Basler Pop-Preis
Bleu Roi: «Unsere Musik klingt königsblau»

Die Band Bleu Roi ist bereits zum zweiten Mal für den Basler Pop-Preis nominiert: mit Synthie-Dream-Pop samt Folk-Elementen.

Jenny Berg
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Die Band Bleu Roi auf ihrem Kreativ-Balkon: die Brüder Stefan und Axel Rüst, die Schwestern Imogen und Jennifer Jans.

Die Band Bleu Roi auf ihrem Kreativ-Balkon: die Brüder Stefan und Axel Rüst, die Schwestern Imogen und Jennifer Jans.

Martin Töngi

Basel, im beschaulichen Gotthelf-Quartier. Die Sonne scheint, die Familien machen sich auf zu ihrem Sonntagsausflug an die Herbstmesse. Und in einem dieser hübschen Jugenstilhäuser öffnet das nette Mädchen von nebenan die Tür: Jennifer Jans. Die 27-jährige ist offenherzig und sympathisch. Fragt nach dem Wunschgetränk, bittet unkompliziert an den Küchentisch zum Gespräch, erzählt munter von ihrer Musik, die klingt wie ihre Lieblingsfarbe: königsblau.

Dass sie auch eine erfolgreiche Führungsperson ist – als Bandleaderin, Pop-Komponistin und einflussreiche Kulturmanagerin, die nicht nur in Basel die BScene präsidiert, sondern auch in Luzern das B-Sides Festival co-leitet – erahnt man erst nach und nach. Denn mit ihr sind auch ihre drei Bandmitglieder zum Interview gekommen. Es spricht aber meistens: Jennifer Jans.

Musik der Kindertage: Klassik

Sie ist die Jüngste von drei Schwestern, ist in einem Basler Musikerhaushalt gross geworden. Beide Eltern waren Dozenten an der Schola Cantorum; die mittlere Schwester ist Opernsängerin geworden. Jennifer und ihre älteste Schwester Imogen hat es ins Pop-Fach gezogen; Imogen singt bei Bleu Roi die Backing Vocals und bedient das zweite Keyboard. Ob es da nicht Diskussionen gab zu Hause, über die bevorzugte musikalische Stilrichtung? «Meine Eltern sind sehr offen», sagt Jennifer. «Und während meiner Schulzeit hat klassische Musik auch bei mir eine grosse Rolle gespielt.»

Das hört man der Musik von Bleu Roi an – aber nur ein ganz kleines bisschen. Manche Songs haben melodische Klavier-Intros, andere steigen mit atmosphärischen Akkordfolgen ein. Sie sind der Grund und Boden, auf dem die vieltönigen Soundschichten aufbauen. Harmonisch sind die Songs geheimnisvoll und rätselhaft, und niemals simpel. Man sucht ein Zentrum – und findet keines. Alles schwebt – und ist eben «Music for the lost and found», wie es auf ihrer Website heisst.

Das zweite Album von Bon Iver sei es gewesen, das sie musikalisch inspiriert habe, erzählt Jennifer. «Diese Klangästhetik hat mich sehr angesprochen.» Sie hat sie weiterentwickelt; vervielfacht. Ihre Songs haben mehr Klangeffekte, als sie live auf der Bühne reproduzieren kann.

«Jenny komponiert immer so, dass man eigentlich 20 Leute auf der Bühne bräuchte», lacht Imogen Jans. Sie ist Musiklehrerin am Basler Leonhardsgymnasium, leitet mehrere Chöre – und war von Anfang an mit dabei, als ihre Schwester die ersten Songideen für Bleu Roi ausprobiert hat, damals, 2012. Seitdem arrangiert sie gemeinsam mit den anderen Bandmitgliedern diese vielen Klangideen für die Quartettbesetzung. Jennifer komponiert, spielt ihrer Band die Ideen als Soundfiles in ihrer Basler Wohnung vor – in ihrem winzigen Musikzimmer, in der Küche oder auf dem Balkon mit der blauen Wand.

Ausprobiert wird das Ganze dann im Bandraum in Liestal. Axel Rüst fügt die Gitarrenelemente hinzu, Stefan Rüst ergänzt die Beats am Schlagzeug. Auch sie sind Geschwister, aber zwei, die erst spät entdeckt haben, dass sie die gleiche Musik mögen und spielen. Schliesslich trennen sie fast acht Jahre Altersunterschied – eine halbe Generation, für Teenager zumindest, damals.

