Unerschrocken
Der Mann, der in Kanada durch die Eiseskälte rennt

Der 68-jährige Paul Rüst fliegt nach Kanada, um bei Minus 40 Grad einen Marathon zu laufen.

Muriel Mercier
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Zwischen gefrorenen Pouletflügeli und Lammnierstücken trainiert Paul Rüst seit drei Monaten im Bell-Kühlhaus das Atmen bei Eiseskälte.

Zwischen gefrorenen Pouletflügeli und Lammnierstücken trainiert Paul Rüst seit drei Monaten im Bell-Kühlhaus das Atmen bei Eiseskälte.

Kenneth Nars

Minus 40 Grad. Freiwillig setzt wohl niemand einen Fuss vor die Tür. Er schon: Paul Rüst bindet sich bei diesen Temperaturen sogar die Turnschuhe. Er hat sich für diesen Winter ein hohes Ziel gesteckt: Ende Monat stellt sich der 68-Jährige hinter die Startlinie des Polarbär-Marathons in Churchill (Kanada). Kein ungefährliches Unterfangen, das intensive Vorbereitung erfordert.

Da ist die unvorstellbare Kälte, in der die Marathon-Teilnehmer die Strecke laufen. Um sich an diese zu gewöhnen, sucht Rüst regelmässig das Areal der Firma Bell an der Elsässerstrasse auf. Im Kühlhaus des Fleischwarenhändlers stärkt er seine Lunge, indem er jeden Freitag bei etwa Minus 20 Grad 20 Minuten in ein «Spiro Tiger» bläst. So gewöhnt er sich daran, bei Polartemperaturen richtig zu atmen. Ebenfalls hilfreich für die Abhärtung sei es, abwechselnd kalt und heiss zu duschen – und das jeden Morgen drei Mal. Harte Minuten, wie er gesteht. «Gefährlich ist, dass einem beim Laufen die Füsse erfrieren. Deswegen darf man nicht aufhören, sich zu bewegen.»

Rüst hat mit 601⁄2 Jahren zum ersten Mal an einem Marathon teilgenommen. Sport sei die erste Nebensächlichkeit in seinem Leben. Der «Polar Bear Marathon Churchill» ist denn auch nicht sein Erster in diesem Jahr. Er absolviere immer drei pro Jahr. Marrakesch und Hamburg hat er bereits geschafft. Wichtig: «Ich nehme nie am selben Marathon zwei Mal teil, denn ich verbinde die Reisen dorthin jeweils mit einem Kurzurlaub. So lerne ich immer andere Orte und Länder kennen. Zweimal dieselbe Strecke wäre langweilig.»

Eisbären sind eine grosse Gefahr

Nach Churchill an der Südwestküste der Hudson Bay würde sich der Advokat wohl wirklich nie hin verirren ohne den Marathon. Knapp 1000 Einwohner zählt die Kleinstadt. Und gefährlich ist sie: In der Provinz leben nämlich Eisbären. Rüst ist sich der tierischen Gefahr bewusst. Eisbären sind nicht menschenscheu. Sie greifen an, wenn sie Leute sehen. Deswegen werden wohl auch nicht mehr als 20 andere Läufer am Polar-Marathon teilnehmen, mutmasst der gebürtige Ostschweizer.

Bei seinen Trainingsläufen in Basel und Umgebung hat Rüst zwar immer wieder Kontakt mit Tieren. Hunden dürfe man nie in die Augen sehen. Rehe und Füchse fliehen sowieso. «In Churchill muss ich aber immer die Augen nach den Eisbären offen halten.»

Angst hat er dennoch keine. «In den Autos stecken immer die Zündschlüssel und die Haustüren sind alle offen, damit man vor den Tieren flüchten kann», beruhigt er. «Zudem begleiten uns Autos, die uns bei Gefahr aufgabeln können.» Und zuletzt: Der «Polar Bear Marathon Churchill» findet bereits zum dritten Mal statt und bisher sei noch nichts passiert.

Krachendes Eis in Sibirien

Marathon-Erfahrung bei Eiseskälte hat Rüst bereits gesammelt, nahm er doch im vergangenen Jahr am Baikalsee Eismarathon teil. Dort, in Sibirien, hatte er die falschen Schuhe an – also solche mit flachen Spikes. Das ärgert ihn noch heute. «Zu Beginn der Strecke war Glatteis. Die anderen Läufer sind davon gerannt und ich bin nur gerutscht.» Doch er wusste sich zu helfen und setzte die Spikes in die Rillen der Trucks, die vorne weg gefahren waren. «In den Rillen konnte ich mich vorwärtshangeln.» Lustig war der Lauf in Sibirien nicht: «Als die Sonne kam, hat das Eis immer mal wieder gekracht und es sind Risse entstanden. Das war ungemütlich aber irgendwie auch spannend.»

23 Marathons ist Paul Rüst seit 2007 gerannt. Dafür trainiert er viermal in der Woche am Morgen auf Basels Strassen. Manchmal führt ihn seine Route an den Bahnhof Delémont, wo ihn seine Frau mit dem Auto abholt, erzählt er lachend.

Für ihn bedeuten die 42,195 Kilometer Marathon-Strecke Abwechslung in seinem Arbeitsleben als Advokat. Und er hat noch viel vor. Den Mitternachts-Marathon im norwegischen Tromsö zum Beispiel. Oder den Two-Oceans-Marathon in Südafrika. Einen Wunsch erfüllt er sich nächstes Jahr. Dann fliegt er nach New York. «Das Gefühl, durch Manhattan zu rennen muss toll sein. 1,5 Millionen Zuschauer stehen an der Strecke und applaudieren.»

Temperaturen müssen sinken

Zuerst steht nun aber Churchill auf dem Programm. Am Donnerstag geht die Reise los. Die Temperaturen müssen dort aber sinken, damit Rüst zufrieden ist. «Ich habe mich auf Minus 40 Grad eingestellt. Heute ist dort erst Minus 20. Die Temperaturen sollen noch sinken. Sonst ist es kein richtiger Polar-Marathon.» Auch wenn die Herausforderung gross ist: Aufgeben will Rüst auf keinen Fall, wegen der enormen Vorbereitung würde es ihn ärgern: «Ich tue, was ich kann, damit ich durchhalte. Ich hoffe, es reicht.»

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