Der Saal im Römisch-katholischen Pfarreiheim St. Franziskus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es war rasch spürbar: Der angehende Priester Stefan Küng geniesst den Rückhalt des Grossteils der Anwesenden. Eingeladen hatte er selber, um gemäss eigenen Angaben auch kritische Fragen zu seiner Person und Geschichte zu beantworten. Er steht in der Kritik, Handlungen an einem Jugendlichen vollzogen zu haben, die sexuell motiviert gewesen seien.

Kritische Fragen und Voten gab es, doch sie hatten es an diesem Abend schwer. Den Applaus – und den gab es dutzendfach – bekamen die Stimmen, die sich für Stefan Küng aussprachen. Den Auftakt machte Stefan Suter, Präsident der Pfarrwahlkommission. In einem langen Statement rollte er den Werdegang von Stefan Küng auf und erklärte die Beweggründe, die zur Wahl von Stefan Küng führten.

Der Rückhalt des Kirchenrats

Suter beschrieb Küng als «hervorragenden Priester und Seelsorger» und lobte seine «wunderbaren Liturgien». Ausführlich rollte er den Vorfall auf, der 2012 im Kanton Thurgau, wo Stefan Küng Pfarrer war, zu einem Strafbefehl, einer einmonatigen Untersuchungshaft und einer bedingten Geldstrafe auf Bewährung führte.

Eine Fussmassage bei einem knapp 16-Jährigen wurde damals vom Staatsanwalt als pädophiler und sexueller Akt angesehen. Küng verzichtete damals auf einen Rekurs gegen das Urteil. «Ein Fehler», wie Stefan Suter mehrfach betonte. Denn seiner Meinung nach wäre Stefan Küng vor Gericht freigesprochen worden. «Der Fuss ist kein Sexualobjekt», rief er ins Publikum. Was genau im Strafbefehl stand, was mehrere Votanten gerne gewusst hätten, darüber schwiegen sich Suter und Küng aus. Mehrere Gutachten zeigten aber, dass Stefan Küng keinerlei pädophile Neigungen aufweist.

Gespaltene Pfarrei? «Es sind nur ein paar wenige»

Stefan Suter hielt seine Ansprache in launiger Art und Weise. Immer wieder sorgte er im Publikum für Lacher. Dies irritierte auch eine Frau und ein Mann, die während Suters Erklärungen aufsprangen und ihm laut vorwarfen, «die Sache zu verhöhnen». Christoph Schneider, ein ehemaliger Mitarbeiter der Pfarrei, blies ins gleiche Horn. «Sie nehmen die Opfer in der katholischen Kirche nicht ernst.» Er und weitere Kritiker hätten massive Drohungen von Pfarreiangehörigen erfahren, weil sie es wagten, die Wahl von Stefan Küng in Frage zu stellen. Von einer «gespaltenen Pfarrei» sprach eine ältere Frau. Woraufhin ein Mann aufstand und ihr entgegnete: «Es sind nur ein paar wenige, die wüst tun!»

Dann ein Rückgriff auf die Vergangenheit. Gegen Ende berichtete Stefan Suter über eigene Übergriffe während seiner Zeit als Ministrant. «Ein Priester hat mich aus sadistischen Gründen immer wieder an den Haaren gezogen. Das hat mich damals sehr beschäftigt.» Doch nachhaltig geschadet habe ihm das keineswegs. Denn «normale Menschen» können gemäss Suter so etwas verkraften. Der Präsident der Pfarrwahlkommission erinnerte daran, dass es heute schwierig sei, Priester zu finden. Und Stefan Küng sei ja jünger als 85, scherzte er. Lautes Gelächter. Daniel Bachmann, damaliger Pfarradministrator der katholischen Kirchgemeinde Aadorf-St. Alexander, führte engagiert und auch mal mit Witz und Schalk die Vorzüge von Stefan Küng als Priester und Menschen aus.  

Das Vertrauen einer Mutter: Kommunion ohne Bedenken

Stefan Küng selber wirkte souverän, auch wenn er seine Anspannung nicht ganz verhehlen konnte. Er schilderte die grausame Zeit in der Untersuchungshaft und kritisierte die mediale Vorverurteilung. Seit mehreren Jahren arbeitet er in der Pfarrei St. Franziskus als Seelsorger. Seine Predigten sind beliebt. Die Pfarreimitglieder schätzen seine empathische Art. «Stefan Küng ist das Beste, was unserer Pfarrgemeinde passieren kann», frohlockte eine ältere Frau.

Eine Mutter versicherte, dass sie ohne Bedenken ihre Tochter zur Erstkommunion bei Stefan Küng schickt. Denn sie vertraue ihm zu hundert Prozent. «Er ist ein toller und sehr engagierter Pfarrer.» Es gebe auch nichts zu verzeihen, versicherte eine weitere Frau. Schliesslich sei der Fuss kein Sexualobjekt. Wieder Applaus. Am 10. Februar wird sich zeigen, ob es die über 2000 Pfarreimitglieder ähnlich sehen. Dann findet die Urnenwahl statt.