Ostersonntag

Georg Pfleiderer über die Corona-Passion zu Ostern: «Da wurden ihnen die Augen aufgetan»

Georg Pfleiderer: Das Christentum ist eine Krisenreligion. (Symbolbild)

Georg Pfleiderer: Das Christentum ist eine Krisenreligion. (Symbolbild)

Corona ist zur Passionszeit allgegenwärtig. Was lehrt das Christentum in der Krise der Moderne? Der Basler Theologieprofessor Georg Pfleiderer geht dieser Frage nach in seinem Essay für die «Schweiz am Wochenende»: eine kulturtheoretische Osterbesinnung.

Wie eine biblische Plage ist der Ausnahmezustand der Corona-Krise über uns gekommen. Und wie in der Bibel eine Plage meistens nicht allein kommt, so auch hier: die globale Gesundheitskrise ist begleitet von einer globalen Wirtschaftskrise und vielen anderen Krisen und Problemen, etwa vermehrter häuslicher Gewalt und gewiss in vielen Ländern auch einer höheren Suizidrate. Das dem modernen Wortschatz längst entglittene Wort «Heimsuchung», das die Lutherbibel für schlimme Schicksalsschläge bereit hielt, bekommt einen neuen, aktuellen Klang. Was für eine Passionszeit 2020! Aber nach Ostern wird es nicht vorbei sein. Mit das Schlimmste an der gegenwärtigen Leidenszeit ist, dass wir nicht wissen, wann wir sie überstanden haben.

Passionszeiten sind traditionell auch Zeiten der Busse. Noch ein veraltetes religiöses Wort. Aber Busse, also Reue, wäre auch jetzt durchaus angebracht. Denn es hätte Propheten gegeben, Bill Gates zum Beispiel, dessen hellsichtige Rede von 2015 in den letzten Wochen «viral gegangen» ist, – zu spät.

Hätten wir ihm doch früher geglaubt! Jetzt rächt sich der globale Unglaube bitter und kostet Abertausende von Menschenleben. In viel zu grosser Hektik müssen Notspitäler aus dem Boden gestampft, muss zusätzliches Intensivpflegepersonal notdürftig ausgebildet und müssen vor allem die viel zu geringen Vorräte an medizinischer Schutzkleidung aufgestockt werden. Und dabei folgen alle Länder dem Prinzip «Jeder ist sich selbst der Nächste». Nein, nicht einzelne Regierungen haben bei der Pandemieprophylaxe versagt, sondern so gut wie alle. Aber man kann den Schwarzen Peter nicht den Politikern zuschieben; sie haben nur die Blindheit mangelnder Vorausschau verwaltet, von der wir (fast) alle geschlagen waren. «Wir gingen alle in die Irre wie Schafe».

Religiöse Metaphern und Reminiszenzen drängen sich geradezu auf in diesen Tagen. Und die Pfarrerinnen und Pfarrer haben – am Telefon und online – alle Hände voll zu tun. Ihre YouTube-Predigten bekommen so viele Clicks wie noch nie. Not lehrt beten. Not lehrt aber auch nachdenken. «Stay at home» kann ja auch heissen: besinne dich!

Besinnen wir uns doch zu Ostern auf den merkwürdigen Zusammenhang dessen, was wir gerade erleben, mit Grundstrukturen von Religion, besonders des Christentums. Das ist nicht gemeint im Sinne apokalyptischer Zeitdeuter und ihren Schreckensbotschaften, die jetzt auch so viele Clicks bekommen. Auch nicht im Sinne billiger christlich-kirchlicher Apologetik und antimoderner Polemik. Ich glaube, um es in religiöser Bekenntnissprache zu sagen, nicht an einen Gott, der uns mit dem Coronavirus strafen will für unsere Globalisierungssünden. Ich glaube vielmehr, dass Gott mit uns, mit denen, die jetzt leiden, mitleidet.

Die Krise als Eye-Opener

«Da wurden ihnen die Augen aufgetan.» Die Krise kann uns die Augen öffnen für ihre religiösen Dimensionen, zugleich für das Krisenhafte, auch das Kritische der Religion, besonders des Christentums; aber auch für das strukturell Krisenhafte der Moderne.

