Zwischen 2015 und Mitte 2017 beschäftigte sich die «Fachstelle Zwangsheirat» mit 905 Fällen von erzwungenen Heiraten. 83 Prozent davon betrafen Frauen und in 257 Fällen handelte es sich um Minderjährige. Letztes Jahr waren es 119. Diese Zahlen teilte die Fachstelle an einer Podiumsdiskussion mit. Dabei steht Basel als einer der «Hot-Spots» im Zentrum der Diskussion.

Nun bestätigt das Justiz- und Sicherheitsdepartement (JSD), dass es seit der Berichterstattung vom Jahresanfang die Situation genauer betrachtet und Statistik führt. So hat es festgestellt, dass 2019 eine solche Minderjährigenehe nachträglich vom Standesamt anerkannt wurde. Bisher konnte das Departement die Anzahl der Zwangsehen bloss schätzen. Auch wurden Ehen, in denen mindestens einer der Ehepartner noch minderjährig war, anerkannt: Zwischen 2015 und 2017 waren es in Basel zehn. Zwischen 2013 und 2017 wurden schätzungsweise auch 20 Ehen nachträglich anerkannt, die im Ausland stattgefunden haben und bei welchen mindestens einer der Ehepartner zum Zeitpunkt noch minderjährig war. Diese Ehen konnten anerkannt werden, da die Eheleute zum Zeitpunkt der Meldung bereits Volljährig waren und der Ungültigkeitsgrund somit wegfällt.

Auf dem WC können Flyer Frauen am besten erreichen

Gegen zwangsehen kämpft das Zivilstandsamt schon seit geraumer Zeit: Amtsleiter Massimo Di Nucci erklärt, dass das Amt im Frauen-WC Flyers und Informationsbroschüren gegen Zwangsehen aufstelle. Die meisten Opfer sind ja Frauen und seien am Schalter meistens nicht alleine. In Begleitung eines Familienmitglieds oder Ehemannes würden sie sich womöglich nicht getrauen, einen solchen Flyer mitzunehmen. Im Frauen-WC seien sie aber der Aufsicht ihres familiären Umfeldes entzogen. Das Thema wurde auch von den CVP-Frauen aufgegriffen. Diese hielten am Dienstagabend in Basel eine Podiumsdiskussion zum Thema ab.

Eingeladen waren Anu Sivaganesan, Leiterin der Fachstelle Zwangsheirat, sowie ein Koranforscher, der für eine moderne Auslegung der Religion plädiert, und Babette Sigg, Präsidentin der CVP-Frauen Schweiz. Dabei bekräftigte CVP-Fraktionschefin Andrea Knellwolf als Moderatorin der Debatte, dass das Thema nicht nur den Islam betreffe. «Es kam bis vor nicht so langer Zeit auch in der Schweiz vor, dass man Leuten eine Ehe aufdrang oder vor allem auch, dass man jungen Menschen das Heiraten einer bestimmten Person verbot, z.B. weil diese die „falsche“ Konfession hatte.»

Absolutes Verbot steht im Raum

Die CVP-Frauen Schweiz haben entschieden, ihren Abgeordneten zwei Forderungen nach Bern mitzugeben, die sie verteidigen sollten: Sie wollen, dass solche Kinderehen nicht mehr anerkannt werden. «In den Niederlanden ist es ebenfalls ganz verboten», sagt Andrea Knellwolf. Das Ehepaar soll die Ehe legalisieren, indem es ein zweites Mal legal in der Schweiz heiratet.

Ein absolutes Verbot forderte auch SVP-Nationalrätin Nathalie Rickli, die dieses Jahr ihre abgelaufene Motion erneuert hat. Die CVP-Frauen fordern auch, nach der Idee von Babette Sigg, einen Zivildienst für Frauen, weil sie es als förderlich für die Integration erachten: «Wenn man in einem Familienverband abgeschottet lebt, kann man einige Werte gar nicht hinterfragen. Wenn man sich in anderen gesellschaftlichen Strukturen eingliedert, und auch mal andere Rollenmodelle kennenlernt, ist das viel eher möglich.»