Ausgezeichnet
Dieser Basler geht dorthin, wo es weh tut – und wird dafür ausgezeichnet

Bastian Seehofer geht an Grenzen. Unter anderem auf die Balkanroute, dort machte der Basler Sozialarbeiter eine grosse Erfahrung seines noch jungen Lebens. Jetzt wird er ausgezeichnet: Er erhält den Jugendpreis des Basler Sperber-Kollegiums.

Andreas W. Schmid
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Bastian Seelhofer (links) erzählt Schülern in Basel, was er in der Flüchtlingskrise getan hat.

Bastian Seelhofer (links) erzählt Schülern in Basel, was er in der Flüchtlingskrise getan hat.

zvg

Irgendwann während des Gesprächs im Unternehmen Mitte krempelt Bastian Seelhofer das rechte Hosenbein hoch und gibt den Blick frei auf ein fulminantes Tattoo, auf dem die Flüchtlings-Balkanroute, umrahmt von Blutflecken, abgebildet ist. Es ist ein Erinnerungsmal an einen Einsatz, den er aber ohnehin nicht mehr vergessen wird – auch weil daraus etwas Grosses, Bleibendes entstanden ist, «das so nie geplant war», wie der 31-jährige Basler Sozialarbeiter nun erklärt. Dafür «und weil er den Namen dieser Stadt vorbildlich in die Welt hinausträgt», hat er soeben den Sperber-Jugendpreis und einen Check über 2000 Franken erhalten.

Damals, im Sommer 2015, beherrschte die Flüchtlingskrise die Nachrichten, man sah Bilder von verwahrlosten Sammellagern, in denen die Flüchtlinge auf die Erlaubnis zur Weiterreise warteten. Bundeskanzlerin Angela Merkel war überzeugt: «Wir schaffen das.» Bastian Seelhofer wusste sofort, dass er helfen musste. Möglichst schnell. Also schrieb der ausgebildete Sozialarbeiter auf Facebook einen Post, dass er zusammen mit Freunden in seinem VW-Bus Kleider, Decken und Lebensmittel zur Balkanroute bringen wolle. Innerhalb von 24 Stunden meldeten sich Hunderte von Spendern, die acht Tonnen Material schenkten. «Mit dem Instant-Projekt wurde eine Lawine losgetreten.»

Und dann kamen 13 Helfer mit

Seelhofer gründete den Verein «Be aware and share» – sei achtsam und teile. Schliesslich begleiteten ihn 13 Helfer, um die Hilfsgüter in sechs Bussen zu transportieren und zu verteilen. An einem Bahnhof in Kroatien nahe der ungarischen Grenze, an dem täglich 2000 Flüchtlinge ankamen, versorgten sie die Menschen mit dem Nötigsten und erfuhren grosse Dankbarkeit. Für Seelhofer war klar, dass er es nicht bei diesem einen verlängerten Wochenende bewenden lassen wollte. Von nun an reiste er alle zwei Wochen nach Kroatien und arbeitete praktisch Tag und Nacht. «Ich funktionierte einfach», sagt er – bis er sich nach drei Monaten ausgebrannt fühlte. In diesem Stil, so viel war klar, konnte es nicht weitergehen.

Mehrere hunderte Personen warten auf Busse an der kroatischen Grenze zu Serbien in der Stadt Babska.
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Eine Frau umarmt ein Kind, während sie auf den Bus warten.
Die kroatische Polizei bilden eine Linie. Gegenüber warten Flüchtlinge auf die Busse.
Ruf nach Menschlichkeit.
Das Friedenszeichen.
Flüchtlinge sind entlang der kroatisch-serbischen Grenze unterwegs.
Flüchtlinge besteigen einen Zug in Tovarnik (Kroatien) mit Fahrtrichtung Ungarn.

Mehrere hunderte Personen warten auf Busse an der kroatischen Grenze zu Serbien in der Stadt Babska.

