Theater Basel
Georges Delnon: «Es ist klar, dass ich mal gehen müsste»

Der Start in Basel war hart, sagt Georges Delnon. Inzwischen hat sich der Theaterintendant mit den ungeschriebenen Gesetzen der Stadt vertraut gemacht – und sitzt schon wieder auf gepackten Koffern.

Miriam Glass
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Theaterintendant Georges Delnon sitzt auf gepackten Koffern.

Theaterintendant Georges Delnon sitzt auf gepackten Koffern.

Kenneth Nars

Stimmengewirr im Foyer des Theater Basel. Die Spielzeit hat mit der Oper «Katja Kabanova» begonnen, doch beim Publikum rund um die Cüpli-Bar steht ein anderes Thema im Zentrum: Geht Theaterintendant Georges Delnon an die Staatsoper in Hamburg? Delnon wehrt die Frage mit einem Lachen ab – «dazu sage ich jetzt sicher nichts»– und eilt weiter, schüttelt Hände, klopft Schultern. Er ist ganz da an diesem Abend. Wie lange noch?

Vertrag bis 2016

Bis 2016 dauert der Vertrag des Intendanten in Basel. Vergangene Woche aber bezeichneten es deutsche Feuilletons als so gut wie sicher: Delnon werde Intendant an der Hamburgischen Staatsoper, wenn 2015 der Posten der jetzigen Intendantin Simone Young frei wird. Noch sind die Nachrichten aber mit Vorsicht zu geniessen: Vermeldet wurde auch die Berufung von Kent Nagano als neuem Generalmusikdirektor. Die Personalie wurde jedoch von der zuständigen Hamburger Kulturbehörde dementiert. Auf Nachfrage des «Sonntags» heisst es in Hamburg: In den nächsten drei Wochen wird kommuniziert. Inoffiziell gilt weiterhin: Georges Delnon ist der Favorit.

Theater-Verwaltungsratspräsident Martin Batzer bezieht dazu keine Stellung, kündigt aber an: «Ende September oder Anfang Oktober informieren wir darüber, welche Wechsel beim Personal in den nächsten fünf Jahren anstehen.»

Abgang Richtung Hamburg?

Bereits einige Tage vor dem Beginn der Spielzeit hat der «Sonntag» Delnon auf die Gerüchte um seinen Abgang Richtung Hamburg angesprochen. Sonst sehr offen im Gespräch, verschränkte der die Arme in den blauen Hemdsärmeln. «Mein Vertrag läuft bis 2016.» Und dann? Will Delnon bleiben, nachdem er über sechs Jahre daran gearbeitet hat, sich in Basel zu verankern? «Es ist doch klar, dass ich mal gehen müsste», sagt Delnon und lässt die Arme sinken. «Man sollte lange genug an einem Ort bleiben, um etwas zu hinterlassen, eine Spur zu legen, eine Ästhetik zu prägen. Dann muss man auch wieder wegkommen.»

Wegkommen verordnet Delnon selbst sich also, weg von einem Ort, an dem das Ankommen schwierig war, wie er im Gespräch freimütig bekennt. Der Berner mit Engadiner Wurzeln (man spricht seinen Bündner Namen Del-non aus, mit Betonung auf der letzten Silbe) kam 2006 nach Basel, nachdem er sieben Jahre das Staatstheater Mainz geleitet und dort gute Publikumszahlen und eine hohe Auslastung erreicht hatte.

Harter Start in Kulturstadt

Nach seiner Ankunft schlug Delnon in Basel dennoch «eine gewisse Kälte» entgegen, wie er rückblickend sagt. Die «Basler Zeitung» empfing ihn mit «gebremstem Jubel», die Stadt schien ihm «scharf im Anspruch», voll unausgesprochener Erwartungen. «Man gibt sich als offene Kulturstadt. Aber hinten herum wird mit harten Bandagen gekämpft.» Delnon verstand: «Hier akzeptiert zu werden, muss man sich abverdienen.»

Er nahm die Herausforderung an und begann mit einem geschickten Schachzug: Kaum zum Intendanten gewählt, ging er auf Sam Keller zu, heute Direktor der Fondation Beyeler, damals Chef der Kunstmesse Art Basel. Ein Netzwerker, der alle kennt und den alle kennen. Delnon schlug Keller vor, Veranstaltungen zur Kunstmesse im Theater zu entwickeln. Keller stieg darauf ein, und, was zunächst wichtiger war: Er schmiss eine Willkommensparty für Delnon.

