Ausstellung

Die Lippenbekenntnisse der Designer – warum Surrealisten unsere Wohnzimmer inspirierten

Das Vitra Design Museum zeigt mit «Objekte der Begierde», wie stark der Surrealismus das Möbel- und Objektdesign inspirierte.

Wer hat es nicht schon gesehen, das knallrote Sofa in Lippenform. Die meisten kennen es in der Version des italienischen Designkollektivs Studio 65, das die Couch unter dem Namen Bocca um 1970 entwarf. Die damals neu entwickelten Schaumstoffe erleichterten die Produktion freier, skulpturaler Formen oder machten sie zum Teil überhaupt erst möglich.
Das markante Sitzmöbel, mit dem seine Entwerfer den vorherrschenden guten Geschmack infrage stellten, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Geschichte hinter sich. Für die verführerischen Lippen stand mit Mae West das Sexsymbol der Zwanziger- und Dreissiger-Jahre. Seinen ersten Auftritt hatte das Sofa in einem Bild von Salvador Dalí mit dem sprechenden Titel «Mae Wests Face which May be Used as a Surrealist Apartment».

Maes Gesicht gerät hier zum Wohnzimmer – die obere Gesichtshälfte als rot getünchte Wand, die untere mit Riemenparkett versehen. Die Augen in Form von gerahmten Bildern und der Mund als Sofa. Auch wenn das Wohnzimmer nie Realität werden sollte, liess Dalí in der zweiten Hälfte der Dreissiger-Jahre immerhin wenige Stücke des Sofas herstellen.

Die Ausstellung wartet mit vielen Kunstwerken auf

Dass sich die Designwelt gerne von der Kunst inspirieren lässt, ist kein Geheimnis. Die exaltierten Möbel der späten Sechziger wären ohne die Pop-Art ebenso wenig denkbar, wie die Entwürfe der frühen Moderne ohne Kubismus und die Abkehr von der figürlichen Malerei. Gerade weil letztere Bewegung mit ihren funktionalen Entwürfen bis heute so sehr im Fokus der Designgeschichte steht, fand der Einfluss des Surrealismus auf die Welt des Designs bisher ungenügend Beachtung.

Die Ausstellung «Objekte der Begierde» im Vitra Design Museum will hier Abhilfe schaffen und die engen Verbindungen zwischen dem Surrealismus in der bildenden Kunst und seinem Pendant im Bereich des Möbel- und Objektdesigns aufzeigen. Entsprechend gross ist für ein Designmuseum die Zahl der Kunstwerke, mit der die Ausstellung aufwartet: Neben dem omnipräsenten Dalí sind René Magritte, Man Ray und Marcel Duchamps die bekanntesten. Ein x-fach vergrösserter de Chirico schafft ausserdem ein Bühnenbild für weitere Sitzmöbel des italienischen Radical Designs, bei dem ein Fuss ebenso zum Sessel werden kann wie ein ionisches Säulenkapitell.

Fallen hier die gegenseitigen Bezüge sofort ins Auge, ist das Wechselspiel zwischen surrealistischer Kunst und Design andernorts überraschender: Le Corbusier, den man gerne mit weissen kubischen Wohnbauten und kühlen Stahlrohrmöbeln assoziiert, schafft für den Sammler Carlos de Beistegui in Paris unter anderem einen surrealistischen Dachgarten, der von einer weissen Mauer umgeben wird. Auf den grünen Rasen setzt Le Corbusier ein barockes Cheminée und weiteres entrücktes Mobiliar, das so gar nicht in diesen Aussenraum passt und unseren Erwartungen zuwiderläuft.

Le Corbusier. (zvg)

Le Corbusier. (zvg)

Aufschlussreich sind daneben auch die Arbeiten wenig bekannter Entwerferinnen. Im Ausstellungsbereich, der den erotischen Begierden gewidmet ist, stehen sie den viel bekannteren Entwürfen männlicher Vertreter des Surrealismus gegenüber und eröffnen eine andere Perspektive auf den weiblichen Körper.

Francken. (zvg)

Francken. (zvg)

Nicht alle opponieren dabei auf so augenscheinliche Art gegen die männlichen Fantasien wie Ruth Francken, die 1970 den «Man Chair» in Form eines Männerkörpers entwirft, den man als Frau «besitzen» kann. Das Designstudio Bless entwirft dreissig Jahre später mit «Hairbrush» eine unbenutzbare Bürste, die anstelle von Borsten mit langen Frauenhaaren versehen ist und damit Geschlechterstereotypen und Schönheitsideale thematisiert.

Die Sinne werden vor dem Verstand angesprochen

Mit «Objekte der Begierde» ist dem Vitra Design Museum eine ästhetisch beeindruckende Ausstellung gelungen. Die dunkeln, kräftigen Farben der verschiedenen Ausstellungsbereiche in Kombination mit gedämpftem Licht lassen einen in eine Welt wundersamer Dinge eintreten. Ganz im Geist der Surrealisten werden die Sinne vor dem Verstand angesprochen und es eröffnen sich unerwartete Bezüge zwischen den Ausstellungsstücken.

Die Frage, ob der Surrealismus tatsächlich einen der folgenreichsten Dialoge zwischen Kunst und Design in Gang gesetzt hat, wie es die Ausstellungsmacher behaupten, muss die Ausstellung schuldig bleiben. Denn nicht an den offensichtlich dem Surrealismus verpflichteten Objekten liesse sich eine Antwort ablesen, sondern an den unscheinbaren Entwürfen, die ohne den Surrealismus nicht zustande gekommen wären.

Vitra Design Museum, Weil
«Objekte der Begierde»:
28. September bis 19. Januar
www.design-museum.de

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