Am 8. Dezember starten wir den Motor des gemieteten 1996er Toyota Corolla, Automat mit Klima, und fahren los. Ich bin auf der Suche nach einem Traum. Nach der Adresse, die mir an einem sonnigen Morgen nach dem Verfliegen eines Traums wie Leuchtschrift in der Nacht erschien und die mich nicht losliess.

Im südlichen Afrika gibt es zwei Sinai Streets: Eine in der Nähe von Durban, Südafrika, die andere zweitausend Kilometer weiter in Windhoek, Namibia. Es soll eine Reise des Schreibens, des Reflektierens werden. Und es soll ein Album daraus entstehen. Die Aufnahmen sind zum Teil bereits gemacht, Textfetzen schwirren herum.

Sinai Street, Mount Sinai, die Zehn Gebote. Wird das eine spirituelle Reise? Ich notiere mir die Zeile:

An atheist on a pilgrimage.
Ein Atheist auf Pilgerfahrt.

Es wird eine Reise in eine offene Wunde. Die Spannungen in Südafrika sind greifbar und es braucht einen Moment, um anzukommen. Es ist nicht einfach, sich nur auf die schöne Landschaft, die wilden Tiere und die Architektur zu konzentrieren. Es ist auch nicht einfach, nicht nur noch über Kolonialismus, Rasse, Apartheid, eine plündernde Regierung, Patriarchat, Missbrauchskultur, Armut und Reichtum, Kriminalität und das Wetter zu reden. Und doch muss es sein, um die Komplexität des Ganzen wenigstens ein wenig zu verstehen.

Von Parität noch weit entfernt

Wir fahren an Städten und den dazugehörigen Townships vorbei. Demokratie seit 1994, Parität jedoch noch weit hinter dem Horizont. 

The bottom of the food chain.

Die Korruption nimmt einem fast die Luft zum Atmen. Die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen diametral entgegengesetzt. Ich schreibe, komme an Grenzen, das Erlebte und Nichterlebte in Worte zu fassen.

Ein Taxifahrer zeigt nach rechts: «Dort wohnen die Weissen. Und hier links die Schwarzen.» Links sind die Häuser halb so gross wie rechts. «Ich lebe gerne bei den Weissen, da ist Ordnung» sagt er. Wir fahren durch Krugersdorp, benannt nach Paul Kruger, dessen nach ihm benannte Strasse in St. Gallen wegen «rassistischer Assoziationen» umbenannt wurde.

Is this applause or rain hammering on a tin roof?

Die südafrikanische Stadt Clarens ist nach Krugers letztem Wohnort in der Schweiz getauft. Es ist ein Durcheinander und die Verbindungen und Verknüpfungen sind erstaunlich, wenn auch nicht wirklich.

Durban, Sinai Street

Die Strasse liegt zwischen Nirwana Hills und einem Hare-Krishna-Tempel. We drive up to the gate. Eine Wohnstrasse. Gated community. Ich unterhalte mich mit dem Guard Spah. Es gibt kein Vorbeikommen. «You need to live here or have an invitation to pass». Es sei eine ruhige Strasse. «Wenn wir unseren Job gut machen, sind die Leute sehr nett», sagt Spah.

Die Gegend ist hügelig und strahlt Ruhe aus. Die einzigen Kriminellen hier sind die Carjackers, sagt mir ein älterer Mann vor dem Laden im nicht abgeriegelten Teil des Quartiers. Ich bin in einer vorwiegend indischen Community gelandet. Ein britischer Vorfahre von mir wurde vor 100 Jahren nach Indien verbannt, weil er die Magd geschwängert hatte.

Dreams from a previous life and the ancestors do what the fuck they please.

Auf der anderen Strassenseite wirbt ein gelbes Schild für ein Haus, das zum Verkauf steht. Adresse: 22 Sinai Street. Ich rufe bei der Brokerin an und vereinbare einen Termin. Warum nicht nach Durban ziehen? Das subtropische Klima ist angenehm, das Meer in der Nähe, es ist der Geburtsort von Gqom1: ein technoider, basslastiger Musikstil, der vor allem bei Durbans Jugend sehr beliebt ist und die Klicklaute der Zulu- und Xhosa-Sprache mit elektronischen Drums imitiert.

Am nächsten Tag: Wir haben uns schön angezogen und sind fast pünktlich. Spah erkennt mich wieder, lächelt und nach dem Vorweisen der Einladung winkt er uns durch. Wir halten vor einem einladenden Anwesen und die Brokerin begrüsst uns freundlich. Das Haus ist beige und viel zu gross für zwei. Ich werde gefragt, wie gross unsere Familie sei. Ich hatte mich auf einige Fragen vorbereitet, aber nicht auf diese.

