 feiern wir in der westlichen Hemisphäre den Sieg des Kapitalismus gegen den Kommunismus. Wir strömen zu Abertausenden in die Kinos, um in Hollywood-Blockbustern genüsslich dem fiktiven Untergang der Welt beizuwohnen (der jeweils durch «Terroristen», «den Russen» oder, viel prosaischer, Asteroiden herbeigeführt wird) und stellen die Keller voll mit Champagner und Rotwein.

Kaum aber hat uns die Weltlage auf den Boden der Realität geworfen, verlässt uns unsere Selbstsicher- und Unbeschwertheit: Covid schleicht sich an – und wir hamstern WC-Papier. Putin bombt in der Ukraine - und wir krallen uns Jodtabletten oder belagern die Behörden mit der Frage nach Schutzräumen. Kühl überlegt: Ein Schutzraum taugt zweifellos bei einem Krieg mit konventionellen Waffen. Dass ein solcher hierzulande ausgetragen wird, ist höchst unwahrscheinlich. Also suchen wir im Bunker Schutz vor einem Atomkrieg? Was wäre der Sinn und Zweck eines solchen Schritts, der das Leben um ein paar (angstvolle) Tage verlängern würde?

«Alles, was wir fürchten müssen, ist unsere Furcht», sagte in den dreissiger Jahren US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Wie gültig sein Gedanke noch ist! Wenn wir irrational WC-Papier hamstern oder nach Schutzräumen suchen, geben wir als Gesellschaft ein derart verängstigtes Bild ab, dass unser Feind, der unsere freiheitliche Ordnung bedroht, bereits einen halben Sieg errungen hat.