Ausstellung

Die Uni-Bibliothek Basel beleuchtet die Fundamente eines Jahrhundertromans

Die Thomas-Mann-Ausstellung in der UB gleicht einer Einführung in die Ägyptologie.

Die Thomas-Mann-Ausstellung in der UB gleicht einer Einführung in die Ägyptologie.

Bernd M. Kraske zeigt in der Universitätsbibliothek Basel seine Materialien zu Thomas Manns grosser Joseph-Tetralogie. Die anspruchsvolle Ausstellung gibt nicht nur Einblick in das Schaffen des grossen Schriftstellers, sondern gleicht auch einer Einführung in die Ägyptologie.

Auf Seite 1355 «endigt die schöne Geschichte und Gotteserfindung von Joseph und seinen Brüdern». Erzählt wird sie in Thomas Manns Romantetralogie «Joseph und seine Brüder», und eine am Samstag eröffnete Ausstellung in der Universitätsbibliothek ist dem Opus Magnum gewidmet, dokumentiert sein Entstehen, seine Rückwirkungen auf den Autor und seine Rezeptionsgeschichte.

Bernd M. Kraske, während 30 Jahren Leiter des Kunst- und Kulturzentrums Schloss Reinbeck bei Hamburg, ist ein leidenschaftlicher Mann-Verehrer, einer jener altmodischen «Fans», die noch genau hinschauen, um zu verstehen und zu lieben. Seit eineinhalb Jahrzehnten ist er der UB Basel in enger Freundschaft verbunden, und die gegenwärtige Ausstellung ist seine siebte, die er hier zeigt, und es ist seine vierte zu Thomas Mann. Die 20 Vitrinen, in denen er seine privaten Schätze ausbreitet, fordern den Besucher auf, seinerseits genau hinzuschauen und zu lesen, um zum einen zu erkennen, wie und warum einer der ganz grossen Romane des vorigen Jahrhunderts entstand und zum andern, wie die 16-jährige Schreibarbeit seinen Autor veränderte.

Impuls aus der Bibel

«Tief ist der Brunnen der Vergangenheit», und dass in dessen Tiefe Gegenwart und Zukunft verborgen liegen, löst Thomas Mann im 4. Roman «Joseph der Ernährer» ein, wo er die altägyptische Vergangenheit in seine Gegenwart holt, die durch seinen Kampf gegen den deutschen Faschismus und sein Verständnis für die rooseveltsche New-Deal-Politik charakterisiert ist.

Wie kam es zu dem Roman? Thomas Mann kannte seinen Goethe, kannte den Satz aus dessen «Dichtung und Wahrheit»: «Höchst liebenswürdig ist diese Geschichte, nur scheint sie zu kurz, und man fühlt sich versucht, sie in alle Einzelheiten auszuführen.» Gemeint ist die Geschichte von Joseph, die in der Genesis 1. Mose 37-50 erzählt wird. Das war der erste Impuls, der zweite kam von einer Ausstellung in der Münchner Galerie Caspari, in der der Maler Hermann Ebers (1872-1955) 17 Lithografien zur Josephsgeschichte zeigte. Ebers, ein Schulkamerad von Katia Mann, erläuterte Thomas die Lithos, der sofort Feuer fing und spontan sagte: «Da müsste man etwas dazu schreiben.»

Gesagt, getan. Doch schon wenig später schreibt er an Ebers: «Lieber Herr Ebers, an ein knappes Begleitwort kann ich nicht mehr denken, die Sache wächst sich zu etwas ganz Grossem aus.» Wie konnte das passieren? Die Geschichte des Jünglings, dann des Mannes Joseph reizt Manns «Lust zu fabulieren», allerdings auf der Basis gesicherter geschichtlicher, geografischer, theologischer und mythologischer Kenntnisse. In den Kapiteln «Inspektionsreisen» und «Stärkungsliteratur» dokumentiert die Ausstellung detailliert Manns Sicheinarbeiten und Sicheinfühlen in die Materie. Und die ist in der Tat spannend.

Joseph ist der 17-jährige Lieblingssohn des greisen Jaakob, den ihm die geliebte Rahel gebar, nachdem er 14 Jahre um sie gedient hatte. Der junge Mann ist ein Prahler, der den Hass seiner Halbgeschwister auf sich zieht, die ihn erst in eine Zisterne werfen, dann an Karawanenhändler verkaufen, die nach Ägypten ziehen.

So kommt Joseph ins Land Pharaos, steigt auf als «rechte Hand» Potiphars, des ägyptischen Heerführers, dessen Frau Mut-em Enet ihn begehrt. Er wird verhaftet, kann sich jedoch durch kluge Traumdeutungen befreien und gewinnt die Protektion Pharaos, der ihm alle Ehren erweist und zum reichen Mann werden lässt.

Auf den Spuren des Romans dokumentiert die Ausstellung Josephs Lebensweg und wird dabei zugleich zur bebilderten Einführung in die Ägyptologie. Und diese Breite zeigt die geistige Spannweite, die ein Romancier wie Thomas Mann als selbstverständlich voraussetzte, um einen solchen Roman schreiben zu können. Es ist wichtig, dergleichen heute zu erfahren. Katrin Tarnowskis zehnteiliger Bilderzyklus «Joseph und seine Brüder» und eine patinierte Bronzebüste Josephs bilden eine unaufdringliche Ergänzung dieser anspruchsvollen Ausstellung.

Universitätsbibliothek Basel «Tief ist der Brunnen der Vergangenheit». Die Joseph-Romane von Thomas Mann. Bis 29. Mai 2013. Mo-Sa, 8.30 bis 21 Uhr.

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