Glosse
About Schmid: Von Kurven und Krümmungen

In der Schule lerne man fürs Leben, heisst es. Das stimmt aber vor allem bei den Erfahrungen, die man in Schullagern und auf Mehrtägigen sammelt.

Andreas W. Schmid
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Kolumnist Andreas W. Schmid

Kolumnist Andreas W. Schmid

Bild: Nicole Nars-Zimmer

Grosse Sprüche von kleinen Jungs. Zwei Uhr nachts befanden wir uns dort, wo wir gar nicht hätten sein dürfen: im Mädchenschlag. Skilager in St. Antönien, irgendwann in den 70er-Jahren. Wir trieben es nicht zu bunt (wie gesagt: grosse Sprüche), sondern waren ganz einfach zu laut. Zu laut jedenfalls für den Lager­leiter, Hans Karrer selig. Er riss die Tür auf, schaltete das Licht an und wurde nun zehnmal lauter als wir: «Raus mit euch! Morgen...» Er beendete den Satz nicht mehr, aber für uns war klar: Wir fliegen heim. Den Rest der Nacht wimmerten wir – ganz leise – in unseren Schlafsäcken vor uns her.

Es ist eine der Erinnerungen, die sich mir aus meiner Schulzeit immerwährend eingeprägt haben. 13 Jahre ging ich zur Schule, das sind 1280 Wochen oder rund 16500 Stunden ­meiner wertvollen Lebenszeit.

Was davon hat Spuren hinterlassen? Sicher nicht die Lektion samstags – damals hatten wir Schüler noch die Sechs-Tage-Woche – um 10.20 Uhr, in der wir uns beim Differenzialrechnen mit dem Krümmungsverhalten einer Funktion auseinandersetzen mussten. Und wir nachher tief gekrümmt das Klassenzimmer verliessen, weil wir nur Bahnhof verstanden. Was aber (ausser für die Note) nicht wirklich schlimm war, denn ganz ehrlich: Wer hat im wirklichen Leben draussen schon mal eine Kurvendiskussion angezettelt oder sich angeregt über den Differenzialquotienten unterhalten? Ausser ein paar bedauernswerten Mathematikheinis niemand.

Unauslöschliche Erinnerungen

Es heisst, dass mindestens drei Viertel des Unterrichtsstoffes später wieder vergessen gehen. Ich würde sagen: mindestens. Unauslöschlich in Erinnerung bleiben hingegen Schulkolonien, Skilager, Mehrtageswanderungen, Gemeinschaftserlebnisse also ausserhalb des Klassenzimmers.

In eigener Sache

Neue Kolumnistinnen und Kolumnisten

Kolumnen sind das Sahnehäubchen jeder Zeitung: Sie unterhalten, überraschen, provozieren. Im Wochenturnus werden uns der Musikkritiker Sigfried Schibli, der Publizist Andreas W. Schmid, die ehemalige Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer sowie die Politikerin und Studentin Naomi Reichlin (letztere beide ab Juni) mit ihren Beobachtungen, Gedanken und Meinungen beglücken. Bedanken möchte ich mich sehr herzlich bei Eva Oberli, Martin Dürr, Daniel Wiener und Tobit Schäfer, die uns teils über Jahre mit bestens verdaulichem Gedankenfutter versorgt haben. 

Patrick Marcolli, Chefredaktor

Wie damals, als wir in einem Gewaltmarsch von Airolo via Cadlimohütte zum Gotthardpass liefen – oder besser gesagt: verliefen. Nun waren plötzlich andere Fähigkeiten (Neudeutsch: Skills) gefragt, als wenn man still und von Gott verlassen in der Physikstunde über der Quantenchromodynamik brütet. Nämlich gelebte Solidarität, Ausdauer, Kreativität, Orientierungs­sinn. Wir haben den Gotthard dann doch noch erreicht, abends um halb neun, als es bereits eindunkelte. Die meisten mit Blasen an den Füssen, aber ­mit einem Glücksgefühl im Herzen.

Musische und handwerkliche Fächer

«Wegen Covid-19 finden bis Ende Schuljahr 2020/2021 keine Lager und Schulkolonien mehr statt», heisst es auf dem Basler Bildungsserver. Verständlich, aber bedauerlich. Zum Dauerzustand darf das nicht werden. Die Schule ist ohnehin schon zu verkopft. Musische, handwerkliche und alle Sinne ansprechende Fächer haben einen schweren Stand und müssen um ihre Stundenzahl kämpfen. Umso wichtiger ist es, dass es Platz hat für Schulerfahrungen ausserhalb des Klassenzimmers, die pädagogisch von unschätzbarem Wert sind. Ein einziges Skilager während der Sekundarschulzeit, wie derzeit vorgesehen, ist ganz einfach zu wenig.

Damals in St. Antönien rech­nete ich am nächsten Morgen damit, dass ich bald das Zugbillett nach Hause in die Hand gedrückt erhalten würde. Traurig stand ich im Frühstücksraum am Fenster und schaute in die prächtige Winterlandschaft hinaus. Da hörte ich die Stimme von Hans Karrer neben mir: «Was für ein schöner Tag heute! So macht das Skifahren doppelt Spass.» Und gut wars.

Andreas W. Schmid arbeitet als freier Journalist in Basel und war in seiner Schulzeit viermal im Skilager.

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