Das Anwesen ist geräumig und es würde sich viel darauf machen lassen. Im Hinterhaus liesse sich ein Studio einbauen, einzelne Zimmer könnten für Besuchende des Hare-Krishna-Zentrums in der Nähe als Bed & Breakfast dienen. Die Kosten sind überschaubar. Wir machen ein Foto vom Haus und verabschieden uns. Wir werden uns melden. Der Nachbarshund bellt erst, als wir losfahren. Vielleicht ein Zeichen, dass das hier nichts wird.

Press forward one more time.
Wir müssen weiter.

Windhoek, Sinai Street

Fast forward, einen Monat und 2000 Kilometer später. Plötzlich zeigt sich die Kolonialisierung von einer neuen Seite, wir sind in Namibia. Strassenschilder und Läden sind in deutscher Sprache beschriftet. Die Leute sagen «Danke». Ich finde eine Unterkunft nicht weit von der Sinai Street entfernt. Indem uns die deutsche Schrift 10 000 Kilometer von Deutschland entfernt begegnet, wird die Absurdität hinter der Idee der Kolonialisierung plötzlich noch eindrücklicher.

Land entdecken, eigenes System überstülpen, plündern und vergewaltigen, wieder raus und Spendengelder schicken – die dort unten kommen damit schon zurecht.

Clara erzählt mir, dass sie über ein Inserat zum Bed & Breakfast kam. Wie sie die Frau vom Amt, die sie nach dem Einreichen des Antrags sprechen wollte, zunächst davonscheuchte – «go away, the kids are sick». Mit dem Bed & Breakfast kann sie ihr Waisenheim, das vorher stets in finanzieller Not war, querfinanzieren.

31 Tage on the road

Die andere Sinai Street ist nur noch zwei Kilometer entfernt, der Rückflug gebucht, und es bleibt keine Zeit für Dünensafari und Currywurst. Wir machen uns auf den Weg.

Because friendship is all we have.

Sinai Street in Katatura, eine informelle Siedlung am Rande von Windhoek, Namibia. Wir lungern auf der hundert Meter langen Strasse herum, grüssen Leute, die vorbeigehen und werden gegrüsst. Schiessen ein paar Fotos, posieren vor dem Strassenschild, beschriftet hier in Englisch, auf der anderen Seite in Afrikaans.

Let something secretly happen.

Der Typ mit der Brille ohne Gläser

Ein Typ mit Bucket Hat und goldgerahmter Brille ohne Gläser passiert mich zum dritten Mal. Wir kommen ins Gespräch. Seine sonore Stimme fällt mir schon beim ersten «Hallo» auf. «What are you doing here?» – «I don’t know.»

Ich erzähle ihm von meinem Traum und warum ich hier bin. Er ist skeptisch, aber Terra Nova, so heisst er, lädt uns auf seinen Vorplatz ein. Wir trinken Wasser und unterhalten uns über das Wetter, Migration, Quartier, die Rude Boys, die an der Ecke stehen, und dass wir besser nicht dort drüben herumstehen, da, wo wir vorhin herumgestanden sind, «because they will stab you for nothing», sagt er. Sie werden dich erstechen für nix.

Wir finden heraus, dass wir beide Musiker sind. Ich soll die Band 4x4 Legends Extra Power und den Song «Good Solutions» googeln, er «Combineharvester».

«Too complicated» kommentiert Terra Nova, der vor 19 Jahren nach Namibia kam, auf der Flucht vor dem Chaos in der Demokratischen Republik Kongo. Er ist Sänger. Im Hintergrund ist die Oma mit dem Enkel zu hören. Es tönt abwechslungsweise nach Konflikt und Versöhnung. Der Vater kommt angefahren und wird überschwänglich vom Sohn begrüsst.

Plötzlich ist der Vorplatz voll von Menschen, Kindern und Erwachsenen. Nach einer Stunde brechen wir auf, Terra Nova fährt ein Stück mit uns mit und steigt bei einer Bar aus. Er lädt uns mit den Worten «when you are bored you can come here» zum Besuch ein. Wir tauschen Telefonnummern aus, «because friendship is all we have». Ist es das, was mir der Traum sagen wollte?

Wir packen die Koffer, bereiten uns auf den Flug vor. Auf zum nächsten Kapitel.