Coronavirus
Kinder- und Jugenddienst Basel-Stadt erkennt Zunahme häuslicher Gewalt in Familien

Die Schulöffnung kommenden Montag wird für viele Familien eine Erleichterung sein. Doch mit der Normalisierung des Alltags könnten auch Probleme zum Vorschein kommen.

Samanta Siegfried
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«Viele schämen sich und tun alles, um das Gesicht der Familie zu wahren.» (Symbolbild)

«Viele schämen sich und tun alles, um das Gesicht der Familie zu wahren.» (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

So rechnen Experten mit einer Zunahme von Meldungen in Bezug auf häusliche Gewalt in Beziehungen und Familien. «Wir gehen davon aus, dass viele Fälle erst mit der Zeit ans Licht kommen werden», sagt Miko Iso, Leiterin der Fachstelle Häusliche Gewalt des Basler Justizdepartements.

Der kantonale Kinder- und Jugenddienst (KJD) hingegen spürte die Zunahme bereits während der vergangenen Wochen. «Bei uns sind während des Lockdown ein Drittel mehr Polizeirapporte eingegangen», sagt Sophia Fischer, die als Psychologin beim KJD arbeitet. Diese beinhalten Meldungen zu psychischer Gewalt oder Drohungen, aber auch zu physischer, häuslicher Gewalt: Dort ist die Zahl der Polizeirapporte mit dokumentierter häuslicher Gewalt ebenfalls um rund einen Drittel angestiegen. Diese Zahl deckt sich mit Erfahrungswerten aus anderen Ländern. Berücksichtigt wurde der Zeitraum sechs Wochen vor und sechs Wochen während des Lockdown.

Coronakrise oft als Auslöser der Probleme genannt

Fischer hat die Daten von der Hochschule Luzern statistisch auswerten lassen und kommt zu dem Schluss: «Sie zeigen einen klaren Trend mit einer konstanten Zunahme der Polizeirapporte mit dokumentierter häuslicher Gewalt im Verlaufe des Lockdown.» Dabei kam Fischer auch mit Familien in Kontakt, die dem KJD bisher nicht bekannt waren. «Auffällig war, dass in den Rapporten häufig die Coronakrise als Auslöser aufgeführt wurde», sagt Fischer. «Vielleicht haben die Betroffenen seltener Fachstellen aufgesucht und sich direkt an die Polizei gewandt», begründet sie die Zunahme. «Vielleicht gab es auch mehr Gewalt in Familien als in Paarbeziehungen.» Denn nur Fälle, bei denen Minderjährige involviert sind, gelangen an den KJD.

Das muss nicht immer direkte Gewalt an Kindern bedeuten, wie Miko Iso von der Fachstelle Häusliche Gewalt betont: «Es ist wissenschaftlich belegt, dass Gewalt zwischen den Eltern für das Kind genauso schädlich sein kann, wie direkte Gewalt gegenüber dem Kind.» Bereits vor der Coronakrise lag die Dunkelziffer in der häuslichen Gewalt laut Iso bei rund 95 Prozent. Insbesondere Gewalt gegen Kinder gehe oft mit Scham- und Schuldgefühlen einher. «Viele schämen sich und tun alles, um das Gesicht der Familie zu wahren.» Wenn nun in den nächsten Wochen tatsächlich vermehrt Meldungen zu häuslicher Gewalt eingehen, könne das auch ein positives Zeichen sein. «Vielleicht bringt die Coronakrise Fälle ans Licht, die bereits seit langer Zeit problematisch waren.»

Auch Sophia Fischer vermutet, dass mit zunehmender Normalisierung noch mehr Meldungen beim KJD eingehen könnten. Denn mit der Schulöffnung seien nicht automatisch alle Probleme auch gelöst. «Viele Eltern befinden sich trotz Unterstützung des Kantons in einer schwierigen finanziellen Lage oder es haben sich sonst Probleme angehäuft, die sich nicht so leicht wieder auflösen.»

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