Marxist und Poet
Der Basler Schriftsteller Roger Monnerat will die Welt neu erfinden

Der Basler Autor und Liedermacher Roger Monnerat erklärt, worum es ihm in seinem neuen Gedichtband geht.

Anna Wegelin
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Roger Monnerat: «Ich bin Autodidakt aus Überzeugung.»

Roger Monnerat: «Ich bin Autodidakt aus Überzeugung.»

Nicole Nars-Zimmer

Roger Monnerat war schon ­immer spürbar eigen. Unverdrossen schaut er, wo das freie Schreiben hinführt. Knallhart zerlegt er, was in unserem ­System irrig läuft. Was der 1949 in Basel geborene, in Saignelégier und Birsfelden aufgewachsene Multi- und Lebenskünstler seit seinem Debüt «Lanze Langbub» von 1996 an literarischen Texten und Liedern veröffentlicht hat, lässt sich nicht einfach zu einer Formel verdichten.

Das Buch

Roger Monnerat: «Flügel zum Nichtfliegen.» Gedichte. Morio Verlag, 136 S.

Am ehesten ist Roger Monnerat ein von der schieren Lust am erforschenden Erzählen ­getriebener Troubadour, dem das Staunen, der Schalk, das Schöne und das Sinnliche einfach zufallen. Als Linker oder Marxist, als der er sich bezeichnet, ist und bleibt er ein scharfzüngiger Kommentator des ­Weltenlaufs. «Marxismus pur ist: Die Wirtschaft ist für das Volk da», so der Dichter, der in seinen Texten immer beides ist: mitten im Geschehen und etwas aus der Zeit gefallen.

Wir treffen Monnerat zum Gespräch über seinen neuen ­Gedichtband «Flügel zum Nichtfliegen» in dem schönen alten Haus im oberen St. Johanns-­Quartier, das er mit seiner Lebensgefährtin bewohnt. Seine Wohnung im Hochparterre hat den wunderbaren Charme einer Künstler-WG mit Schwedenofen. Die Stube ist zum Musikproberaum mit Kuschelecke ­umfunktioniert, an der Wand hängen selbstgemalte Bilder mit Häusern und Strassen.

Gedankensplitter zu je zehn Zeilen

«Flügel zum Nichtfliegen» besteht aus 188 Momentaufnahmen, Gedankensplittern und Gefühlsregungen zu je zehn Zeilen. Die «Notate», so Roger Monnerat, geben ein gutes Gespür für die Art und Weise, wie der Dichter durchs Leben schreitet, wer und was seinem lyrischen Ich wichtig ist und was ihn im Kleinen und im Grossen beschäftigt. So zum Beispiel neben der Liebe zu den Frauen und seiner Frau auch das Altern und der Tod:

Aufgewacht heute Morgen, und wieder da, war ich froh, dass es mich gibt, und das Gesicht im Spiegel noch immer einem gleicht, der mir ähnlich sieht. Weisst du, unser Eigenstes ist Vorurteil, und die Fremdesten sind wir uns selbst. Seien wir so frei, nicht frei zu sein.

(Quelle: Roger Monnerat, «Flügel zum Nichtfliegen»)

Der Drang nach Freiheit und Autonomie ist ein grosses Thema für Roger Monnerat. Er führt durch die WG zur Terrasse über dem urwüchsigen Hinterhofgarten, zündet sich eine ­erste Zigarette an und sagt: «Ich bin Autodidakt aus Überzeugung. Ich muss alles selber lernen und erfinden.» Das sei eine «Grundkonstellation bei vielen Achtundsechzigern», so Monnerat. Auch er ist älter und ein klein wenig weiser geworden, seitdem wir ihn zum letzten Mal ­getroffen haben. Doch der junge Rebell in ihm, den wir im autobiografischen Roman «Der Sänger» von 2002 kennenlernten ist unvermindert da.

Egal, ob Roger Monnerat schreibt, singt, rezitiert oder musiziert – ständig schwingt ­etwas Widerspenstiges mit, das hinterfragt, was als normal, angemessen, natürlich und unwiderruflich gilt. In seinen Zehnzeilern kommt dies zum Beispiel so daher:

«Die Welt hätte mir noch viel zu sagen, doch ich hör’ ihr nur noch selten zu. Vom immer Neuesten im ewig Gleichen hab’ ich genug. Und wenn es heutzutage ­darum ginge, den Weltuntergang zu gestalten, sag ich: Ohne mich. Ich zupf lieber meinen Bass, den kleinen Sarg mit Saiten dran.»

