Stadtkino Basel

Gibt es die Herbstmesse in 30 Jahren noch?

Individualverkehr ist auch keine Lösung: Szene aus «Reisender Krieger».

Individualverkehr ist auch keine Lösung: Szene aus «Reisender Krieger».

Das Stadtkino Basel wirft einen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und die Zukunft urbaner Lebenswelten.

Dauerwelle, Tränensäcke, Einstecktuch: Es ist ein müder Held, der in Christian Schochers «Reisender Krieger» als Handelsvertreter von Kosmetikprodukten die Schweiz abfährt. Die Autobahn ist kein Freiheitsversprechen, sondern ein graues Förderband, das austauschbare Architektur heranzoomt – Fressbalken, Gewerbezone, Bürogebäude.

Der Handelsvertreter besucht auch die Basler Herbstmesse mit ihren bunten Lichtern, doch die Stimmung bleibt grau. Und das nicht nur, weil dieses hypnotische Roadmovie und grossartige Zeitdokument in Schwarzweiss gedreht wurde. «Das Gefühl, das Anfang der 1980er-Jahre von Basel und einem grossen Teil der Schweiz vermittelt wird, ist das eines verbauten, betonierten Landes», sagt Nicole Reinhard.

Es ist der einzige Leinwandauftritt, den Basel zum Saisonstart des Stadtkinos absolviert – neben Berlin, Paris, Rom und Los Angeles. Zu sehen sind die Metropolen und die Kleinstadt in der Filmreihe «Basel 2050 – Streifzüge durch die Stadt». «Uns geht es um einen erweiterten Echo- und Reflexionsraum», erklärt Stadtkino-Direktorin Reinhard: «Die Fragen, mit denen sich Basel konfrontiert sieht, sind ja nicht singulär.» Filme müssten deshalb nicht zwingend in Basel spielen, um über die Herausforderungen und Chancen nachzudenken, denen sich die Stadt stellen muss.

Mit eben diesen Herausforderungen befasst sich das Forum Städtebau «Basel 2050», das vom 11. bis 27. September stattfindet. Die Koproduktion von Städtebau & Architektur des Bau- und Verkehrsdepartements Kanton Basel-Stadt mit dem Schweizerischen Architekturmuseum S AM erörtert Fragen zum öffentlichen Raum: zu Bauen, Wohnen und Freizeit, zu Wirtschaftlichkeit und Ökologie. Die Idee für das ergänzende Filmprogramm entstand im Gespräch mit dem Zürcher Städteplaner Angelus Eisinger, Mitglied der Begleitgruppe «Städtebau für Basel 2050».

Städte machen nicht nur Probleme

«Film und Architektur haben eine grosse Affinität», erklärt Reinhard. Zum einen sei der Film mit Ton, Bild und Montagetechnik selbst «gebaut», zum anderen könne er den städtischen Raum ideal vermessen und abbilden. «Film ist ein wunderbares Medium, um sich über die Beschaffenheit der Welt Gedanken zu machen.» Als Beispiel nennt die Stadtkino-Direktorin die Infrastruktur: «Basel gilt oft als Autobahn- oder Durchgangsstadt. Ein Film wie Gianfranco Rosis ‹Sacro GRA› über eine Ringautobahn in Rom setzt sich genau damit auseinander.»

Gentrifizierung und Verdichtung sind weitere Themen: Wer wohnt jetzt in welchen Quartieren, und wo werden diese Menschen in zehn Jahren leben, wenn sie sich den Wohnraum nicht mehr leisten können oder wollen? «Der Film ‹Les Misérables› handelt von dieser gesellschaftlichen Teilhabe und der zerstörerischen Macht von Fehlplanung.» Angesichts der grauen Menschen in «Reisender Krieger» stellt sich die Frage, ob Film der Stadt und ihrem Rummel überhaupt eine Zukunft gibt. «Wir zeigen zwar auch dystopische Filme wie beispielsweise ‹Blade Runner 2049›», entgegnet Reinhard. «Aber Städte im Film bedeuten nicht nur Schwierigkeiten.»

Natürlich arbeite sich Film oft an Problemen ab: an Spekulation, Marginalisierung, Grenzziehungen oder dem Ökokollaps. Aber viele Filme feiern den städtischen Raum auch als Ort der Möglichkeiten, der Kultur und der Begegnung. «In der US-Tragikomödie ‹Columbus› etwa übt die Architektur der Moderne einen positiven Einfluss auf die Protagonisten aus, die vor der Kulisse der Stadt zu sich selbst finden.» 

Meistgesehen

Artboard 1