Ladensterben
«Es braucht Zeit, bis das neue Ökosystem funktioniert»

In den vergangenen Wochen mussten in der Clarastrasse immer mehr Geschäfte schliessen. Ökonom Reiner Eichenberger erklärt im Interview, warum er eine komplette «Verslumung» aber ausschliesst.

Tobias Müller
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Ökonom Reiner Eichenberger.S. Bodmer

Ökonom Reiner Eichenberger.S. Bodmer

Susi Bodmer

Die wirtschaftliche Problematik in der Clarastrasse scheint kein Ende zu nehmen. Nachdem bereits grosse Geschäfte wie der Kleiderladen B+A oder auch kleinere Geschäfte wie der Sexshop Magic X den Betrieb im Kleinbasel einstellten, musste nun auch der skandinavische Möbelladen Jysk schliessen. Zur Schliessung seines Geschäfts sagte Jysk-Verkaufsleiter Karl Keller zur bz: «Die Kundenfrequenz an dieser Strasse ist massiv zurückgegangen.» Eine Erklärung hat Keller scheinbar gefunden: «Es hat kaum mehr attraktive Mieter in der Umgebung, die Kunden anziehen können.»

Somit passiert zurzeit genau das Gegenteil von dem, was sich die kantonale Stadtentwicklung vorgestellt hat, als man einen 4,7-Millionen-Kredit sprach, um die Clarastrasse zu verschönern. Anstatt einer grösseren Nachfrage, scheint die Strasse auszusterben. Laut Reiner Eichenberger, Schweizer Ökonom und Professor an der Universität Fribourg, lässt sich die Situation an der Clarastrasse aber erklären. Eichenberger, Spezialist für Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie für ökonomische Analyse politischer Prozesse, gibt für die Clarastrasse Entwarnung.

Herr Eichenberger, in der Clarastrasse müssen immer mehr Geschäfte schliessen. Wie lässt sich ein solches Ladensterben aus ökonomischer Sicht erklären?

Reiner Eichenberger: Es wurde ja ein beträchtlicher Geldbetrag investiert, um die Clarastrasse zu verschönern. Als Konsequenz können auch die Mieten steigen. Viele Läden, die vorher schon in dieser Strasse waren, können sich dann die höheren Preise nicht mehr leisten und müssen schliessen. Es entsteht ein völlig neues wirtschaftliches Ökosystem mit neuen auf grössere Erträge ausgerichteten Läden. Bis dieses System funktioniert, braucht es Zeit.

Mehr Einnahmen der Läden aufgrund schönerer Umgebung. So einfach scheint es aber nicht zu sein.

Zwei Aspekte spielen hier eine wichtige Rolle: erstens die Höhe der Einnahmen von Geschäften und zweitens, auf der anderen Seite, die Ausgaben. Nehmen wir das Beispiel in der Zürcher Bahnhofsstrasse. Sehr wahrscheinlich erzielt hier ein Laden einen höheren Umsatz als anderswo. Aber natürlich sind dort auch Mietkosten und daher die Ausgaben höher.

Wie kann es zu einem solchen Dominoeffekt des Ladensterbens kommen?

Da Läden schliessen müssen, gehen sogenannte «Spillovers» verloren. Ein Beispiel: Wenn ein Möbelladen schliesst, dann gehen weniger Leute, die Möbel brauchen, in diese Strasse. Darunter leiden dann natürlich auch die anderen Geschäfte, die Inneneinrichtungsgegenstände verkaufen. Die positiven Effekte der sterbenden Geschäfte fallen für dieses Gebiet also weg. Dafür gibt es dann aber auch andere positive Effekte der neuen Geschäfte.

Eine Strasse kann also, rein wirtschaftlich gesehen, gar nicht aussterben?

Nein, ein Aussterben eines Gebiets oder einer Strasse droht nicht. In einem freien Liegenschaftsmarkt gibt es keine «Verslumung». Die Mieten passen sich langfristig an eine neue Situation an.

Wie lange kann es dauern, bis ein neues funktionierendes Ökosystem entsteht?

Es braucht einfach Zeit, bis die Marktkräfte in einem Gebiet wieder wirken. Dieser Prozess kann aber Jahre dauern.

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