(Quelle: Roger Monnerat, «Flügel zum Nichtfliegen»)

Ich frage Monnerat, ob der Liedermacher in ihm noch immer ohne musikalische Grundausbildung auskommt – er ist der Sänger und Texter der Band «Haus im Jura» und hat sich einen E-Bass zugelegt. «Ich spiele mit einer gewissen Konstanz und Angefressenheit, aber nicht, wie man sollte», sagt er und bläst eine Zigarettenwolke in den Stadthimmel. «Erstens langweilt mich das.» Zweitens habe er das Gefühl, dass, wenn man ein Instrument lerne, man in Konventionen lande und den Blues nach einem Schema spiele.

«Ich will vom Dilettanten profitieren, der frei ist und der – aus der Not heraus oder weil er es nicht besser kann – etwas findet, von dem er denkt, das könnte stimmen», sinniert er. Das sei zwar nicht «comme il faut», aber es funktioniere. Allerdings gebe es «Momente der Selbstüberschätzung als Autodidakt». «Man traut sich eventuell Dinge zu, die man nicht fertigbringt, weil es dazu eine Schulung bräuchte. Damit muss ich halt ­leben», meint er gelassen.

Woher kommt die unbändige Lust am Schreiben? Für Monnerat ist der Fall klar: «Mein ­Motor ist eine grundsätzliche, nie geminderte Liebe zum ­Leben, die ich zum Glück von daheim mitgekriegt habe.» Schreiben sei die einfachste Form, um etwas festzuhalten, sagt er. Vor dreissig Jahren habe er damit begonnen, Notizen auf Zettel und Papierfetzen zu machen, eine Formulierung hier, eine Assoziation da. «Wenn ich etwas niederschreibe, steht die Chance gut, dass es irgendwann wieder auftaucht», erzählt er.

Die Wirtschaftswachstumsmaschine stottert

Monnerat, der von 1986 bis 2003 Inlandredaktor bei der WoZ war, unterscheidet zwischen zwei Daseinsformen als Schreiber: «Ich wollte mich nie vom Journalismus fressen ­lassen und keine Verfügungsgewalt über meine Texte haben. Ich wollte daneben etwas ­haben, das ganz mein Eigen ist, und das sind Gedichte.» Sich unterordnen sei nie sein Ding gewesen. «Ich habe hin und wieder zu Menschen aufgeschaut, aber nie lange», so Monnerat. Eine Ausnahme sei Bob Dylan: «Der ist immer gut und hat wie ich einen Grind.»

Die Zeit vergeht wie im Nu. Monnerat berichtet von seinem Staunen und seiner Freude, dass das «Corona-Ereignis» möglich ­gemacht habe, was er für unmöglich hielt: «Die Wirtschaftswachstumsmaschine konnte für drei Monate gestoppt werden – und alle hielten sich daran.» Er philosophiert über die Freiheit der Dichtung: «Schreiben ist bei mir sein, mit meinen Überlegungen, bei meinen Empfindungen. Gedichte sind Notate, mit denen ich mich der Zeitgebundenheit der Sprachlichkeit ein bisschen entziehen kann.»

Und er denkt laut nach über das Altern und den Tod, ein wichtiges Motiv in seinen jüngsten Gedichten: «Darauf gibt es keine Antwort», so Monnerat, «da kann man noch so endlos weiter rumdenken und -machen.» Doch genau das tut der Basler Troubadour auf seine eigenwillige Art und Weise – und hält den Gevatter Tod noch ein Weilchen hin:

Was hab’ ich mich verhätschelt, kein bisschen hab’ ich mich abgebrüht. Nichts an Lüsten, Lastern und Trieben hab’ ich jemals in mir besiegt. Nie wollt’ ich Untertanen haben, nie hab ich lange zu jemandem aufgeschaut. So bin ich nun sehr unerfahren, verweichlicht, wehrlos und kaum Manns genug, den Tod auf mich zukommen zu sehen und bei mir eintreten zu lassen.

(Quelle: Roger Monnerat, «Flügel zum Nichtfliegen»)