Novartis
Giftstoffe im Rhein: Lindan-Altlasten belasten auch das Wasser

Gemäss Recherchen der bz war bei den Sanierungsarbeiten der Lindan-Deponie nicht nur die Luft, sondern auch der Rhein mit Schadstoffen belastet. Ein bisher nicht auffälliger Giftstoff vervierhundertfachte sich.

Annika Bangerter
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Hier gelangten Giftstoffe in den Rhein

Hier gelangten Giftstoffe in den Rhein

Kenneth Nars

Eigentlich müssten seit einem halben Jahr Parkplätze auf dem Gebiet der früheren Abwasserreinigungsanlage ARA Steih in Huningue fertig gebaut sein. Doch Novartis, die Eigentümerin des Lindan-verseuchten Bodens nahe der Basler Stadtgrenze, musste im Herbst 2013 eine unfreiwillige Pause der Sanierungsarbeiten einlegen. Denn im Kleinbasel stank es. So sehr, dass die Behörden Luftmessungen durchführten und eine erhöhte Konzentration von Lindan feststellten. Je nach Zusammensetzung können dieses heute verbotene Insektizid und seine Abfallprodukte Krebs erzeugen.

Was im Herbst 2013 nicht untersucht wurde, war das Rheinwasser. Das Basler Amt für Umwelt und Energie sammelt zwar monatlich Schwebstoffproben. Doch die Proben lagern vorerst im Labor, bevor sie im Jahresturnus gemeinsam analysiert werden. So lautet der Auftrag des Bundesamtes für Umwelt und der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz in Karlsruhe, die diese Untersuchungen finanzieren. «Schwebestoffe gehören gemäss der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheines nicht zur Gruppe der alarmrelevanten Parameter, die täglich untersucht werden müssen. In den 20 Jahren vor 2013 hat sich deren Qualität laufend verbessert», sagt Jan Mazacek, Leiter des kantonalen Umweltlabors. Dann kamen die Arbeiten.

Luft schon im April verschmutzt

Die Auswertung des Jahres 2013 der Rheinüberwachungsstation Weil am Rhein zeigt, dass der Lindan-Staub aus Huningue nicht nur über den Rhein nach Kleinbasel wehte, sondern auch direkt im Fluss landete. Im April war die Konzentration von Lindan-Abfall, den sogenannten Hexachlorcyclohexane (HCH), im Rhein bis zu 260-fach höher als der Mittelwert des Vorjahres. «Höchstwahrscheinlich lassen sich die Werte in diesem Zeitraum auf die Sanierungsarbeiten zurückführen», sagt Paul Svoboda, Leiter Abteilung Gewässerschutz. Er vermutet, dass die Schadstoffe durch den Staub in der Luft oder beim Verladen auf ein Schiff ins Wasser gelangten.

Die Analyse zeigt darüber hinaus, dass die Konzentration eines weiteren Schadstoffs im April massiv anstieg: Die Konzentration von Trichlorbenzol wurde 400-fach höher als der vorgängige Jahresmittelwert gemessen. «Die hohen Werte von Trichlorbenzol haben mich überrascht», sagt der Basler Altlastenexperte Martin Forter. Dieser Schadstoff entstehe durch die chemische Zersetzung von Lindan-Abfall, was früher auf dem Gelände in Huningue gemacht wurde. «Es muss somit während den Sanierungsarbeiten auch eine massive Luftbelastung mit Trichlorbenzol gegeben haben», so Forter. Er war es, der im Sommer 2013 aufgrund des Lindan-Geruchs Alarm schlug.

Höchste Werte seit Messbeginn

Zeigt nun der hohe Trichlorbenzol-Wert, dass die Behörden es verpasst haben, die Luft auf weitere Schadstoffe zu untersuchen? «Nein», sagt Paul Svoboda, «die Sanierungsarbeiten standen in einem direkten Zusammenhang mit Lindan. Wir haben die Luftmessungen entsprechend durchgeführt.» Der Mediensprecher von Novartis, Patrick Barth, verweist zudem auf die Verantwortlichkeit Frankreichs: «Da die Sanierung auf französischem Hoheitsgebiet stattfindet, sind diese Behörden grundsätzlich zuständig.» Diese hätten auch regelmässig Messungen erhalten.

Die Konzentrationen der beiden Schadstoffe – Hexachlorcyclohexan (HCH) und Trichlorbenzol – im April 2013 sind die höchsten Werte seit Beginn der Messreihe vor 20 Jahren. Auch in den Monaten Juni und Juli misst die Rheinüberwachungsstation hohe Werte. Mit dem Stopp der Sanierungsarbeiten im Herbst sanken die Konzentrationen. Für Martin Forter zeigen dies vor allem eines: «Diese hohen Werte verweisen darauf, dass es bereits im April eine hohe Luftbelastung gegeben hat.»

Giftstoffe auch in Eisbären

Für einen Laien klingt die Erhöhung von Schadstoffmengen um das 260-Fache oder 400-fach alarmierend. Doch wie beurteilen die Fachleute diese Stoffmenge im Rheinwasser? «Gemessen an den EU-Richtlinien liegen die Konzentrationen immer noch weit unter den Grenzwerten. Eine akute Gefährdung der Menschen und der Fische lag trotz des dokumentierten Anstiegs nicht vor», sagt Christian Stamm, Umweltforscher beim Wasserforschungsinstitut Eawag. Allerdings sei HCH akkumulierend, schwer abbaubar und würden als sehr mobil gelten. So fanden Forscher derartige Schadstoffe beispielsweise auch schon in Eisbären.

Diese Eigenschaften stellen für den Altlastenexperten Martin Forter das entscheidende Problem dar: «Diese Schadstoffe reichern sich in den Lebewesen wie beispielsweise Fischen an. Über die Nahrungskette nehmen wir Menschen diese wieder auf. Deshalb ist bereit die kleinste Menge problematisch.» Den Grossteil der Lindan-Rückstände im Rhein dürften ins Meer gespült werden. Fanden die Basler Behörden im Herbst 2013 in den Fischen keine Erhöhung der Schadstoffe, so zeigt sich weiter nördlich im Rhein ein anderes Bild. Im Raum Seltz/Iffezheim haben sich die HCH-Anteile in den Fischen gegenüber dem Vorjahr verzehnfacht. Dennoch liegen die Werte deutlich unter dem definierten Grenzwert.

Heute gibt es ein Notfallplan

Wie Paul Svoboda, Leiter Abteilung Gewässerschutz, sagt, gelangten die Schadstoffe nicht ins Trinkwasser: «Diese Partikel werden bei der Trinkwasseraufbereitung herausgefiltert.» Auch Patrick Barth von Novartis betont: «Aufgrund der vorliegenden Messwerte und heutiger Kenntnisse besteht und bestand zu keinem Zeitpunkt eine Gefahr für Mensch und Umwelt.» Sowohl Barth als auch Svoboda verweisen darauf, dass für die neu aufgenommenen Sanierungsarbeiten die Lehren aus dem Sommer 2013 gezogen wurden. «Das Messprogramm wurde deutlich erweitert. Gemeinsam mit den Behörden wurde ein Notfallplan erarbeitet, der unter anderem ein Frühwarnsystem beinhaltet», sagt Barth. Zudem gibt es keine offenen Oberflächen mehr, die mit Lindan verseucht sind. «Es wurden alle Massnahmen getroffen, die technisch möglich sind», sagt Paul Svoboda. Ein von Novartis beauftragtes Unternehmen und die Behörden führen nun Luft- und Wassermessungen durch.

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