Das Krisenhaft-Kritische des Christentums enthüllt sich gerade dann, wenn man das Wort Krise in seiner Ursprungsbedeutung nimmt. «Krise» stammt ja aus der Sprache der Medizin und meint den zugespitzten Moment in einem Krankheitsverlauf, in dem sich entscheidet, wohin die Reise geht: zurück hinauf ins gesunde Leben oder steil hinab in den Tod. Das Christentum ist – in diesem Sinne – eine Krisenreligion. Eine grössere Krise als der schmachvolle Tod des Erlösers ist für Glaubende nicht denkbar. Und die drei Tage von Karfreitag bis Ostern sind der Inbegriff einer religiös-medizinischen Krise. Der Karsamstag ist der religiöse Stillstand schlechthin. Das «Lockdown» des gerechten Gottesmannes in der Grabkammer, die aber bekanntlich das gerade Gegenteil eines «home – sweet home» ist, der Inbegriff der Gottverlassenheit und Fremde; gerade so aber: die Intensivstation der Religion.

«O grosse Not, Gott selbst ist tot». Unter Vermittlung Hegels haben Feuerbach und Nietzsche nur den atheistischen Schluss gezogen aus dem, was Luther und die Verfasser der neutestamentlichen Schriften auch schon wussten und in ihren Worten und mit ihren Geschichten ausdrücken wollten: Die Krise der Religion ist die Ohnmacht Gottes. Die Geisseln der Menschheit und der Kreatur – Krankheit, Leid und Tod – sind nicht per Handstreich eines allmächtigen Gottes aus der Welt zu schaffen. Dafür sind sie zu sehr mit dem kreatürlichen Leben und vor allem mit dem Menschsein, mit der Natur des Menschen, aber auch mit seinem Sosein, seiner Kultur und Wesensart, verflochten. Ohne den Menschen kann der Mensch nicht erlöst werden. Aber von ihm selbst auch nicht.

Social Distancing

Dahinter steht die gemeinantike Vorstellung vom sogenannten «Tun-Ergehens-Zusammenhang»: Was wir sind, ob wir gesund sind oder krank, haben wir uns in gewisser Weise, im letzten selbst zuzuschreiben. Das ist gerade nicht (wie man angesichts boomender Mental Healing-Theorien meinen könnte) ein moderner Gedanke, sondern ein antiker. Modern ist eigentlich das Gegenteil, die Einsicht, dass Krankheit nicht die Strafe Gottes oder eines Dämons für Sünden ist, sondern, sieht man von einer gewissen Beeinflussbarkeit durch entsprechende Lebensführung ab, Schicksal.

Aber gerade die Corona-Pandemie, die wir jetzt erleben, lässt uns die tiefe (partielle) Wahrheit in jener Vorstellung vom Tun-Ergehen-Zusammenhang wieder erkennen, die wir lange zu Unrecht als magisches Denken verunglimpft haben: Infektionskrankheiten treffen uns zwar wie ein Naturereignis, sie sind aber zutiefst Folge unseres kulturellen Verhaltens. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das macht ihn anfällig für soziale Infektionen. Und oft heften sich die Keime an das, was uns – zu Recht - als das zutiefst Menschliche und Wertvolle erscheint: an unser nahes Miteinander, unsere Berührungen, an unsere Natur als miteinander atmende Leibwesen.

Von Mikrokeimen wussten die biblischen Menschen zwar natürlich noch nichts; aber mit Ansteckungen kannten sie sich leidvoll aus. Und die biblischen Massnahmen dagegen entsprechen grundsätzlich den heutigen: Quarantäne, social distancing, die ansteckend Kranken, die Aussätzigen, wurden aus den menschlichen Siedlungen verbannt; draussen vor den Dörfern mussten sie in Höhlen oder selbstgebauten Lagern ihr kümmerliches und kummervolles Dasein fristen, bedroht von wilden Tieren, Wind und Wetter ausgesetzt und angewiesen auf die Nahrungsmittel, die ihnen ihre Angehörigen verhüllt und in grossem, ängstlichen Abstand auf die nackte Erde legten. Damals wie heute bedeuten ansteckende Krankheit doppeltes Leiden: das körperliche und das seelische – die Schmerzen, aber auch die Drohung eines einsamen Dahinlebens und Sterbens.

Erbsünde und Pandemie

Angesichts der Allgegenwart von Seuchen verwundert es nicht, dass auch das geistliche Leiden und Übel des Menschen, seine Sündhaftigkeit, als Ansteckungskrankheit gedeutet worden ist; jedenfalls im Christentum und konkret: seit Augustin. Dieser hat den paulinischen Gedanken, dass «alle Menschen in Adam gesündigt haben», mit der (aus seiner Sicht) selbstsüchtigen Lust beim Geschlechtsverkehr verbunden, die alle Menschen von Geburt infiziere und zu aktiven «Spreadern» solch lustvoller Selbstsucht mache.

