Theater Basel

Das Foyer des Theater Basel soll zum öffentlichen Raum werden

Foyer Theater Basel.

Foyer Theater Basel.

Michael Willi, Verwaltungsratspräsident der Theatergenossenschaft Basel, über Corona, die Zukunft des Theaters und Teamgeist.

Herr Willi, eigentlich wollte ich Sie zuerst über Ihre Theatervorlieben befragen. Aber Corona kommt uns da zuvor. Wie reagieren Sie auf die Krise?

Michael Willi: Die Direktion hat sofort einen Krisenstab etabliert. Alle Vorstellungen wurden rasch ausgesetzt, intern und extern wurde gut kommuniziert und jetzt sind wir daran, weitere Massnahmen auszuarbeiten. Zurzeit finden die geplanten Proben statt und im Theater wird gearbeitet.

Wie hoch sind denn die finanziellen Ausfälle?

Bleibt das Theater nur bis zum 15. März geschlossen, werden wir die Einnahmeausfälle von gegen 400 000 Franken wahrscheinlich tragen können.

Und was passiert, wenn die Krise länger anhält?

Wir beschäftigen uns jetzt intensiv mit allen zwischenmenschlichen, betrieblichen, finanziellen und rechtlichen Fragen, die ein längeres Veranstaltungsverbot mit sich bringen würde. Das Theater Basel ist nicht gewinnorientiert und hat in der Vergangenheit höhere Kosten für beispielsweise Energie oder Sozialabgaben auffangen müssen. Wir haben deshalb keine bedeutenden finanziellen Reserven aufbauen können. Es ist jetzt aber noch zu früh, genauere Massnahmen und Konsequenzen aufzuzeigen.

Nun doch zurück zu Ihren Theatervorlieben. Sind Sie ein Theatergänger?

Als älterer Teenager und Student ging ich noch ab und zu ins Theater. Danach war ich für lange Zeit selten dort, noch seltener in der Oper. Ich war mehr Gast bei Blues- und Rockkonzerten, und manchmal bei Kunstausstellungen. Als ich für die UBS arbeitete, war ich über einige Jahre für das Kultursponsoring verantwortlich. Aber als wir fünfzig wurden, haben meine Frau und ich uns gegenseitig das Premieren-Abo geschenkt. Seither haben wir nichts mehr ausgelassen. Ich bin also ein Späteinsteiger.

Welche Art Theater spricht Sie am meisten an?

Ich bin grundsätzlich sehr neugierig. Für die Oper beispielsweise konnte ich mich wieder neu begeistern. Oder für Aufführungen wie «Andersens Erzählungen»: Eine interessante Geschichte mit ernstem Hintergrund, in der Theater, Oper und Tanz zusammenkommen. Für mich sicher einer der Höhepunkte der laufenden Saison.

Sehen Sie sich auch Inszenierungen in anderen Theatern der Stadt an?

Früher ging ich ab und zu ins Tabourettli oder in den Teufelhof. Seit ich bei der Theatergenossenschaft engagiert bin, bin ich aber nicht mehr dazu gekommen. Ich habe es aber auf meine Agenda gesetzt, die anderen Theater in der Stadt besuchen.

Wie schätzen Sie Basel als Theaterstadt ein?

Basel sticht sicher heraus, weil hier immer wieder international gefeierte Inszenierungen produziert werden. Das ist wichtig für das Renommee des Hauses. Aber auch die freie Szene hat einen hervorragenden Ruf. Das Theaterökosystem ist also sehr intakt.

Hat das Theater Basel nicht dasselbe Problem wie der FCB: Es ist ein Durchlauferhitzer für Talente, die dann weiterziehen.

Wir haben diesen Aspekt im Verwaltungsrat im Zusammenhang mit unserer Zukunftsstrategie diskutiert. Momentan sind wir in einer speziellen Situation: Andreas Beck hat sich entschieden, nach München zu gehen, Benedikt von Peter kommt aus Luzern, es gab Wechsel in der kaufmännischen Direktion und Wechsel im Verwaltungsrat. Da kommt einiges zusammen. Eine Zäsur, die so nicht geplant war, aber auch ein guter Moment, um die Zukunft des Theaters nochmals neu zu definieren.

Damit ist die Frage betreffend dem Durchlauferhitzer noch nicht beantwortet.

Als grösstes Dreispartenhaus der Schweiz wollen wir ein gewisses internationales Renommee haben, damit Künstlerinnen und Künstler unser Haus als attraktiven Ort wahrnehmen. Bekannte Künstler, aber auch viel versprechende Talente arbeiten bei uns. Es liegt in der Natur der Sache, dass diese sich weiterentwickeln wollen und irgendwann weiterziehen. Ich würde anstatt von einem Durchlauferhitzer deshalb lieber von einem Sprungbrett sprechen.

Und wo sehen Sie das Theater Basel in zehn Jahren?

