Konsum

Hurra, wir shoppen noch!

Treppauf, treppab: Die Rolle des Kaufhauses in Kunst und Kultur hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt.

Treppauf, treppab: Die Rolle des Kaufhauses in Kunst und Kultur hat sich im Laufe der Zeit stark gewandelt.

Heute öffnen nach langem Lockdown die Museen, Bibliotheken und ­Läden wieder. Zu diesem Anlass wirft die Kulturredaktion einen Blick darauf, was das Shopping mit Kunst zu tun hat. Und wo sich Einkaufsparadies und Konsumhölle treffen.

Eine Fasnachts-Perücke, ausgerechnet. Als ein Rayon-Chef des Basler Warenhauses Knopf die Hitzebeständigkeit des Artikels vorführen will, geht der künstliche Haarschopf «explosionsartig» in Flammen auf, wie die «Abend-Zeitung» Basel im Januar 1969 berichtet. Eine Sprinkleranlage kann Schlimmeres verhindern, setzt aber die gesamte Abteilung unter Wasser. Slapstick. Die durchnässte Kundschaft kommt mit dem Schrecken ­davon, das Traditionsgeschäft hat zum Schaden den Spott.

Wenn die Läden heute landesweit wieder öffnen, wird der Feueralarm in den Köpfen der Konsumfreudigen nicht zu überhören sein. War die Pandemie mit ihren Distanzregeln, Desinfektionsmitteln und Atemmasken nur ein Mummenschanz? Kann, soll wieder geshoppt werden – und wozu eigentlich? Das Kaufhaus als Brennpunkt kollektiver Sehnsüchte und Verunsicherungen hat auch 200 Jahre nach seiner Erfindung Bestand.

Ende der Siebzigerjahre schliesst das Warenhaus Knopf an der Ecke Freie Strasse und Streitgasse seine Türen für immer. Gegründet worden war das ­erste Basler Kaufhaus 1895 als Ableger einer süddeutschen Kette; 14 Jahre ­später fasst auch der Globus beim Marktplatz Fuss. Als Vorbild dient «Le Bon Marché» in Paris, der den Einzelhandel revolutioniert: In seinem Roman «Au bonheur des dames» (1884) beschreibt der französische Schriftsteller Émile Zola, wie das Kaufhaus zum «Paradies der Damen» (so der deutsche Titel) aufsteigt.

Mit dem Erstarken der Mittelschicht entwickelt sich das Warenhaus zum Anziehungspunkt einer städtischen und auf Konsum bedachten Klientel, wobei besonders Frauen die Vorzüge des neuen Freizeitvergnügens schätzen: Der Besuch des Warenhauses ist auch ohne männliche Begleitung möglich, da die Reputation im öffentlichen Raum keinen Schaden zu nehmen droht. Dem tragen die Kaufhäuser Rechnung und laden jeweils zum Saisonwechsel zur «Modenschau».

Hauptattraktion sind die unschlagbar günstigen Preise der massengefertigten Waren: Zola schildert detailliert, wie das Marketing die Lebenswelt seiner Figuren durchdringt. Billigangebote auf den Bürgersteigen lenken die Besucherströme in den Laden, bedruckte Ballons verwandeln Kinder in Werbeträger. Und wenn Rabattaktionen wie etwa die «Weissen Wochen» gestartet werden, bebt unter dem Besucherandrang der Boden – mit dramatischen Folgen für das Kleingewerbe, wie «Au bonheur des dames» auch zeigt. Vor dem Lädelisterben war das Kaufhaus.

Die einzige Treppe, auf der sich aufwärts stürzen lässt

Sein definitives Erkennungsmerkmal erhält das Warenhaus um die Wende zum letzten Jahrhundert. Die Weltausstellung in Paris präsentiert 1900 eine Erfindung, die schon Jahrzehnte zuvor in den USA patentiert worden war: die Rolltreppe. In den Kaufhäusern findet sie ihre wahre Bestimmung, indem sie eine grösstmögliche Anzahl Personen durch die Verkaufsetagen befördert. Als Gegenstück zum Fliessband ist das Transportmittel Ausdruck des Wirtschaftskreislaufes, der unser Leben bestimmt. Die Rolltreppe läuft nicht zum Zeitvertreib, sondern zur Zeitersparnis.