Dieses Modell der Erbsünde als einer Art moralisch-religiösen AIDS leuchtet uns heute aus vielen guten Gründen nicht mehr ein. Und auch unabhängig von solcher theologischen (Pseudo-)Rationalisierung ist seit der Frühen Neuzeit die christliche Erbsündenlehre scharfer Kritik unterzogen worden. Nicht nur religionskritische Philosophen, sondern auch moderne Theologen witterten in ihr den Inbegriff einer Gottesvergiftung des freien Menschen. Im Zuge der Selbstbefreiung des Menschen durch naturwissenschaftlich-technische Rationalität sollten nicht nur die Pandemien, sondern auch die Vorstellung einer pandemischen Sündenverstrickung des Menschen im finsteren Mittelalter zurückgelassen werden.

Seit gut hundert Jahren setzte aber wieder ein Umdenken ein. Die Dreifachkatastrophe von Erstem Weltkrieg, Spanischer Grippe und Weltwirtschaftskrise lehrte die modernen Gesellschaften, dass der humanistische Optimismus der Aufklärer und Fortschrittsgläubigen zumindest voreilig gewesen war. Die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts als deren Folge und deren noch katastrophalere Auswirkungen (Zweiter Weltkrieg, Shoa, Archipel Gulag), aber auch die fundamentalen Ambivalenzen einer modernen Industriegesellschaft und ihres Weltwirtschaftssystems, dem zunehmend die ganze Menschheit auf Gedeih und Verderb unterworfen ist, brachten zwar nicht die Erbsündenlehre à la Augustin zurück, aber doch bei vielen die Einsicht hervor, dass es «strukturelle Sünden» und tödlich-hochansteckende, kollektive Verblendungszusammenhänge gibt, denen sich die Einzelnen, sei es intellektuell, sei es existenziell, nur mit grosser Opferbereitschaft und geistiger Selbständigkeit zu entziehen vermögen. Das aktuelle Beispiel ist bekanntlich Li Wenliang, der chinesische Whistleblower-Arzt, der erste Märtyrer der Corona-Epidemie.

«Die Sakralität der Person»

Dass der Mensch und seine Würde zuhöchst verletzlich ist und dass die Verletzungsbereitschaft unter Menschen leider wie eine ansteckende Seuche grassieren kann, ist die doppelte Lehre, die die vom Faschismus befreienden und befreiten Geister aus dieser Katastrophenserie des 20. Jahrhunderts bekanntlich gezogen haben. Die «Allgemeine Erklärung der Menschenrechte» von 1948 und seither in ihrem Gefolge viele Staatsverfassungen schlagen darum mit den Menschen- als Grundrechten einen Bannkreis des Heiligen um den Menschen, um so seine leibliche und seelische Unantastbarkeit, aber auch fundamentale Lebensrechte wie Gesundheit und Entfaltungsrechte seiner Freiheit zu sichern.

Gegen die pandemische Neigung der Menschen und der Staaten, Individuen, insbesondere, sofern es nicht die eigenen sind, gering zu schätzen und sie eigenen Zwecken zu unterwerfen, hilft nur die Gefühlsansteckung mit einer Gegenintuition, nämlich der, dass solche Verfügungslust ein Frevel sei, dem mit aller legalen Gewalt zu wehren sei. In diesem politischen Glauben an die «Sakralität der Person» (H. Joas) kehrt im modernen, humanistischen Gewand eine Anschauung wieder, die dem Christentum zutiefst vertraut ist, die es aber allzu oft ignoriert hat: der verletzliche Mensch als das Allerheiligste der Schöpfung: «Ecce homo» («Seht: da ist der Mensch!»), heisst es im Neuen Testament vom gekreuzigten Christus, dem «Schmerzensmann» mit der Dornenkrone, die in der lateinischen Bibel «corona» heisst.