«Eine unglaublich schöne Geste», sagt Delnon. «Es war am späten Nachmittag, hier» – er nickt zum Fenster seines Büros in Richtung Kunsthalle – «es waren sicher über hundert Leute da». Leute, die man kennen sollte als neuer Intendant, und die Delnon mit «Neugier, Freundlichkeit und Offenheit» begegneten, wie er sagt. Ein warmer Auftakt für zwei kühle erste Jahre, die Delnon manchmal vorkamen «wie Rodeo»: «Die erste Zeit ist es schwierig, oben zu bleiben. Dann lernt man, sich zu bewegen – und fliegt halt doch ab und zu runter.»

Kampf um Geld

Inzwischen sitzt Delnon in Basel fest im Sattel. Zwar scheiterte die Vorlage für zusätzliche Gelder aus dem Baselbiet vergangenes Jahr an der Urne. Da der Stadtkanton seine Subvention erhöhte, steht dem Theater dennoch etwas mehr Geld zur Verfügung als zuvor. Die finanzielle Planungssicherheit hält bis 2015 – bis zu dem Termin also, zu dem der Wechsel nach Hamburg stattfinden würde. Nachdem Delnon die vergangenen Jahre vor allem damit verbracht hat, um Geld zu kämpfen, könnte er noch profitieren von dem, was dabei herausgekommen ist, und dann weiterziehen.

Neu leitet Delnon selbst die Opernsparte am Theater Basel. Der bisherige Opernchef Dietmar Schwarz hat die denkbar beste Ausgangslage geschaffen: Unter Schwarz wurde das Theater Basel zwei Mal «Opernhaus des Jahres».

Die Zuschauerzahlen sind in der Ära Delnon gestiegen: Knapp 165000 Besucher in der Saison 2007/2008, vergangene Spielzeit warens rund 178000. Die Bilanz im Schauspiel blieb mässig – zu selten vermochte das Theater unter Schauspielchef Elias Perrig zu begeistern. Doch nun hat Delnon mit Andreas Wigger, Tomas Schweigen und Simon Solberg ein neues Leitungsteam engagiert, das frischen Wind ins Schauspielhaus bringen soll.

Ein Basler durch und durch

Unabhängig von seiner bisherigen Bilanz als Intendant erscheint Delnon heute fast klischeehaft baslerisch: Er ist FCB-Fan mit Dauerkarte, hat sich mit Frau und Kindern im Gellert niedergelassen, er pflegt sein Interesse für bildende Kunst und Architektur und lächelte für Werbekampagnen von Rammstein-Optik und der Stadtreinigung. Hat da einer offensiv bis zur Anbiederung versucht, Basler zu werden? Delnon winkt ab. Wo er Basler Interessen pflege, würden sie sich zufällig mit seinen eigenen decken. Den Berner Dialekt hat er behalten. Glaubt man Sam Keller, ist Delnon «in Basel verankert, wie man es von Basler Intendanten lange nicht erlebt hat». Felix Rudolf von Rohr, ehemaliger Obmann der Basler Fasnacht, attestiert ihm «gute Akzeptanz» in der Basler Gesellschaft, und sagt: «Hoffentlich bleibt er hier!» Und das, obwohl Delnon diesen einen Basler Zug nicht übernommen hat: Fasnächtler ist er keiner. Doch er öffnete sein Theater 2010 einem Auftragswerk des Fasnachs-Comités zu dessen 100. Geburtstag. Auch sonst ging das Theater unter Delnon auf die Stadt zu, kooperierte mit der Art Basel und wanderte mit dem Stück «Durst» durch Baselbieter Beizen. Diese Spielzeit will Delnon mit FCB-Präsident Bernhard Heusler ein Theaterprojekt für Fussballfans anreissen.

Da hat sich einer ein Stück Basler Seele zu eigen gemacht – ist es dadurch wärmer geworden für ihn in dieser Stadt, die er zunächst als so kühl empfand? «Ja und nein», sagt Delnon. «Der hohe Anspruch ist geblieben. Ich fühle mich hier heute aber geborgen.» Wenig später federt er in neongelb gestreiften Turnschuhen aus dem Büro hinaus und hinein in die Stadt. Er ist mit Christoph Marthaler zu einer Besprechung verabredet. Worum geht es? «Um die Zukunft», so Delnon, und dann ist er weg.

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