Basler Zolli
Bei der Fütterung lassen die hungrigen Seelöwen nicht locker

Die Tierpflegerin Ramona Schröter hat in den letzten Jahren eine tiefe Beziehung zu ihren sieben Seelöwen aufgebaut. Die Liebe ist gegenseitig – die Tiere fressen ihr aus der Hand.

Muriel Mercier
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Repo bei den Seelöwen. Da wartet Jemand auf sein Leckerli.
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Repo bei den Seelöwen.
Repo bei den Seelöwen.
Auch hier wird in die Trickkiste gegriffen.
Queeny leidet an grauem Star und ist seit drei Jahren blind.
Repo bei den Seelöwen.
Im vergangenen Juli ist Baby Leona im Zolli auf die Welt gekommen.
Repo bei den Seelöwen im Zolli Basel
Repo bei den Seelöwen.
Die Weibchen Kelsy, Ukiah, Peggy und Robia zeigen ihr Können.
Repo bei den Seelöwen.
Repo bei den Seelöwen.
Uranus lässt nicht locker. Er stützt sich auf Ramona Schröter ab, um an einen Fisch zu kommen.

Repo bei den Seelöwen. Da wartet Jemand auf sein Leckerli.

Nicole Nars-Zimmer

Kelsy ist ganz aus dem Häuschen. Voller Vorfreude robbt das junge Seelöwenmädchen in die Küche. Essenszeit ist angesagt. Ramona Schröter stellt drei Plastikschalen voller Fisch auf den Tisch. Hering, Makrelen und Sprotten, Wildfang aus dem Meer. Sie untersucht die etwa 20 Kilo und sortiert die kaputten Fische aus. Diese darf man den Seelöwen nicht verfüttern, weil das Fischfleisch nicht mehr frisch ist, was bei den Tieren zu Magenproblemen führen kann. Und: Die Augen der Fische müssen klar, die Kiemen rot und die Haut glatt sein, erzählt sie.

Alles Informationen, die Kelsy im Moment völlig egal sind. Sie möchte jetzt essen – und blökt schon ganz ungeduldig. «Jaja, ich bin ja hier», beschwichtigt Schröter und wirft dem knapp zwei Jahre alten Mädchen eine kleine Sprotte zu. Kelsy ist nicht die Einzige mit einem leeren Magen. Hinter ihr wartet Queeny und bettelt darum, von Schröter endlich auch mal beachtet zu werden. Kaum bekommt die mit 21 Jahren alte Dame einen Fisch zugeworfen, reklamiert Kelsy, springt von der Betonstufe runter, brüllt, dreht sich um und kraxelt die Stufe wieder hoch.

Auf der Suche nach dem Rang

Die beiden Seelöwinnen bekommen – im Gegensatz zu ihren vier Artgenossen Peggy, Robia, Ukiah und dem Bullen Uranus – bereits im Stall vor dem täglichen Showschwimmen um 16 Uhr ihr Futter. Der Grund ist einfach: Die junge Kelsy hat ihren Rang in der Gruppe noch nicht gefunden. Sie würde an der Show nicht satt, weil ihre Kolleginnen und Uranus ihr die Fische vor der Nase wegschnappen. Und Queeny leidet an grauem Star und ist seit drei Jahren blind. Für die Seelöwin ist dieses Handicap allerdings kein Problem, «denn sie kennt die Anlage in- und auswendig und merkt anhand der Wellen, wo Felsen sind», erklärt Schröter. Würde sie leiden, hätte man längst eine andere Lösung gesucht.

Da taucht auch Kelsy wieder auf und blinzelt durch die Gitterstäbe. Das ewige Gerede mit dieser Journalistin, wird sie sich ärgern und tätschelt Schröter ungeduldig mit der Flosse an die Wade.

