Bahnhof SBB
Basler könnten bezüglich Randständige von den Bernern lernen

Der neu aufgeflammte Streit um die Randständigen ist andernorts längst erledigt. In Bern gibt es seit zwölf Jahren das «la gare», im Volksmund auch «Alki-Stübli» genannt. Hier treffen sich jene, die früher auf dem Bahnhofsvorplatz sassen.

Nicolas Drechsler
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Unerwünscht: Die Szene vor dem Bahnhof passt der Tourismuswirtschaft nicht ins Konzept. foto KeN

Unerwünscht: Die Szene vor dem Bahnhof passt der Tourismuswirtschaft nicht ins Konzept. foto KeN

In den letzten Tagen ist in Basel eine alte Diskussion um ein noch älteres Problem neu entbrannt. Die am Bahnhof herumhängenden Randständigen und Alkoholiker stören Tourismusdirektor Daniel Egloff und die Hoteliers in den umliegenden Betrieben. Der erste und der letzte Eindruck von Basel seien Geschrei, Pöbeleien, Bettelei und Abfall. Man solle die Szene zügeln, hinter oder neben den Bahnhof.

Passagiere kritisch bis resigniert

Auf dem Vorplatz kritisieren Passanten weniger den Dreck als vielmehr das Verhalten der Gruppe, die unter dem Vordach sitzt. «Hier ist ständig ein ‹Mais›, man wird angebettelt, Hunde kläffen, ich fühle mich hier vor allem abends nicht wohl», gibt eine ältere Dame zu Protokoll. Der Arbeiter in den orangefarbenen Hosen sieht es etwas fatalistischer: «Ist doch überall auf der Welt so, an Bahnhöfen hängen die Arbeitsscheuen rum», meint er.

Bern hat das «Alki-Stübli»

Nicht ganz überall und da sind wir bei einem möglichen Lösungsansatz für die Probleme in Basel. In Bern gibt es seit zwölf Jahren das «la gare», im Volksmund auch «Alki-Stübli» genannt. Hier treffen sich jene, die früher auf dem Bahnhofsvorplatz sassen. Die Randständigen, Obdachlosen, Einsamen und die Alkoholiker. Peter Kobi, im Berner Sozialamt zuständig für das Projekt, ist voll des Lobes: «Die Leute werden von der Polizei jetzt nicht mehr einfach weggewiesen, sondern hierhin». Rund um den Bahnhof wurde die Polizeipräsenz verstärkt, wer rumhängt, wird auf das Angebot hingewiesen. Die Lösung für das Problem, das die Leiterin der Basler Sozialhilfe, Nicole Wagner, anspricht, wenn sie auf Anfrage schreibt: «Die Frage des ‹weg vom Bahnhofplatz› macht eigentlich nur Sinn, wenn das ‹Wohin› gelöst ist, da sonst die betroffenen Menschen sich einen anderen Ort aussuchen (vor dem Bahnhofvorplatz war es ja beim Tramhäuslein am Aeschenplatz).»

Keine Probleme

Das Berner «Alki-Stübli» ist in zwei Containern zu Hause, im Winter geheizt, im Sommer gekühlt. Wer sein Bier kaltstellen will, findet einen Kühlschrank vor und zum Trinken muss man nicht auf den Boden sitzen, sondern es gibt Tische und Stühle für 35 Personen. Der Boden neben dem Bahnhof gehört RailCity, der ihn der Stadt gratis zur Verfügung stellt. Der Vertrag wurde soeben verlängert. Probleme gäbe es selten. Das «la gare» wird laut Kobi immer von zwei Mitarbeitern einer sozialen Organisation betreut, hat eine klare Hausordnung «und im Notfall setzt es ein befristetes Hausverbot». Das sei aber selten nötig. Probleme habe man eher damit, dass immer wieder Leute kämen, die gar nicht randständig seien, sondern den Treff einfach gemütlich fänden.

Lokale in Basel bewerben

In Basel gibt es auch Angebote, das «Soup and Chill» hinter dem Bahnhof ist als Aufwärmstube im Winter gedacht. Im Sommer scheint der Centralbahnplatz mehr zu ziehen. Nicole Wagner meint, man solle «die Personen vor dem Bahnhof proaktiv auf die Angebote aufmerksam machen und/oder sie motivieren, ihren Tagesaufenthalt dorthin zu verlegen». In Bern ist dies offenbar gelungen. Die Touristen sind ungestört, die Alkis auch, eine Diskussion wie in Basel ist undenkbar. Kommentar rechts

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