Theater
Hier kommt das Theater ohne Stück

Die Treibstoff Theatertage bringen die Newcomer des postdramatischen Theaters nach Basel.

Mathias Balzer
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Die Gruppe F. Wiesel erzählt in «Superquadra» eine Geschichte vom Ende der Architektur.

Die Gruppe F. Wiesel erzählt in «Superquadra» eine Geschichte vom Ende der Architektur.

zvg

Treibstoff ist ein guter Name für ein Festival, das junges Theater fördert. Einerseits sind die Produktionen junger Theatermacher Treibstoff für die Entwicklung auf unseren Bühnen. Andererseits ist das Festival selbst ein Motor dieser Entwicklung. Vor gut 16 Jahren wurde Treibstoff in Basel mit der Absicht gegründet, der hiesigen Freien Szene Impulse zu verleihen. Die als Biennale abgehaltenen Theatertage sind zu einem beachteten Sprungbrett für die gesamte deutschsprachige Szene geworden. Heute international tourende Künstler wie Thom Lutz oder Phil Hayes haben hier frühe Arbeiten gezeigt.

Treibstoff Theatertage: Die achte Ausgabe

Die achte Ausgabe der Treibstoff Theatertage findet vom 30. August bis 9. September statt. Aufführungsorte oder Ausgangspunkte für die Aufführungen sind die Kaserne Basel, das Roxy in Birsfelden, das Junge Theater Basel, das Clara Huus oder das Schauspielhaus.

Je zwei Mitglieder der drei erstgenannten Häuser sind in der Programmgruppe vertreten. Ebenso ein Mitglied des Fachausschusses Tanz&Theater BS/BL, eine auswärtige Fachperson sowie die Geschäftsleiterin Anja Mayer. Das elftägige Festival, an dem acht Produktionen gezeigt werden, hat ein Budget von rund 300 000 Franken, wobei 180 000 von der öffentlichen Hand kommen. Das gesamte Programm unter www.treibstoffbasel.ch/.(bal)

«Mittlerweile bewerben sich rund 200 Gruppen», erzählt Sven Heier, Leiter des Theaters Roxy und Mitglied der Treibstoff-Programmgruppe. Er und Carena Schlewitt, als Chefin der Kaserne ebenfalls mitverantwortlich für das Programm, erläutern das Aufnahmeverfahren des Wettbewerbs: Die Gesuche werden in Zweierteams gesichtet, bis noch 16 Gruppen übrig bleiben.

Diese werden zu einem Gespräch nach Basel geladen. Dann werden die sieben bis acht Produktionen ausgewählt. Bedingung ist nicht primär das Alter der Theatermacher. «Nachdem sie bereits ein, zwei Projekte realisiert haben, können sie sich bei Treibstoff bewerben», erklärt Schlewitt.

Geld, Know How, Netzwerk

Die Gewinner können ihr Projekt in Basel zur Uraufführung bringen. Das Festival stellt zwischen 20 000 und 25 000 Franken für Gagen und Materialaufwand zur Verfügung, sorgt für Proberäume, Unterkünfte und Kommunikation. Zudem werden den Newcomern weitere Auftrittsmöglichkeiten vermittelt.

«Es reisen Programmmacher aus dem ganzen deutschsprachigen Raum nach Basel, um Kontakte zu knüpfen», erklärt Schlewitt. Die Theaterleiterin räumt denn auch ein, dass das Festival eher ein sogenanntes Entdeckerfestival ist, als eines für das grosse Publikum. Um diesem die Lust auf theatrale Neuentdeckungen zu erleichtern, sind die Eintrittspreise mit pauschal 15 Franken tief gehalten.

«Die jungen Theatermacher vernetzen sich jedoch auch untereinander», betont Heier. «Rund 60 Künstlerinnen und Künstler arbeiten während vier bis sechs Wochen in Basel an ihren Stücken. Dadurch, dass sie lange vor Ort sind, wird der Austausch gestärkt.»

