Glosse
Bye bye «Klingeli»: Ein Abgesang auf die Futterstelle des nachtaktiven Baslers

Eine lieb gewordene Basler Tradition verschwindet. Das «Klingeli» eröffnet am 1. Juni in neuem Gewand und unter neuer Führung seine Tore. Liebes Cordon Bleu, das sogar für den Teller zu gross war – wir werden dich vermissen.

Nicolas Drechsler
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Bye bye «Klingeli»
10 Bilder
So soll das neue «Klingeli» aussehen.
Vom 24. - 26. Mai kann die neue «Klingeli»-Karte im Ackermannshof getestet werden.
Diese Gerichte können Sie im Pop-up-Restaurant geniessen.
Das neue Gewand des «Klingelis» wird erst bei der Eröffnung am 1. Juni enthüllt.
Vorab einige Impressionen...

Bye bye «Klingeli»

Felix Gerber

«Falsche Schnecken, bitte!» Dieser kulinarische Hilferuf, der auch zu später Stunde noch die Rindsfiletwürfel in Kräuterbutter auf dem Tisch erscheinen liess, er wird in Zukunft ungehört verhallen. Das Restaurant Klingental wandelt sich von der Verpflegungsstätte für Nachtschwärmer mit angeschlossener Kontaktbar und darüberliegenden Zimmern für das horizontale Gewerbe zu einem Treffpunkt der Hippen und Schönen. Oder im modernen Stadtentwicklungsgegner-Slang ausgedrückt: Es wird gentrifiziert.

Dafür heisst es danach offiziell «Klingeli», wie es alle schon seit alters her nannten, die über die Schwelle traten, um den Hunger nach dem Theaterbesuch, dem Arbeitstag an der Messe, dem Spaziergang durchs Rotlichtmilieu oder was auch immer noch zu stillen. Aus dem Spitznamen wird ein Brand. Und die Nothelfer für jene, die den Heimweg nicht finden oder nicht finden wollen, sie verschwinden von der Karte; das Cordon Bleu um ein Uhr morgens, oder das berühmte Klingeli-Steak.

Berühmt nicht wegen seiner Qualität, obwohl die auch okay war, sondern wegen seiner Grösse: Es musste über den Rand des Tellers hängen, auf dem es serviert wurde. Nun jammert die halbe Stadt und ein guter Teil der Agglo, «das Klingeli ist tot». Übernommen von den geschäftstüchtigen Hipstern und Jung-Dynamikern der Rhyschänzli-Gruppe, die ankündigen, so manchen alten Zopf abzuschneiden. Und die einen weiteren Leuchtturm der barttragenden, urbanen Gentrifizierer mitten im austrocknenden Sumpf des Kleinbasler Milieus errichten.

Rund um den «Roten Kater», das letzte Bollwerk des käuflichen Geschlechtsakts, wird es langsam aber sicher einsam: Das Rotlicht-Viertel ist bald nur noch ein Rotlicht-Achtel. Innerhalb von Sicherheitsdirektor Baschi Dürrs grünen Toleranzlinien schwindet die Prostitution und mit ihr auch das Verpflegungsangebot für nachtaktive Gestalten aller Couleur.

Und statt dem Klingeli-Steak um zwei Uhr morgens gibt es nun halt einen «Dry Aged Cote de Boeuf aus Schlesien» mit regionalem drum herum. Um sieben oder spätestens halb acht. Für den doppelten Preis, serviert von einem zauselbärtigen Studenten.

Aber Leute, seien wir ehrlich: Statt jetzt zu jammern, wären wir in den vergangenen Jahren lieber ein- zweimal öfters ins Klingeli gegangen. Und wir müssten uns jetzt nicht mit Leuten herumärgern, die Rucola tatsächlich für eine Bereicherung der menschlichen Diät halten.

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