Kunstmuseum

Die Zumutung der Kunst

Die kanadische Künstlerin Melanie Gilligan zeigt die Working Poor in Orlando, Florida. (zvg / Videostill «Crowds», Melanie Gilligan)

Die kanadische Künstlerin Melanie Gilligan zeigt die Working Poor in Orlando, Florida. (zvg / Videostill «Crowds», Melanie Gilligan)

Das Basler Kunstmuseum zeigt eine umfassende Schau zur Globalisierung der Ökonomie. Dabei stösst die Kunst an ihre Grenzen.

Diese Ausstellung ist eine Zumutung. Oder zumindest eine Überforderung. Aber genau das macht sie interessant. Gerade im Gefühl der Überforderung, das sie hervorruft, trifft «Circular Flow» ins Schwarze des Themas, das sie behandelt: die Globalisierung.

Wir leben im Anthropozän, dem Zeitalter, in welchem der Mensch nicht bloss für sein Handeln im nahen Umfeld, sondern für sein Handeln im globalen Rahmen verantwortlich ist. Die Jeans, die er trägt, sind bereits zwei Mal um den Globus gewandert. Mit dem Kauf macht sich der Zeitgenosse mitverantwortlich für diese Reise. Dabei wollte er doch bloss ein paar Hosen! Darin liegt die Überforderung für uns Menschen, und auch für die Kunst. Dazu jedoch später.

Mit Blick in die Gegenwart und Vergangenheit

Die grossen Probleme unserer Zeit sind ökonomische: die Klimakrise als Folge des Öl-, Gas- und Fleischverbrauchs, die Migration von 70 Millionen Menschen infolge von Krieg oder wirtschaftlichem Druck. Weltweite Proteste, als Folge der ungerechten Verteilung von Ressourcen und Vermögen.

Kurator Søren Grammel und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machen keinen Hehl aus der Zielsetzung ihrer Ausstellung. Sie stellen die Realität einer politisch, ökonomisch und kulturell vernetzten Welt nicht in Frage. Sie plädieren jedoch klar dafür, unsere Zukunft gerechter, sozialer und ökologischer zu gestalten.

Die Ausstellung versammelt Werke von 15 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt. Ihre Installationen werden ergänzt von Werken aus der Sammlung.
Pieter Bruegels Handelsschiffe oder Holbeins Weltkarte signalisieren, dass die Ausweitung der europäischen Kampfzone auf die ganze Welt eine 500-jährige Geschichte hat. Was daraus geworden ist, das reflektieren die Zeitgenossen.

Zum Auftakt der Schau zeigt der irische Künstler Richard Mosse eine Videoinstallation aus 16 grossformatigen Bildschirmen. Mit einer hochauflösenden Überwachungs- und Wärmebildkamera des Militärs hat er aus 30 Kilometern (!) Entfernung das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos gefilmt.

Andreas Siekmann zeigt eine grosse, komplexe Installation zum Thema Monopol-
bildung auf dem Saatgutmarkt. Das Künstlerduo Bureau d’Études beschäftigt sich mit den historischen und aktuellen Entwicklungen auf dem Ölmarkt. Für Basel haben sie ein 14 Meter langes Diagramm auf Tapete gedruckt, das die globalen Verstrickungen dieses Wirtschaftszweiges aufzeigt.

Ursula Biemann thematisiert das Leben von Sexarbeiterinnen im globalen Kapitalismus in einer umfassenden Videoarbeit, die den Betrachter von Burma nach Thailand, Nigeria bis nach Bulgarien und Mitteleuropa führt.

Lisa Rave zeigt eine Videoarbeit, die Europium ins Zentrum rückt. Das seltene Mineral ist in jedem Bildschirm zu finden. Die Kanadierin Melanie Gilligan zeigt in einer Fünf-
Kanal-Videoinstallation das Leben der Working Poor in einem Industriegebiet der Stadt Orlando in Florida.

Der Neuseeländer Simon Denny hat einen fahrbaren Käfig nachgebaut, den Amazon einst als Gefährt für Angestellte in seinen Lagerhallen patentieren liess, aber wegen Protesten nie gebaut hat.

Die Aufzählung an interessanten Arbeiten ist damit noch nicht abgeschlossen. Alleine Jan Peter Hammers Inszenierung von «Der anarchistische Bankier» als Late-Night-Talk, flankiert von zwei Wandtafeln, auf welchen Joseph Beuys seinen Kapitalbegriff erklärt, wäre eine Exegese wert. Genau da setzt eben die Überforderung ein.

Auch die Kunst muss ihre globale Form erst finden

«Circular Flow» ist ein Begriff aus der Ökonomie, der all die abstrakten Kreisläufe von Kapital, Waren, Menschen oder Ideen beschreibt. «Zur Ökonomie der Ungleichheit» lautet der Untertitel der Ausstellung. Er signalisiert, dass die Kunst hier den Versuch wagt, diese Kreisläufe einerseits aufzuzeigen und andererseits Modelle für eine postkapitalistische Welt zu präsentieren.

Kurator Søren Grammel stellt selbst die Frage, ob das alles nicht eher ein politisches Seminar sei als eine Ausstellung. Und tatsächlich ist in dieser komplexen Schau auch zu erleben, dass die Kunst als Medium für die Erzählung der Globalisierung an ihre Grenzen stösst.
Installationen wie diejenige zur Saatgutmonopolisierung sind zwar ästhetisch interessant aufgearbeitete Dokumente einer umfassenden Recherche. Die ihr innewohnende Information bringt aber jeder gute Dokumentarfilm weitaus kompakter rüber.

Und gerade, wenn die Kunst auf das Medium Dokumentarfilm ausweicht, stösst sie wiederum an die Grenzen des musealen Kontextes. Sich in das erwähnte Video über Sexarbeiterinnen zu vertiefen, ist angesichts der Fülle an Positionen bereits eine Überforderung, eine zeitliche.
Der chinesische Künstler Wang Bing treibt diesen Widerspruch auf die Spitze. Sein Dokumentarfilm über eine Kleiderfabrik dauert genauso lang wie der Arbeitstag dort, nämlich 15 Stunden. Es braucht also zwei Museumsbesuche, um das Werk vollständig zu sehen. Deshalb ist das Ticket auch zwei Tage gültig.

So bietet die Ausstellung radikale Entschleunigung und Vertiefung. Das Gegenteil von Info-Fast-Food. Das fordert vom Publikum Zeit und von der Kunst, dass sie Wegmarke ist inmitten der globalen Unübersichtlichkeit. Und doch zeigt diese Ausstellung auch, dass nicht nur die Ökonomie, sondern auch die Kunst ihre Form für eine globalisierte Welt erst noch finden muss.

 

Circular Flow

Bis 3. Mai. Kunstmuseum Basel/Gegenwart

www.kunstmuseumbasel.ch

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