Das Virus und wir †

Keine Seife kann diese Kolumne retten!

Der Bär saugt zum letzten Mal an seiner Hungerpfote.

Der Bär saugt zum letzten Mal an seiner Hungerpfote.

Die Kultur hat damit angefangen, die Kultur hört als Letzte auf: «Das Virus und wir» ist nicht mehr. Okay, und jetzt den Bocelli wieder leise drehen! Merci.

Wir haben es getan. Verflixte 13 Mal. Obwohl es durchaus Bedenken gab: Muss das sein, noch mehr Pandemie im Blatt? Wir fanden: ja. Wenn der Basler Kulturagenda schon der Schnauf ausgeht, wollten wir wenigstens abbilden, was das mit uns anstellt. Also haben wir jenen zugehört, die sich abplagen, haben der Kunst eine Plattform gegeben oder schlicht ins Blaue geschrieben.

Und wir haben «Das Virus und wir» lanciert, um den Krankheitserreger mit alltäglichen Beobachtungen und Aperçus zu umzingeln, die Komik in der Tragik zu finden und das Leben zu feiern. So entstanden Texte über skurrile Einkaufsrituale, gesteigerten Bewegungsdrang, kindliche Kritzeleien, die Durchseuchung der Sprache mit dem Konjunktiv oder entfesselte Geschmacksnerven. Im Vakuum des Homeoffice durften wir erfahren, wie sich der Kopf mit Ideen füllt: ein Privileg.

Doch ab welchem Zeitpunkt fängt die Selbstgenügsamkeit an, sich die Worte aus den Fingern zu saugen? Eine statthafte Frage – und ein schräges Bild. (Momoll, es gibt eine Rechtfertigung für den unverschämten Klick-Köder, den dieser Artikel optisch auslegt. Bear with me!) Erstens rät das BAG dringend davon ab, die oberen Extremitäten mit dem Mund in Berührung zu bringen. (Gratulation an alle, die es – theoretisch – auch mit den unteren Gliedmassen schaffen: Das Yoga zahlt sich aus.) Zweitens geht das Aus-den-Fingern-Saugen auf die irrige Vorstellung zurück, dass sich ausgehungerte Bären nach dem Winterschlaf aus ihren eigenen Pfoten nähren.

Sieben Wochen nach Ausbruch der Pandemie sind der Bärlauch und die Originalität am Verblühen. Und so nehmen wir Abschied von der Glosse, nicht aber vom Virus: Der Kulturbetrieb wird noch auf unabsehbare Zeit in der Quarantäne darben, Grossveranstaltungen sind abgesagt und Kleinkünstler leben, ja, von der Hand in den Mund. «Das Virus und wir» wird uns als Format fehlen, aber die Finger ganz davon lassen können wir nicht: Corona bleibt so lange Teil unseres Alltags, bis ein Gegenmittel gefunden ist.

Überlassen wir das Schaumschlagen also der Seife und greifen in die Tasten: Journalismus ist eben doch ein Handwerk.

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