Ramona Schröter

Seit 14 Jahren arbeitet die Tierpflegerin im Zolli. Aufgewachsen auf einem Bauernhof und ihre Lehre absolviert hat die heute 34-Jährige in Dresden. Zu ihren Aufgaben bei den Seelöwen gehören nicht nur die Fütterung der Tiere und die Durchführung der Show. Jeden Tag ist Stall putzen angesagt und ein Mal in der Woche wird das Wasser im Bassin abgelassen und das Becken desinfiziert. «Mit den Seelöwen eine Beziehung aufbauen zu können , ist schon sehr schön», sagt sie. (mum)

Was die sechs grossen Seelöwen im Zolli liebend gerne tun, macht Baby Leona überhaupt keine Freude. Sie ist im Juli 2014 auf die Welt gekommen und bekommt seit einigen Tagen von Ukiah keine Muttermilch mehr. Fische mag sie jedoch noch nicht. Deswegen muss Pflegerin Schröter nachhelfen. «Seelöwen müssen lernen Fisch zu essen.» In freier Wildbahn sei das kein Problem, denn die Jungen schwimmen lebenden Fischen hinterher, um zu spielen. «Mehr zufällig als gewollt schlucken sie mal einen und merken so, dass Fisch gut schmeckt.»

An der Show will jeder gewinnen

Im Zolli darf nur toter Fisch verfüttert werden. Und daran hat Leona kein Interesse. Am Anfang haben die Pfleger den toten Fisch bewegt und die Kleine habe damit gespielt. Mittlerweile funktioniert dieser Trick nicht mehr. Konsequenz: «Wir müssen Leona den Mund mit einem Holzkeil öffnen und den Fisch mit einer Pinzette einführen.» Solange, bis sie selber isst. «Mittlerweile nimmt sie es gelassen, weil sie realisiert, dass wir ihr helfen wollen.»

So, Kelsy und Queeny sind einigermassen satt. Jetzt kann das Show-Schwimmen beginnen. Schröter lässt die beiden Weibchen auf die Anlage, nimmt den Kessel mit den Belohnungsfischen mit raus und stellt den vielen Kindern, die erwartungsvoll vor dem Bassin auf die Kunststücke der Seelöwen warten, die Tiere vor. Sofort wird es hektisch im Wasser. Die fünf Seelöwen schwimmen so schnell wie möglich auf Schröter zu – jeder möchte der Erste sein.

Dann gehts los. Robia ist nicht zu überhören. Während der ganzen zehn Minuten Showeinlage blökt sie pausenlos. Sie hat wohl Angst, dass sie bei der Fütterung zu kurz kommt. Brav springt sie mit den anderen drei Weibchen Ukiah, Peggy und Kelsy auf den Bassinrand und folgt den Befehlen der Tierpflegerin. Jeder Seelöwe habe seine Talente, erzählt diese. «Kelsy springt gut aus dem Wasser oder macht Loopings in der Luft.» Bulle Uranus, 17 Jahre alt und 250 Kilo schwer, ist Meister darin, einen Ball auf der Nasenspitze zu balancieren. «Er läuft sogar dabei, und wenn das Publikum klatscht, freut er sich riesig. Ich sehe sein Lächeln im Gesicht.»

Queeny ist der Ruhepol

Nach zehn Minuten ist der Spass vorbei. Dann treffen sich die noch hungrigen Seelöwen im Stall und bekommen Fisch. Die kleinen Portionen während der Show haben nicht gereicht. Direkt neben Schröter hat Queeny ihren Platz eingenommen. Seit sie blind ist, lassen die anderen Tiere sie in Ruhe essen, erzählt Schröter. Untereinander jedoch kämpfen sie um jeden Fisch. Queeny sei ein wichtiges Tier in der Gruppe. «Der Ruhepol.» Ein Beispiel: Nachdem Ukiah ihr Buschi Leona bekommen hat, sei sie sehr nervös gewesen. «Da hat sich Queeny zu ihr hingelegt und ihr geholfen.»

Mit diesem Charakterzug passt Queeny perfekt in den Plan von Ramona Schröter und dem Zolli. Man möchte in Basel nämlich in den nächsten Jahren keine Seelöwen mehr züchten. «Unsere Weibchen sind sowieso langsam zu alt. Und wir möchten einfach, dass die Gruppe so bestehen bleibt, wie sie heute ist.»

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