Keystone

Er entschied, seine Arbeit in der Schweiz aufzugeben und ganz dorthin zu ziehen, wo es ihn braucht: auf die griechische Insel Chios. Hier waren es 1000 Flüchtlinge, die jede Nacht meist in kleinen Booten anlegten, oft durchnässt, frierend und traumatisiert von den Erlebnissen in der Heimat und auf der Flucht. Seelhofer erzählt von einem kleinen Mädchen, das leblos in einem Boot ankommt. Die Mutter apathisch daneben. Wiederbelebungsversuche. «Es nützt alles nichts», sagt der herbeigeeilte Arzt, «das Mädchen ist seit zwei Stunden tot.» Seelhofer schaudert es, wenn er davon erzählt. Und sagt dann überraschend: «Es waren die zwei besten und intensivsten Jahre meines Lebens.»

Direkt am Weltgeschehen, wo die Realität hart ist

So nahe am Weltgeschehen. Da wollte er sein. Ein Weltgeschehen, dessen Realität aber oft eine andere war, als sie in der Heimat dargestellt wird. «Es heisst immer, dass nur junge Männer kämen. Wir aber haben andere Erfahrungen gemacht: Aus den Booten stiegen nicht nur junge Männer, sondern ganze Familien, Alte, Frauen, Kinder.» Ein paar Monate beschränkte sich die Hilfe seiner Organisation auf das Lebensnotwendige, weil die Flüchtlinge weiterreisten. Dann kam der EU-Türkei-Deal, die Wassergrenze zwischen der Türkei und Griechenland wurde dicht gemacht. Plötzlich kamen nur noch 300 Flüchtlinge pro Woche. Aber: Jene, die da waren, mussten bleiben. Und drehten wegen der menschenunwürdigen Verhältnisse fast durch.

Die Flüchtlinge haben am Montag versucht, die Grenze zu stürmen.
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Die Polizei setzte Tränengas gegen die Flüchtlinge ein.
Ausharren in der Kälte.
Mazedonien hat seine Grenze zu Griechenland geschlossen und lässt Flüchtlinge nur noch Kontingent-weise rein.
Rund 7000 Flüchtlinge harren an der Grenze Mazedonien/Griechenland aus.
Die Menschen versuchten die Zäune zu durchbrechen.
Flüchtlingskrise: Eskalation an der Grenze zu Mazedonien

Die Flüchtlinge haben am Montag versucht, die Grenze zu stürmen.

Keystone

Als Sozialarbeiter hat Seelhofer gelernt, mit immer neuen Situationen umzugehen. «Nun ging es nicht darum, ihre Mägen zu füllen, sondern ihre Seelen zu füttern.» Seine Organisation richtete zwei Schulen und ein Jugendzentrum für ältere Jugendliche ein. Bis zu 250 Flüchtlinge genossen Unterricht – im wahrsten Sinne des Wortes: «Ich erinnere mich an einen Schüler, 14 Jahre alt, aus Afghanistan, der weinte und mich umarmte, weil er erstmals zur Schule gehen konnte.»

Jetzt muss er etwas zur Ruhe kommen

Nach zwei intensiven Jahren fühlte Seelhofer sich ausgelaugt. 14-Stunden-Tage, Krisensituationen zuhauf. Ende 2017 beschloss er, in die Schweiz zurückzukehren. Der Zeitpunkt war günstig, auch weil die neugegründete Organisation «Action for education» die Aktivitäten vor Ort übernahm. «Be aware and share» unterstützt das Projekt weiterhin finanziell und leistet unter anderem Nothilfe für die in Paris gestrandeten Flüchtlinge.

Heute wohnt Bastian Seelhofer in Niederdorf, um «etwas zur Ruhe zu kommen». Denn beruflich ist er weiterhin auf Trab: Neben seinem Teilzeitjob bei der Berufsintegration Baselland besucht er Schulklassen, um ihnen zu erzählen, weshalb er die ganze Aktion überhaupt startete: «Wenn mich meine zukünftigen Kinder irgendwann fragen, was ich damals in der Flüchtlingskrise tat, dann kann ich ihnen antworten: Ich habe meinen Teil beigetragen.»

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