Sie ist auch die einzige Treppe, auf der sich aufwärts stürzen lässt, wie der an Kinetik interessierte Film bald entdeckt. Lange bevor er sich in «Modern Times» von einem Fliessband verschlingen lässt, schlägt Charlie Chaplin in «The Floorwalker» (1916) humoristisches Kapital aus einer Rolltreppe. ­Dahinter lauert das Unbehagen an der Gängelung durch die Verkaufslogik.

In den Nachkriegsjahren aber stehen die Kaufhäuser für die Vitalität des Wirtschaftswunders und das Heilsversprechen des Konsums. In der Schweiz gibt das Warenhaus-Unternehmen Globus diesem Optimismus anlässlich seines 25-Jahr-Jubiläums ein Gesicht: Kinderfreund Globi verkörpert für Generationen die Weltläufigkeit und Kreativität, welche die künftigen Kundinnen und Kunden beim Besuch der Filialen vorzufinden hoffen.

So mächtig ist die Vorstellung des Kaufhauses als Spielplatz der Individualität, dass es selbst in den gesellschaftskritischen Sechzigerjahren ein Sehnsuchtsort bleibt: Auf der Suche nach einem autonomen Jugendhaus wollen Globis Kindeskinder 1968 ­ausgerechnet das leer stehende Globus-Provisorium besetzen. Die Bilder des «Globuskrawalls» erschüttern die brave Schweiz, dabei wird die bissigste Kritik am Primat der Wirtschaftlichkeit erst noch folgen.

Die Sehnsucht nach einem künstlichen Paradies

Eine Dekade später rotten sich die Massen wieder zusammen, diesmal auf der Leinwand. In «Dawn of the Dead» (1978) stolpern statt des unangepassten Tramps blaustichige Zombies über die Rolltreppen, das Lachen verschluckt sich an sich selbst. «Wer zur Hölle sind die?», fragt eine Überlebende, die sich vor dem Ansturm der ­Untoten in einer Shopping Mall ­verbarrikadiert hat. «Das sind wir», lautet die lakonische Antwort. «Sie sind hinter dem Ort her. Sie ­wissen nicht, ­warum, sie erinnern sich nur daran, dass sie hier sein wollen.» Träfer lässt sich die Angst vor Entfremdung und Identitätsverlust im Konsumrausch kaum auf den Punkt bringen. In der Folge erweist sich das Einkaufszentrum in «Dawn of the Dead» denn auch nicht als gelobtes Schlaraffenland, sondern als Leichenmahl.

Subtiler, aber nicht weniger ironisch, geht US-Autor Don DeLillo in seinem Roman «White Noise» (1985) vor. Ein Chemieunfall stellt das Leben einer Kleinstadt auf den Kopf, die Rückkehr aus dem Ausnahmezustand in die ­berechenbare Normalität will nicht ­glücken: Daten werden verschleiert, Sicherheitsmassnahmen zu neuen Standards erhoben. Über die Brüchigkeit der Welt soll das künstliche Paradies der Einkaufszentren hinwegtrösten, der Schrecken der Endlichkeit durch Dauerbespassung ausgeblendet werden.

«White Noise» ist als hellsichtige Dystopie gut gealtert, was man von den überholten US-Einkaufszentren nicht behaupten kann: Eine Doku-Serie auf Youtube hat sich dem Phänomen der «Dead Malls» verschrieben, die ­mangels Kundschaft in morbider Grandezza zerfallen. Auch in Basel plagen sich die grossen Einkaufsläden mit dem wechselhaften Kunden­verhalten und dem Onlinehandel ab: Der Stücki Park will sich als ­Lifestyle Center neu erfinden, der St. Jakob-Park wartet auf die Konkurrenz durch die Schänzli-Überbauung; und der Globus lässt keinen Stein auf dem anderen, um sich am prominenten Standort beim Marktplatz behaupten zu können.

Still war es in den vergangenen Wochen in Basel, wie ausgestorben. Mit den Rolltreppen schien auch das Leben anzuhalten. Jetzt kehren wir ­zurück, mit Distanzregeln, Desinfektionsmitteln und Atemmasken. Dahin, wo wir sein wollen.

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