Konzert

Baums Geisterspiel in der St.Jakobshalle mit 50 statt 12'000 Gästen

Der Musiker und seine Band füllten die grösste Basler Konzerthalle für ein Solidaritätskonzert – mit 50 Zuschauerinnen und Zuschauern.

Etwas Beklemmendes liegt in der St.Jakobshalle am Donnerstagabend in der Luft. Wo sonst über 12'000 Menschen Platz finden, stehen nur gerade fünfzig Stühle verteilt. Zwischen ihnen je 1,5 Meter Abstand. Vor ihnen das Setting des Basler Singer/Songwriters Baum und seiner Band. Um sie herum: Leere und Dunkelheit.

Allmählich trudeln die ersten Gäste ein, verteilen sich brav in der Halle – und werden still. Gespräche mit Freunden, wie sie sonst vor Konzerten gang und gäbe sind, wirken durch Distanz und Maskenpflicht plötzlich befremdlich.

Die Wahl der Lokalität ist ein Ausdruck von Humor

Der erste Auftritt von Christoph Baumgartner alias Baum an ­diesem Abend fungiert denn auch als Eisbrecher. Plötzlich steht er da, zwischen den Stühlen, und spricht mit seinem ­Publikum. «Dieses Jahr gehört den Mutigen», sagt er. «Und wer dieses Jahr schon mutig ist, wird auch das nächste packen. Egal, wie schwierig es wird.» Es sind die richtigen Worte, um das Publikum auf einen ganz ­besonderen Konzertabend einzustimmen.

Baum lädt zum Solidaritätskonzert in die St.Jakobshalle. Zwanzig Karten verschenkte der Musiker an Menschen, die vom Coronajahr 2020 besonders getroffen wurden. Die anderen dreissig bezahlten je hundert Franken – so konnten die Kosten immerhin ein wenig gedeckt werden. «Das Ziel des Konzerts ist es weder mich als Musiker abzufeiern noch damit Geld zu verdienen. Es geht darum, einen Beitrag zu leisten und zu zeigen, dass auch in diesen schwierigen Zeiten Solidarität und Normalität möglich sind», sagt Baum. Die begrenzte Zuschauerzahl wurde ihm durch die behörd­lichen Coronamassnahmen auferlegt. Dass das Konzert trotzdem – oder gerade deshalb – in der grössten Konzerthalle Basels stattfinden sollte, war für Baum schnell klar.

«Das Ganze ist sicher auch ein Ausdruck von Basler Humor. Wenn wir schon nur vor fünfzig Leuten spielen dürfen, dann machen wir es richtig», sagt er lachend und ergänzt: «Von der Botschaft her ist es die perfekte Location. Vor fünfzig Leuten in dieser gigantischen, leeren Halle aufzutreten, das passt als Symbolbild in diese verrückte Zeit.» Und er schiebt lachend nach: «Ausserdem kann ich jetzt von mir sagen, dass ich die St.Jakobshalle ausverkauft habe.»

Technikpanne machte das Konzert erst möglich

Am Ursprung des Konzerts stand allerdings eine unschöne Panne. Im Krisenjahr 2020 hatte Baum genau einen grossen Auftritt, als er im Frühherbst auf dem Floss auftrat. Für den Gig stellte er eigens eine Band aus Lokalprominenten der Basler Musikszene zusammen. Acht Kameras filmten den Auftritt auf dem Floss für ein Livealbum – umsonst. Denn im Eifer des ­Gefechts hatte ein Techniker vergessen, den Knopf für die ­Audiospuren zu drücken. Die Aufnahmen waren futsch, das Album passé.

«Ich habe mich gefühlt wie in einem schlechten Film. Ich dachte nur: Das kann doch nicht wahr sein», erzählt Baum. Der Ärger verflog jedoch schnell: «Ich habe mir einfach gedacht, dass ich das nicht auf mir sitzen lassen kann. Ich wollte dieser Band das Album unbedingt ermöglichen, also mussten wir eben ein neues Konzert auf die Beine stellen.»

Gesagt, getan. Mit der Hilfe unzähliger Personen realisierte Baum das Mammutprojekt. «Zu was Menschen fähig sind, wenn sie eine Sache wichtiger nehmen als sich selber, das hat mich enorm beeindruckt. Da ist enorm viel Dankbarkeit», sagt er. Die Tickets für den Event waren schnell vergriffen. «Es ging jedoch länger, bis auch die Gratistickets weg waren», erzählt Baum.

Auch am Donnerstagabend in der leeren St.Jakobshalle braucht es einen Moment. Wo man normalerweise mitsingt oder -tanzt, sitzt man nun still auf seinem Stuhl. Baum nimmt die schwierige Ausgangslage hervorragend an. Er hat sichtlich Spass, performt seine Songs mit viel Gefühl und einer tollen Lichtshow, welche die Leere des Raums teilweise bewusst hervorhebt. Der Musiker forciert dabei kein Mitmachen des Publikums, sondern zelebriert die Stille. «Nach dem Applaus war es jeweils totenstill bis zum nächsten Lied», wird er später sagen. «Ein Gefühl, das ich so noch nie erlebt habe und das mir auch am meisten bleiben wird von diesem gelungenen ­Experiment.»

Tatsächlich ist es die Stille, die beinahe mehr im Kopf bleibt als die Musik. Das Publikum ist für sich allein, kann das Gehörte auf sich wirken lassen, die Klänge und Texte reflektieren. Unwillkürlich zieht das Coronajahr vor dem inneren Auge vorbei, während der Blick über die leeren Ränge der Halle schweift. «I’ve changed», singt Baum in «Buffalo». «Did this teach us ­anything?», fragt er in «Change Everything». Die Passagen klingen nach – und begleiten das ­Publikum aus der leeren Halle hinaus in die Nacht.

Statt des Handys werden die Füsse wichtig

«Ich hätte mir schon gewünscht, dass das Publikum etwas mehr mitmacht», sagt ein Konzertbesucher nach dem Auftritt. «Aber es hätte vermutlich gar nicht in diesen Rahmen gepasst. Die Band ist damit grandios umgegangen, nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich», schwärmt er.

Dass sich das Publikum derartige Konzertsettings nicht gewohnt ist, ist auch dem Sänger klar. «Ich habe die Aufmerksamkeit ganz anders gespürt und zum Beispiel nie jemanden am Handy gesehen», fasst Baum seine Erlebnisse nach dem Konzert zusammen. Wo sonst getanzt werde, wippe man jetzt mit dem Fuss, die Connection zum Publikum sei viel intimer. «Die Stimmung war komplett anders als bei meinen sonstigen Konzerten. Aber ich fand es unglaublich schön.»

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1