Wir haben uns bei der Entwicklung der Strategie zuerst gefragt, warum diese Stadt überhaupt ein Theater braucht und wieso wir im Verwaltungsrat, überhaupt diesen Job machen. Die Antwort war klar: Wir sind der Überzeugung, dass eine freiheitliche, liberale Gesellschaft ein Theater braucht. Theater bietet die Möglichkeit, gesellschaftliche Auseinandersetzungen auf friedliche Art zu thematisieren. Krieg, Liebe, Hass, Kritik: Hier hat alles Platz. Eine Gesellschaft, welche dies nicht erlaubt, ist eine Diktatur.

Gibt es noch mehr gute Gründe für das Theater?

Wir sind auch überzeugt, dass es nicht nur für die Gemeinschaft sondern auch für einen Wirtschaftsstandort sehr wichtig ist, kulturelle Leuchttürme zu haben. Wir alle brauchen diese Inspiration. Es gibt kaum eine erfolgreiche Region auf der Welt, die nicht auch erfolgreiche Kultur hervorbringt und anbietet.

Nochmals: Wo steht das Theater Basel in zehn Jahren?

Erstens möchten wir sicher das hohe künstlerische Niveau halten. Das ist einer der strategischen Imperative. Das bedingt, das wir langfristig planen. Und das kostet auch. Wir müssen die schon relativ hohe Eigenfinanzierung von über 20 Prozent halten und sogar ausbauen. Zweitens möchten wir wachsen. Wir bewegen uns seit ein paar Jahren kontinuierlich auf die 200 000 Zuschauer pro Jahr zu. Mittelfristig möchten wir 200 000 und mehr generieren.

Das bedeutet, dass sie neues, junges Publikum brauchen. Dieses streamt sich seine Unterhaltung aber meistens.

Das Liveerlebnis ist das herausragende Alleinstellungsmerkmal des Theaters. Natürlich kann auch im Film ein gesellschaftlicher Diskurs stattfinden, das wird ja auch gemacht. Aber der Film ersetzt die Einzigartigkeit des Live-Erlebnisses nicht.

Und was gibt es für Möglichkeiten, um die Jungen ins Theater zu holen?

Die Gewinnung des Publikums muss eine spezielle Disziplin für sich werden. Nicht nur für die Jungen. Es wird in diesem Bereich bereits viel gute Arbeit geleistet, aber wir wollen diese stärken und eine Sparte schaffen, die Vermittlung und die Öffnung des Theaters vorantreiben.

Was meinen Sie damit?

Der Umbau und die laufenden Sanierungsmassnahmen bieten uns einmalige Chancen. Wir greifen die Idee auf, welche die Architekten ursprünglich hatten, und öffnen das Foyer als Verbindung von der Elisabethenkirche in den unteren Teil der Stadt. Wir möchten diesen Raum öffentlich machen, die Hemmschwelle zum Theater so herabsetzen. Das wird anspruchsvoll: Wir müssen die Idee finanzieren, es sollen dort Aktivitäten stattfinden, es wird ein Café geben mit lounge-artigen Elementen. Man soll das Theater in Zukunft betreten können, auch wenn man kein Theater schauen will. Natürlich verbunden mit der Hoffnung unsererseits, dass dies dann trotzdem irgendwann geschieht.

Und wann ist es soweit?

Idealerweise zur Eröffnung der nächsten Saison, die ja etwas später als sonst, nämlich Mitte Oktober, startet. Dann werden wir unsere ersten Erfahrungen mit diesem neuen Raum für Basel machen. Benedikt von Peter ist für die Bespielung und Nutzung bereits im Gespräch mit verschiedenen Partnerinstitutionen, vom Beyeler Museum bis zum HEK, von der Art Basel bis zur freien Szene.

Ein anspruchsvoller Plan.

Ja, und er wird uns auch etwas kosten. Es stellt sich auch hier die Frage, wie wir unsere Mittel einsetzen…

Also brauchen Sie doch mehr Geld …

… mehr Geld kann man immer brauchen. Aber die Ausgaben für das neue Foyer und die Massnahmen in der Vermittlung werden wir selber erwirtschaften oder mit privater Unterstützung umsetzen müssen.

Neu wird auch, dass das Schauspiel eine vierköpfige Leitung hat. Hat der klassische Intendant als Einzelmaske ausgedient?

Es gibt diese oder jene Beispiele, die auf die eine oder andere Art fantastisch funktionieren. Aber grundsätzlich ist es auch in der Wirtschaft so: Starke Kollektive bringen kreativere Leistungen zustande. Natürlich brauchen sie dafür klare Regeln, damit sie sich nicht im Kollektiv verlieren. Aber es war bereits bei der Ernennung von Benedikt von Peter klar, dass wir einen Teamansatz suchen. Ein Haus, wie dieses Theater funktioniert nur über einen guten Teamgeist.

Sie wissen schon mehr über das neue Programm. Wird die Veränderung gross?

Ich darf über das Programm noch nichts verraten. Aber wir dürfen sicher frohen Mutes sagen, dass das Basler Theaterpublikum auf seine Kosten kommen wird. Natürlich wird es einige Duftmarken von Benedikt von Peters speziellen Rauminszenierungen geben. Und es gibt einige Künstlerinnen und Künstler, die wieder an das Haus zurückkehren. Ich denke, es wird sehr interessant.

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