In den vielen Kriegen und Bürgerkriegen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, auch in den Flüchtlingskrisen der letzten Jahre ist dieser neue universale Glaube an die unantastbare Würde jedes einzelnen Menschen allzu oft ein recht untätiger Glaube geblieben. Gerade die Corona-Krise scheint daran nun aber etwas zu ändern. Unter den Argusaugen einer konzentrierten weltweiten Medienöffentlichkeit können sich selbst diktatorische Regierungen wie die chinesische oder russische, oder populistische wie in den USA oder der Türkei, die sich sonst um Menschenleben, insbesondere, wenn es nicht die eigenen sind, wenig scheren, nicht mehr erlauben, den Verlust an Menschenleben, den diese Pandemie fordert, zu ignorieren. «Jedes Leben zählt», neuerdings sogar in China, – jedenfalls und immerhin muss man so tun. Bei allem, was sich kritisch gegen den Statistik-Hype des globalen Totenzählens sagen lässt: der Wettstreit der Nationen um die niedrigsten Todesfallzahlen, das beste Krisenmanagement und das effektivste Gesundheitssystem ist eine «Olympiade», die die Verschiebung von «Tokio 2020» nach 2021 und das damit verbundene Medaillenzählen mit Leichtigkeit verschmerzen lässt.

Homo Deus?

Die Corona-Krise ruft uns nicht nur in Erinnerung, dass wir verletzliche Menschen sind, sondern vor allem, und das ist in den letzten Tagen oft gesagt und geschrieben worden, dass es gerade unser modernes globales Lebens- und Wirtschaftssystem ist, das unsere Verletzlichkeit durch virale Ansteckung in bisher unbekanntem Geschwindigkeitsmass steigert. Zugleich öffnet die Krise aber auch dafür die Augen, dass sich das Virus um verrammelte Ländergrenzen nicht schert; es wird sich am Ende wohl nur global, mit vereinten Kräften aller besiegen lassen. Was angesichts der drohenden grossen Klimakrise so nötig wäre und bisher nur ansatzweise gelungen ist, könnte, wenn es gut geht, dem kleinen Virus tatsächlich gelingen: ein konzertiertes Handeln der Menschheit.

Dabei drohen freilich unverkennbar neue Gefahren. Sie heften sich vor allem an das Heilmittel, in das wir – neben «social distancing», verbesserter medizinischer Infrastruktur und pharmakologischer Forschung – die grössten Hoffnungen setzen: die künstliche Intelligenz miteinander verschalteter Computer und Mobiltelefone: eine so genannte «coronavirus tracking app».

Solche IT-Projekte werfen jedoch nicht nur konkrete Fragen des Datenschutzes auf, sondern auch ganz grundsätzliche: nämlich nach der Reichweite der Hoffnungen, die wir auf die virtuelle Selbstentgrenzung des leiblichen Menschen richten. Das Internet ist in den letzten Tagen in erstaunlicher Geschwindigkeit zum Rettungsraum vor den Viren der wirklichen Welt geworden. Vor der Heimsuchung fliehen wir ins Home Office; mit dem Internet scheinen wir eben doch eine zweite Erde im Kofferraum zu haben.

Auferstehung ins Word Wide Web? Ewig werden wir dort nicht bleiben können und wollen es auch gar nicht. Auch wenn das Netz sich als segensreich erwiesen hat in dieser Krise: der äusserliche, leibliche Alltag lässt sich in den virtuellen Innenraum des Internets nicht völlig aufheben. Auch jetzt braucht es «draussen» noch alles, was zur Aufrechterhaltung unserer leiblichen Existenz eben nötig ist: Für die Kranken genügend Intensivpflegebetten und vor allem das Gesundheitspersonal, das sich um die nach Luft ringenden Patienten kümmert; für die Gesunden Supermärkte und solche, die sie füllen, beliefern und dafür produzieren; die Post für die im Netz bestellten Päckchen, und zum Beispiel Hunde, ohne die man in vielen Ländern jetzt nicht spazieren gehen darf. Wir wollen wieder wirklich reisen, nicht nur mit Webcams, unsere vereinsamten alten Eltern besuchen, wir wollen keine Geisterfussballspiele mehr sehen und nicht die Menschen abzählen, mit denen wir uns draussen treffen.

Das akute und globale «Homo Deus»-Experiment, das Projekt virtueller Selbstvergottung, das wir zurzeit veranstalten, zeigt uns zugleich schlagend dessen Grenzen. Der Mensch ist kein Computer-Nerd; er ist ein verletzliches, leibliches Wesen unter seinesgleichen, mit den Tieren und Pflanzen. Seine leibliche Auferstehung kann er nicht via Internet sublimieren. Er kann sie nur glauben. Ostern lässt sich dieses Jahr so schlecht wie noch nie feiern. Oder vielleicht besser: so gut wie noch nie.

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