Geistschreiber
Für wen sonst

Willi Näf
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Für wen sonst soll die Weihnacht denn sein, wenn nicht für alle.

Für wen sonst soll die Weihnacht denn sein, wenn nicht für alle.

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Meine gelegentlich liebenswert gedankenlose Freundin Ulli aus Köln hat mir diese Woche ihre peinlichste Weihnachtsgeschichte erzählt, beim Essen im Hiltl in Zürich, dem ältesten vegetarischen Restaurant Europas, und ich schwöre beim Hirschragout von Ullis Mama, dass ihre Geschichte wahr, wahr und nochmals wahr ist. Jedenfalls ziemlich. Hier ist sie:

Meine Eltern gehen seit ewig jede zweite Woche in den Knast, Gefangene besuchen. Da machen sie so n’ bisschen frommes Halli Galli, singen, beten, Sorgen anhören, ganz toll. Eines Dezembers ruft Mama mich an. «Ulli, Weihnachten haben wir einen besonderen Gast.» Das ist soweit nicht ungewöhnlich. Meine Eltern hatten stets ein offenes Haus und oft irgendwelche Hascherln rumrennen, Flüchtlinge oder sonstwie aus dem Nest Gefallene. «Was isses denn für einer?», frag’ ich. «Sechzig und frisch entlassen», antwortet Mama. «Jaja, aber was hat er angestellt?» «Das erzähl’ ich dir nicht, sonst bist du vor-
eingenommen.» «Okay. Ich frag auch nicht.»

Es kommt der Weihnachtstag. Die Sippe zieht gen Elternhaus. Wohnung festlich, Stimmung feierlich, anstelle des Bratens gibt’s ein weichgekochtes Hirschragout, «der Armin, der hat nach dem Gefängnisaufenthalt nicht mehr die besten Zähne». Wir widmen uns am geschmückten Tisch dem Festmahl, neben mir der Armin, alle schmausen happy vor sich hin und geraten ins Plaudern. «Ich guck gern den Tatort», sagt jemand. «Tatort?», sag’ ich. «Nee. Ich guck doch lieber Inspector Barnaby. Da passiert nicht immer nur ein einzelner Mord, da wird wenigstens gleich die ganze Familie niedergemäht.»

Stille.

Am nächsten Tag war Ullis ältere Schwester Nina so freundlich, sie aufzuklären. Armin hatte im Suff seine Familie umgebracht und für Totschlag fünfzehn Jahre abgesessen.

Mit dieser malerischen Weihnachtsgeschichte wird Ulli nun von ihrer netten Sippe Jahr für Jahr gepiesakt. Halb so wild, frotzelt sie, der Heiland sei selbst für ihre Sippe gekommen. Genauso wie für Armin, für sie selber und für alle übrigen liebenswert Gedankenlosen, alle vegetarischen Barnaby-Fans und überhaupt alle aus dem Nest Gefallenen.

Für wen sonst soll die Weihnacht denn sein, wenn nicht für alle.

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