Abkehr vom Sprechtheater

Ein Blick ins Programm der achten Ausgabe zeigt: Das klassische Theaterstück hat es bei dieser Generation schwer. «Wir erhalten selten ein geschriebenes Stück unter den Bewerbungen», erklärt Heier. Was die jungen Künstlerinnen und Künstler interessiert, ist die Erweiterung der Ausdrucksmittel. Ihre Arbeiten sind «performative Versuchsanordnungen», «installative Theaterperformances» oder «Lecture Perfomances».

Viele Bewerberinnen und Bewerber stammen aus den Theaterakademien in Giessen, Hildesheim oder Zürich, wo das sogenannt postdramatische Theater gelehrt wird. Kurz gesagt ein Theater, in welchem nicht unbedingt der narrative Text im Zentrum steht, sondern Körperlichkeit, Raumerfahrung, Licht- und Bühneninstallation als gleichberechtigte Ausdrucksmittel zum Zuge kommen. Dazu gesellen sich dokumentarische Recherchen, das Spiel mit neuen Technologien und die Okkupation des öffentlichen Raums.

«Dass bei Treibstoff diese Formen im Zentrum stehen, liegt sicher an der Entwicklung der freien Szene. Dort wird vor allem mit diesen Ausdrucksmitteln gearbeitet, während in den Stadttheatern die Interpretation von Texten durch ein Ensemble im Vordergrund steht», erklärt Schlewitt. Und ihr Jurypartner Heier fügt an: «Das ist eine Zeiterscheinung. Vielleicht schlägt das Pendel auch in der freien Szene irgendwann mal wieder Richtung Sprechtheater zurück.»

Thematisch bekundet Treibstoff Verwandtschaften mit anderen Nachwuchsfestivals, wie beispielsweise dem Freischwimmer in Zürich. Gesellschaftliche Utopien oder Dystopien, unser Verhältnis zur Natur und die technologische Entwicklung sind das Themendreigestirn dieser Generation. «Dieses Jahr fällt auf, dass viele der Produktionen die künstlerische und ästhetische Auseinandersetzung mit neuen Technologien suchen», erklärt Schlewitt.

Eine Kritiker-App für das Festival

Beispielhaft für dieses Thema steht das Format «Insite Treibstoff». Entstanden ist es aus der Idee der Kritikerplattform, mit welcher Treibstoff in den letzten beiden Ausgaben junge Schreiberinnen und Schreiber zur Kritik ermächtigt hat. Nun erweitert das frisch gegründete Basler Kollektiv Kansas diesen Kommunikationskanal. Ab 30. August betreibt die Gruppe eine App (Download unter treibstoffbasel.ch/), mittels welcher die einzelnen Produktionen medial begleitet werden.

Auf einer digitalen Karte sind Hotspots in der Stadt angegeben, wo Filme und Hintergrundinformationen über die einzelnen Produktionen auf das Handy geladen werden können. Zudem werden über die App Publikumsumfragen und Kurzkritiken veröffentlicht.
Die aus Hamburg und Berlin stammende Gruppe Virtuellestheater lädt mit «DOC» zum Besuch einer Installation, welche die Datenflüsse unserer digitalen Welt erfahrbar machen soll.

In der Produktion «Wald» gründen drei junge Forschende in einem Wald ein Laboratorium, in welchem ein Erdcomputer das Potenzial unserer Technologie jenseits kapitalistischer Verwertbarkeit errechnen soll. Die Münchner Performancegruppe The Agency thematisiert in «Medusa Bionic Rise» die Selbstoptimierung des Körpers mittels Yoga, Fitness und Prothesen. Das aus Basel und Hamburg stammende Kollektiv Mnemoy lädt das Publikum zu einem Stadtspaziergang mit einer App, Kopfhörer und realen Protagonisten.

Soweit die Produktionen, die sich mit neuen Technologien auseinandersetzen. Aber bei den Treibstoff Theatertagen kann auch mittels «Muscle Memory» Arabisch gelernt, der Geschichte vom Ende der Architektur gelauscht oder das Tierleben in einem Diorama erfahren werden.

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