Kriegsveteran
Ein Krieger lehrt den Frieden in Basel

Claude AnShin Thomas war als US-Soldat im Vietnamkrieg und ist heute buddhistischer Zen-Mönch. Am Freitag referiert er in Basel. Die bz konnte via Skype mit ihm sprechen.

Mélanie Honegger
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Claude AnShin Thomas. ZVG

Claude AnShin Thomas. ZVG

Ein kahl rasierter Mann mit Brille ist auf dem Computer-Bildschirm zu sehen. Claude AnShin Thomas ist nur via Skype erreichbar. «Ich bin gerade in Leverkusen», erklärt er zu Beginn der Videounterhaltung, «momentan bin ich ständig unterwegs.» Der Zen-Mönch aus Pennsylvania hatte ein bewegtes Leben. 1965 trat der damals Siebzehnjährige freiwillig dem US-Militär bei. Es folgte ein Jahr im Vietnamkrieg und eine Entlassung aus der Armee mit Ehren aufgrund schwerer Verwundungen. Heute hält der 65-jährige Vietnamkriegs-Veteran als buddhistischer Zen-Mönch auf der ganzen Welt Vorträge – nächsten Freitag auch in Basel an einer Veranstaltung der World Peace Academy.

Stets überlegt und trotzdem in grossem Wortschwall erzählt er von seinem Weg zum Buddhismus. «Nach dem Krieg dachte ich, ich könne nur kämpfen.» Mit dem Ziel, bewusster zu leben, habe ihn der Buddhismus gefunden und ihm dabei geholfen, eine neue Lebensweise kennenzulernen: die der Meditation. «Für mich ist das die beste Lebensart.» Die Liebe des Mönchs zur buddhistischen Spiritualität ist spürbar: «Friede ist kein politischer Prozess. Den Frieden findet eine Person nur in der Selbstreflexion.» So rosig Thomas’ Worte auch sind: Auf Kriegserinnerungen angesprochen wird der buddhistische Mönch merklich wortkarger. «Ich ging durch die wahre Dunkelheit», erzählt er, «der Krieg besucht mich jeden Tag.»

Manchmal fahren ihm Kriegsbilder durch den Kopf, aber auch in anderen Situationen zeigt sich, dass sich die traumatischen Erlebnisse im Gehirn des Mannes eingenistet haben. «Wenn ein ehemaliger Kriegssoldat behauptet, das sei bei ihm nicht so, dann gibt er sich Illusionen hin.» Vor Kurzem habe er sich um einen stark erkrankten Freund gekümmert. «Da kamen viele Erinnerungen auf. Ich fühlte mich wie im Kampf mit einer verwundeten Person neben mir.»

Emotionale Wunden

Nur kurz erzählt der Zen-Mönch von den emotionalen und körperlichen Wunden, die der Krieg bei ihm hinterlassen hat, von den Soldaten, die Selbstmord begehen und von der berauschenden Wirkung, die das Monster Krieg hervorbringen kann. «Defense of denial» nennt er das Problem, das viele Kriegsveteranen kennen: die Verdrängung der Kriegserinnerungen durch ein Verleugnen der Ereignisse. Frustrierende Momente gebe es auch bei Gesprächen mit Militärleuten oder Inhaftierten. «Die Verführung, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, ist gross.» Es gehe nicht darum, einen Ausweg aus seinem bisherigen Leben zu finden. Vielmehr solle das Ziel sein, mit den sehr reellen Konsequenzen des Krieges in einer bewussteren Beziehung leben zu können. «Heilung ist für viele nicht die Abwesenheit von Leiden, Heilung ist die Fähigkeit, den richtigen Umgang mit seinem Leben zu erlernen.»

Nach dem Rat des Zen-Mönchs zu Meditation und einem drogenfreien Lebensstil ist das Gespräch vorbei und das Gesicht vom Bildschirm verschwunden. Was bleibt, ist die Erinnerung an die kurzen Momente, in denen die raue Oberfläche der spannenden Persönlichkeit zum Vorschein gekommen sind. Dann schlüpft der Mann aus seiner Rolle als Spiegel der Gesellschaft und wird zu einem Menschen mit Ecken und Kanten.

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