Doggter FMH
Der knorrige alte Arzt und seine vollbusige Diakonissin Gundula

Die Zuschauer applaudieren, bevor er überhaupt die Bühne betritt. Sie wissen, in den nächsten Minuten werden sie Tränen lachen.

Muriel Mercier
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Der Schnitzelbänggler ist seit zwölf Jahren während der Fasnacht in Kellern und auf Theaterbühnen unterwegs. Mit dabei hat er etwa 13 Verse – in diesem Jahr geht es bei den meisten um Basel.

Der Schnitzelbänggler ist seit zwölf Jahren während der Fasnacht in Kellern und auf Theaterbühnen unterwegs. Mit dabei hat er etwa 13 Verse – in diesem Jahr geht es bei den meisten um Basel.

Kenneth Nars

Doch es sind nicht nur die Pointen, die den Doggter FMH ausmachen. Es ist auch sein Äusseres: ein knorriger alter Herr mit schulterlangem grauem Haar.

Um den Hals hängt ein Stethoskop, in der Hand hält er eine Tablettendose – eine Rassel, sie ist gefüllt mit Kichererbsen.

Und immer im Schlepptau: die vollbusige Diakonissin Gundula. Seit zwölf Jahren ist der Bänggler an den drey scheenschte Dääg unterwegs, heute Abend tritt er am Schnitzelbangg-Oobe im Theater Basel auf.

Zur Person

Der 60-Jährige hat mit 16 Jahren als Bänggler angefangen und war 30 Jahre lang an der Therwiler Fasnacht – unter anderem Namen – unterwegs. Vor zwölf Jahren wollte er dann in die «Champions League» aufsteigen, wie er den Schritt an die Basler Fasnacht nennt. «Mein Ziel ist es, als Bänggler die Leute zu unterhalten.» Er sei auch privat jemand, der gerne lacht. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.

So locker wie seine Bängg daherkommen, so entstehen sie auch. Manchmal. «Es kann sein, dass ich nach zwei Minuten den Vierzeiler zusammenhabe und kein Wort mehr ändern muss. Das ist ein Glücksfall und kommt leider nur selten vor», erklärt der Bänggler.

Meist «doggtere» er mehrere Tage daran herum, probiere aus, ändere Wörter. «Ich fange mit der Pointe an und baue darum herum die Geschichte. Ideal ist, wenn die Pointe erst auf das letzte Wort fällt.» Sein Vorteil sei, dass er kein Versmass habe.

Andere Bängg werden musikalisch begleitet und können sich zwischen den Versen dank dem Refrain ein paar Sekunden erholen.

Der Doggter nicht. «Ich rede nur. Manchmal lange Sätze, manchmal besteht eine Zeile nur aus drei Worten.» «Dass ich ohne Instrument auftrete, war aber meine Entscheidung. Ich bin absolut unmusikalisch.»

Erika war seine Erste

Die zündende Idee, als Doggter FMH die Leute zum Lachen zu bringen, kam ihm bei einem Geburtstagsfest eines Bekannten, der 50 wurde.

Dort habe er sich einen Gag daraus gemacht, bei den Anwesenden einen medizinischen Check durchzuführen. Vor seiner ersten Fasnacht ein paar Jahre später fragte er einen Freund an, ob er mit ihm auftrete.

So ist seine erste Begleitung, Schwester Erika, entstanden. Heute nimmt er die Baselbieterin Gundula mit auf die Bühne.

Dem Bänggler ist es wichtig, seine Verse auswendig vorzutragen. Er fühle sich so freier. «Natürlich hatte ich auch schon Blackouts und brachte die Pointe prompt am falschen Ort.»

Das passiere, wenn man sich zu sicher fühle. Die Zuhörer vergeben ihm zwar, «aber mich ärgert das masslos. Und ich kann den Vers ja nicht noch einmal wiederholen.»

Wann kommt ein Bangg gut an?

Das Publikum überhaupt spielt für die Schnitzelbänggler eine grosse Rolle. Lässt sich dieses nicht auf einen Bangg ein, funktioniert der ganze Auftritt nicht. Das kommt immer mal wieder vor.

Heikel sind vor allem die Beizentouren, denn dort wissen die Bänggler nicht, welche Situation sie antreffen: Wer sitzt drin, ist das Restaurant leer? «Ich komme rein und erkenne sofort, ob die Pointen hier gut ankommen.

Es kann aber sein, dass ausgerechnet dann der Hauptgang serviert wird. So ist es fast unmöglich, die Zuschauer abzuholen.» Da fackelt der FMH nicht lange und verabschiedet sich nach einem Kurzprogramm.