Fünf Fragen

Bleu Roi

1. Was verbindet Eure Musik mit Basel?

Jennifer: Wir sind alle in Basel aufgewachsen; sind stark in die Musikszene integriert.

2. Fühlt es sich anders an, in Basel ein Konzert zu spielen als sonst wo?

Axel: Ja. Hier kennt man uns, in New York kennt uns niemand – da haben wir eine grössere Narrenfreiheit.

Imogen: Ich habe einen höheren Anspruch, wenn wir in Basel spielen.

3. Was macht Ihr mit dem Preisgeld, falls Ihr gewinnt?

Jennifer: Wir investieren es in unsere Deutschland- und Schweden-Tournee im Frühjahr und in die Produktion eines nächsten Albums.

4. Wenn Ihr nicht gewinnt, wem von den anderen Nominierten gönnt Ihr es am meisten?

Jennifer: Ich schätze die vier anderen Nominierten sehr; alle hätten es verdient.

Axel: Es sind alles sehr berechtigte Nominationen.

5. Wer uns nicht kennt, sollte dieses Lied hören

Stefan: «Voyeur». Es repräsentiert den Sound unseres neuen Albums am besten.

Kreativaufenthalt in New York

Heute sind sie äuserst erfolgreich zusammen unterwegs, die Rüst-Brüder und die Jans-Schwestern: Sie sind bereits zum zweiten Mal für den Basler Pop-Preis nominiert. «Das ist eine grosse Ehre», sagt Jennifer über die Nomination, «wir waren sehr überrascht – vor allem, weil unser neues Album ja erst zwei Tage nach der Preisverleihung herauskommt.»

«Of Inner Cities» heisst es. Erdacht und komponiert hat es Jennifer in New York. Drei Monate hat sie dort gelebt, geatmet, gewohnt, ist mit dem Aufnahmegerät durch die Stadt gelaufen, um den Sound des pulsierenden Lebens einzufangen.

Am Computer hat sie diese Sounds verdichtet, zu Beats, zu Klängen, oder auch zu einer Intro-Atmosphäre. Zum Beispiel im Song «Arrows». Ein dichtes Stimmengewirr eröffnet den Song. Es stammt aus New York, aufgenommen nachts um halb zwei. Da nämlich war Jennifer in ihre New Yorker Wohnung heimgekehrt, es war spät, dachte sie. Doch die Nachbarn feierten im Innenhof lautstark ein mexikanisches Familienfest. «In der Schweiz hätte ich das so nicht erlebt», sagt sie und lacht.

Aufgenommen und produziert hat die Band die New Yorker Lieder dann in Göteborg, in einem der besten Studios Schwedens. «Dort hingen 30 alte Synthesizer an der Wand», erzählt Jennifer. «Die haben wir erst einmal alle ausprobiert», sagt sie. Und Stefan Rüst ergänzt: «Da konnten wir wirklich aus dem Vollen schöpfen. Wir haben in diesem Studio geschlafen, gegessen, komponiert, gemixt – wir konnten uns nur darauf konzentrieren, ohne Ablenkung durch den Basler Alltag. Das war schon sehr speziell.» Sogar die Schulen haben den Bandmitgliedern Urlaub gegeben – auch Axel Rüst arbeitet als Lehrer, in Muttenz; Sport und Spanisch sind seine Fächer. Sein Bruder Stefan verdient im IT-Bereich seine Brötchen.

Viele handgemachte Sounds

Doch wie heisst er denn nun, der Sound, den Bleu Roi auf seinem neuen Album präsentiert? «Das ist bereits Thema von langen Gesprächen gewesen», erzählt Schlagzeuger Stefan. «Es ist wohl schon in der grossen Schublade Pop anzusiedeln», sagt Jennifer. «Manche Leute nennen es Dream-Pop, andere Synthie-Pop», erzählt sie. Und Gitarrist Axel ergänzt: «Mit Folk-Elementen, müsste man eigentlich sagen, denn wir spielen nicht diesen glatten, perfekt geschliffenen Pop – sondern es sind viele handgemachte Sounds drin.»

Eigentlich, darin sind sie sich einig, müsste ihre Musik «Blue-Pop» heissen – eben so leicht und strahlend und tiefsinnig und schön wie ihrer aller Lieblingsfarbe: königsblau. «Denn so klingt auch unsere Musik», sagt Bandleaderin Jennifer: «Bleu Roi: königsblau.»