Häusliche Gewalt
«Schattenseite der Pandemie»: Beim Frauenhaus laufen die Drähte heiss

Immer mehr Hilfesuchende melden sich bei den Frauenhäusern in den beiden Basel. Die Belegungszahlen bleiben hoch. Im Vergleich zu vor der Pandemie beträgt das Wachstum über 40 Prozent.

Benjamin Wieland
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Blick in ein Frauenhaus der Stiftung Frauenhaus beider Basel. Die Einrichtung ist derzeit stark nachgefragt.

Blick in ein Frauenhaus der Stiftung Frauenhaus beider Basel. Die Einrichtung ist derzeit stark nachgefragt.

Bild: zvg

Das Frauenhaus beider Basel hat im vergangenen Jahr 327 Anrufe von hilfesuchenden Frauen erhalten. Das sind fast 60 Prozent mehr als im Vorjahr, als 205 telefonische Beratungen gezählt worden waren. Das Frauenhaus führt die starke Zunahme auf die Coronapandemie zurück. «Eine der Schattenseiten der Pandemie ist wohl der Anstieg von häuslicher Gewalt», hält Bettina Bühler, Geschäftsleiterin der Stiftung Frauenhaus beider Basel, im Jahresbericht 2021 fest.

Die krisenbedingten Lebensumstände hätten das Gefährdungspotenzial erhöht. Gleichzeitig sei der Schritt aus einer Gewaltbeziehung noch schwieriger geworden. Darauf weise hin, dass die Belegungszahlen weiterhin auf einem hohen Niveau verharrt seien, wie es im Jahresbericht weiter heisst.

Mehr Plätze geschaffen wegen grosser Nachfrage

Insgesamt haben im vergangenen Jahr 86 Frauen und 80 Kinder an einem der drei Standorte Schutz gefunden; 2020 waren es 86 Frauen und 83 Kinder gewesen. Zum Vergleich: 2019 wohnten insgesamt 51 Frauen und 46 Kinder in einem der Frauenhäuser. Die Zunahme zwischen 2019 und 2021 ist beachtlich: Sie beträgt bei den Frauen 41 Prozent und bei den Kindern 42,5 Prozent.

Was die Stiftungsleitung besonders hervorhebt: Die Zahl der wegen Ressourcenmangels abgelehnten Frauen habe erneut gesenkt werden können. Im Jahresbericht heisst es:

«Das ist sehr erfreulich, da es ein explizites Ziel des Frauenhauses ist, die Ablehnungsquote zu senken.»

Es hätten jedoch auch so viele Plätze wie noch nie parat gestanden. Im Mai 2022 wurde das Frauenhaus-SOS eingerichtet. Es bietet 10 Plätze an. Der dritte Standort war eine Reaktion auf den starken Anstieg der Nachfrage ab dem Beginn der Covid-19-Pandemie.

Viele Betroffene finden privat eine Anschlusslösung

Von den Bewohnerinnen ist im Jahr 2021 rund ein Drittel in eine eigene Wohnung gezogen oder fand bei Verwandten oder Bekannten Unterschlupf. In 12,5 Prozent der Fälle war eine Rückkehr zum Ehemann oder Partner möglich. Die übrigen Betroffenen wechselten entweder in eine Dritteinrichtung oder blieben über den Jahreswechsel hinaus im Frauenhaus wohnhaft.

Finanziell kann die Stiftung ein äusserst erfolgreiches Jahr zurückblicken. Die Rechnung schliesst mit einem Gewinn von 87'229 Franken ab. Das Stiftungsvermögen beträgt neu knapp eine Million Franken. Den grössten Teil des Aufwands macht das Personal aus.

Die beiden Basel leisteten im vergangenen Jahr einen Beitrag in der Höhe von je 0,62 Millionen Franken. Die Zuwendungen von Baselland und Basel-Stadt machen knapp die Hälfte des Ertrags aus. Die übrigen Einnahmen werden vor allem via Spenden generiert.

Adressen der Wohnhäuser bleiben geheim

Seitens der Öffentlichkeit habe das Frauenhaus grosse Solidarität erfahren, schreibt Geschäftsleiterin Bettina Bühler. «Viele Menschen und Vereine haben angerufen und nachgefragt, wie sie helfen können, haben uns mit Sach- und finanziellen Spenden unterstützt oder unsere Arbeit gewürdigt.»

Das Frauenhaus beider Basel wurde 1981 eröffnet. Aktuell finden Gewaltbetroffene an drei Standorten Schutz. Die Adressen werden aus Sicherheitsgründen nicht bekanntgegeben.