«Am Anfang nahm ich es persönlich, wenn ich keine positiven Rückmeldungen erhalten habe. Heute weiss ich durch die Auftritte an unterschiedlichen Fasnachtsveranstaltungen, dass meine Bängg unter anderen Umständen gut ankommen.»

An Fasnachtsveranstaltungen eingeladen zu werden, ist für jeden Schnitzelbangg eine Ehre. FMH trat dieses Jahr erneut im Pfyfferli im Theater Fauteuil auf.

Dort habe er aus den Reaktionen der Zuschauer herausfühlen können, welche seiner Pointen sitzen. «Wenn das Publikum eine Sekunde nachdenken muss, bevor es lacht, ist der Vers nichts wert.»

So musste er sich schon mal schweren Herzens von einem seiner Lieblingsbängg verabschieden. «Das ist hart. Der Bangg ist ja dein Kind.»

Mit seinen Auftritten im Fauteuil konnte er sich übrigens bereits jetzt einen grossen Traum erfüllen: «Ich wollte immer im Fauteuil auftreten. Auf dieser Bühne standen Alfred Rasser, Emil und andere grosse Namen. Ich bilde mir ein, sie zu spüren.»

Die Bänggler geben sich Tipps

Im Repertoire hat der 60-Jährige, der seine Identität nicht preisgibt, bis zu 13 Verse. Mit dem Dichten beginnt er nach den Herbstferien. Die besten Ideen kommen ihm in der Badewanne oder in der Sauna, sagt er.

«Ich lese die Zeitungen intensiver, informiere mich im Magazin ‹Gala›, wer von den Promis sich hat scheiden lassen oder welcher König versehentlich einen Elefanten erschossen hat. Dann schreibe ich meine Gedanken in ein Büchlein auf und tausche mich mit anderen Bängglern aus.»

Das sei kein Problem, sie nähmen sich die Pointen nicht weg – im Gegenteil: «Wir helfen uns, sagen uns ehrlich, wenn eine Pointe nicht funktioniert oder geben einander Tipps, wie sie doch noch lustig werden könnte.» Bis vor Weihnachten möchte der Doggter fünf Pointen im Köcher haben, die halten.

Zu 80 Prozent Basler Themen

An diesen drey scheenschte Dääg drehen sich etwa 80 Prozent der Pointen um Basel. Das hänge jeweils von den Ereignissen während des vergangenen Jahres ab.

Aber nicht nur: Er führe eine Liste mit Namen von Personen, über die er einmal einen Bangg schreiben möchte. Heisst: Er wartet so lange ab, bis eine dieser Personen etwas angestellt hat – und schreibt dann den Vers dazu.

Egal, ob er über Mensch oder Geschehen vorträgt: Die Pointen hängt Doggter FMH immer an medizinischen Diagnosen auf. Ein gefundenes Fressen sind also Wessels neues Hüftgelenk oder Angela Merkels Skiunfall.

Von Medizin habe er keine Ahnung. «Ich rufe Ärzte aus meinem Bekanntenkreis an und frage nach, ob es diese Krankheit überhaupt gibt, ob ich darüber so reden kann.» Weil er aus medizinischer Sicht an die Verse rangeht, kann ihm kein anderer Bangg mit denselben Pointen in die Quere kommen.

FMH, der gefragte Arzt

Dass er von der Medizin von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, ist den aktiven und passiven Fasnächtler auf der Strasse nicht immer bewusst. So kam es schon zu mehreren kuriosen Szenen.

«Vor einem Auftritt hat mir ein Bänggler vorgejammert, er habe Halsschmerzen und hat mich gebeten, mal den Rachen anzuschauen. Ich habe einen Löffel genommen, seinen Hals untersucht und ihm mit besorgter Stimmer erklärt, er dürfe während der nächsten Tage keinen Alkohol mehr trinken.»

Er lacht schelmisch und erzählt weiter, jemand habe ihn auf der Toilette um eine schnelle Diagnose zu einem Ausschlag am Unterarm gebeten. Eine dritte Person wollte seinen Rat zu einem gebrochenen Handgelenk.

Als Bänggler bekommen der Doggter FMH wie auch seine Kollegen von der Fasnachtsatmosphäre nicht so viel mit.

Heute Morgen hat er jedoch Fasnachtsluft geschnuppert. Denn wenigstens am Morgestraich steht er jeweils bei einer kleinen Pfeifergruppe ein.

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