Coronavirus
Im Park mit einem Rentner: «Senioren sollten nichts verschieben»

Der neue Co-Präsident der Rentnerorganisation Graue Panther erzählt, warum die Zwangspause gerade die Alten hart trifft.

Leif Simonsen
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Graue-Panther-Präsident Klaus Burri kann verstehen, warum die Alten in die Migros zum Einkaufen gehen.

Graue-Panther-Präsident Klaus Burri kann verstehen, warum die Alten in die Migros zum Einkaufen gehen.

Kenneth Nars

Herr Burri, Sie sind 72 Jahre alt. Wie fühlt man sich als Teil der Risiko-Gruppe?
Klaus Burri: Es gibt ja grob gesagt zwei Abschnitte des Lebens im Rentenalter. Den Abschnitt zwischen 65 und 80 Jahren, in dem man noch fit und leistungsfähig ist. Und dann die Zeit nach 80, in der die Zeit der Fragilität anfängt, wo einen alles aus der Bahn werfen kann. Natürlich ist das Alter auch individuell, durch den Beruf und den Lebensstil bedingt. Auch die Gene spielen eine Rolle. Mit der Zeit müsste man aber die heutige Praxis, wonach einfach alle über 65-Jährigen der Risiko-Gruppe zugeordnet werden, überdenken.

Sie würden demnach die Rentner in Jung- und Altsenioren einteilen?
Ja. Früher mag es ja sinnvoll gewesen sein, dass die Rentner einfach ab 65 als alt galten. Vor zwei, drei Generationen hatten sie im Normalfall nicht mehr viele Jahre zu leben. Aber heute habe ich noch eine ganze Lebensphase vor mir, wenn ich in Pension gehe. Ich wäre auch für eine Erhöhung des Rentenalters – je nach individueller Befindlichkeit. Die Wissenschaft muss doch bald mal differenzieren und genauer sagen können, wo die wahre Schwelle ist.

Stellen Sie fest, dass bei den Jungsenioren die Ungeduld wächst in diesem Lockdown?
Das Schwierige ist die Ungewissheit. Wir selber haben alle die Reisepläne abgesagt und wissen nicht, ob wir noch fit genug sind im nächsten Jahr. Auch ich habe die Familienreise nach Irland storniert, mache nun in der Schweiz eine Velotour. Weil die Wissenschaft noch zu wenig weiss über das Virus, müssen wir das einfach aushalten und vieles verschieben. Das ist das Gegenteil dessen, was man im Alter tun soll. Ich hatte eine gute Freundin, die hat sich erst mit 69 pensionieren lassen. Sie hat gesagt, sie werde dann so einiges nachholen. Dann bekam sie Krebs und starb – man sollte als Senior eben die Dinge nicht verschieben, die man unbedingt machen will.

Die Nachkriegsgeneration ist mit der Erfahrung aufgewachsen, dass das Leben immer besser wird.
Ja, unsere Generation ist sich nicht gewöhnt, aufgehalten zu werden. Es ging immer vorwärts. Aber: Wir haben auch gelernt, mit wenig auszukommen. Das Leben in den 50er-Jahren war karger als heute. Wir assen einmal pro Woche Fleisch, hatten Holzschuhe und hörten höchstens mal Radio. Kinderkleider gab es nicht, man schneiderte einfach die Erwachsenenkleider um. Und es gab damals schon Seuchen, beispielsweise die Kinderlähmung Mitte der 50er-Jahre. Dagegen gab es keine Heilmittel: Wir bekamen Säckchen um den Hals gehängt mit Knoblauch drin. Das Coronavirus ruft uns in Erinnerung, wie es war, ein kargeres Leben zu führen. Insofern hat die Krise auch ihr Gutes.

Wie nachhaltig ist diese Zwangspause?
Ein grundsätzliches Umdenken kann ich nicht erkennen. Das Angebot ist eben da, und somit wird es genutzt. Auch wenn ich es nicht nachvollziehen kann: Die Leute werden auch weiterhin Kreuzfahrten machen, wenn sie so günstig sind. Und mit Easyjet zum Einkaufen gehen. Nur: Ein Leben ohne diese Dinge wäre für die ältere Generation ohne weiteres machbar. Aber könnten es die Jüngeren? Das ist sicher eine sehr individuelle Frage. Viel Frust wird mit Konsum abgebaut. Das Berufsleben ist für die jüngeren Menschen heute viel stressiger, als es für uns war.

Sie scheinen nicht zu leiden unter der gegenwärtigen Krise.
Ich kann mich gut in dieses neue Leben hineinbegeben. Nur etwas ist schlimm: dass ich keine Freunde und Familienmitglieder sehen kann. Skype ist nicht wirklich ein Ersatz. Ich kann übrigens die einsamen älteren Leute nachvollziehen, über die man im Coop und in der Migros die Stirn runzelt. Ihr Gang zum Einkaufen ist teilweise ihr einziger Sozialkontakt des Tages.

Ihnen wird aber Fahrlässigkeit vorgeworfen.
Ja, das ist natürlich ein Dilemma. Ich finde nicht, dass diese älteren Leute dann die Betten in den Spitälern blockieren sollten, wenn sie Corona haben. Es gibt aber auch viele ältere Heimbewohner, die auf eine Behandlung verzichten würden, wenn sie die Krankheit bekommen.

Wie löst man dieses Dilemma?
Eine wirkliche Lösung gibt es hierfür nicht. Wie gesagt: Ich kann die einsamen Alten verstehen, die zum Einkaufen gehen. Aber sie sollten dann zumindest Gesichtsmasken anziehen, was sie oft nicht tun. Ich bin für ein Maskenobligatorium für die Älteren im öffentlichen Raum. Aber dafür müsste natürlich der Vorrat reichen – jüngst war ich in der Apotheke und konnte gerade noch die letzten beiden Masken ergattern. In der Annahme, dass es noch über ein Jahr geht bis der Impfstoff kommt, müssten sich die Älteren an den Gedanken gewöhnen, dass sie über eine lange Zeit mit diesen Masken herumlaufen müssten.

Sind diese Einschränkungen zumutbar?
Es braucht sicher eine kulturelle Verhaltensänderung, weil wir das Gesicht offen zeigen wollen. Auch Begrüssung und Verabschiedung mit Handschlag wird wohl dauernd entfallen. Auch das wäre verkraftbar. Als etwa das HIV aufkam, änderte dieses das Leben der sexuell Aktiven. Sie mussten ja deswegen nicht ins Kloster, aber sie mussten ihr Verhalten ändern. Und ja, es ging. Wir werden sicher auch lernen, mit dem Coronavirus umzugehen. Aber ich denke, das nächste Virus ist schon auf dem Weg.

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