Corona-Virus

Basel im Ausnahmezustand: Gehen psychisch Kranke jetzt in der Pandemie-Krise vergessen?

Psychisch kranke Menschen können speziell unter der vorherrschenden Situation leiden. (Symbolbild)

Psychisch kranke Menschen können speziell unter der vorherrschenden Situation leiden. (Symbolbild)

Die Pandemie ist da und sie macht Angst. Von Tag zu Tag wird intensiver über eine Ausgangssperre spekuliert. Doch wie gehen psychisch Kranke mit der Situation um? Die Klinik Sonnenhalde weitet ihr Angebot nun aus. Auch die UPK Basel kann die Behandlung von Patienten ohne Unterbruch gewährleisten.

Geht in der Hektik der Corona-Krise die besonders vulnerable Gruppe der psychisch Kranken und der Menschen mit Angststörungen vergessen? Diese Frage greift die Klinik Sonnenhalde in ihrer Medienmitteilung vom vergangenen Mittwoch auf. Angesichts der Annahme, dass der Ausnahmezustand noch Monate dauern könnte, wäre dies verhängnisvoll und unverantwortlich, beteuert die Klinik.

Die Riehener Klinik weitet deshalb ihre bestehenden Online-Behandlungsangebote aus, lädt niedergelassene Psychotherapeuten zum Mitmachen ein und ist offen für Kooperationen mit Kantonen und Kliniken. Erste positive Gespräche haben bereits stattgefunden, wie die Klinik am Mittwoch kommuniziert.

Seit über einem Jahr beschäftigt sich die Klinik mit dem Aufbau und der Weiterentwicklung von modularen Behandlungsangeboten, die online durchgeführt werden können. Angesichts der Herausforderungen durch die Corona-Krise und vor allem auch der mit ihrer Bewältigung verbundenen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, erhält dieses Angebot nun eine ungeahnte Wichtigkeit. 

Einschränkung der Bewegungsfreiheit kann Ängste verstärken

Viele Arbeitnehmer werden derzeit ins Home-Office geschickt oder arbeiten schon seit mehreren Tagen von zu Hause aus. Dass es Menschen gibt, die noch stärker unter einer allfälligen Ausgangssperre und einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit leiden könnten als gesunde Menschen, geht derzeit oft unter. Denn eine Einschränkung der Bewegungsfreiheit und somit des Alltags kann Ängste verstärken oder auslösen.

Die Klinik Sonnenhalde dehnt deshalb das bereits bestehende Angebot von «Blended Therapy»-Modulen - einer Mischform zwischen persönlichen und online-Kontakten - auf alle ihre Patientinnen und Patienten im stationären, teilstationären und ambulanten Bereich aus, damit sie auch bei einer weiteren Verschärfung des Notrechts inklusive einer eventuellen Ausgangssperre zu erreichen sind. Diese Massnahme dient nicht nur den Patientinnen und Patienten, die so ihre Therapien ununterbrochen weiterführen können; sie hilft auch, sorgsam mit Personalressourcen umzugehen und gesunde Therapeutinnen und Therapeuten trotz Quarantäne gezielt und wirkungsvoll einzusetzen, bestätigt die Klinik in ihrer Medienmitteilung.

Wichtig sei in diesem Zusammenhang, dass bei der Erarbeitung der virtuellen Angebote auch der Datenschützer des Kantons Basel-Stadt involviert wurde.

Seit dem 1. April ist die Hotline der Stiftung Rheinleben in Betrieb. Sie ist täglich von 10-12 Uhr besetzt: Telefon 061 204 04 40. Die Helpline ist auf Beratung in der Alltagsbewältigung, Umgang mit Belastungen und Empowerment ausgerichtet, wie die Stiftung auf Anfrage mitteilt.

Wie umgehen mit Ängsten im Umfeld?

Viele Online-Kommentare in den Sozialen Medien lassen auf grosse Angst vieler Nutzer schliessen. Auch die derzeit ständig getätigten Hamsterkäufe sind wohl oft ein Zeichen grosser Angst. Umso wichtiger ist es, in solchen Zeiten auch an die Menschen zu denken, die Mühe damit haben, alleine und sozial isoliert zu sein. Das Aufrechterhalten und Ermöglichen von therapeutischen Angeboten hilft Patientinnen und Patienten, ihren Alltag auch dann bestreiten zu können, wenn er eben so unalltäglich daherkommt, wie dies derzeit der Fall ist. 

Auch die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) befassen sich derzeit intensiv mit dem Thema. So bestätigt Undine Lang, Direktorin der UPK, dass man das Angebot an die Vorgaben des Bundes im Umgang mit der Corona-Virus-Pandemie angepasst habe. Die Behandlung der Patientinnen und Patienten sei ohne Unterbruch gewährleistet und es gebe die Möglichkeit von Onlinesitzungen oder Telefonbetreuung. «Eine Zunahme der Anfragen von Patientinnen und Patienten mit Angst verzeichnen wir derzeit aber nicht», bestätigt Lang. Auch würden Betroffene derzeit nicht wegbleiben oder Termine nicht einhalten.

Fitness, Telefonate und Achtsamkeitsübungen

Um soziale Isolation umgehen zu können, ist das virtuelle Miteinander wichtig. Regelmässiges Nachfragen bei betroffenen Bekannten und Familienmitgliedern kann genauso hilfreich sein, wie auf einen übermässigen Social-Media-Konsum zu verzichten. Das ständige Konfrontiertwerden mit Fakten, aber auch Falschmeldungen und Beiträgen, die die Empfindungen und Ängste anderer ausdrücken, kann giftig sein. Stattdessen wird von Experten empfohlen, sich möglichst an die eigenen Routinen zu halten, sofern dies möglich ist. Um Ruhe zu bewahren, bieten sich ausserdem autogenes Training und Sport an. Auch die UPK empfehlen, zu Hause mittels Apps Fitness zu machen und sich Zeit für Achtsamkeitsübungen zu nehmen, Bücher zu lesen, zu telefonieren oder zu chatten, um den sozialen Austausch weiterhin zu pflegen.

Für viele psychisch kranke Menschen ist es sehr schwierig, um Hilfe zu bitten und anderen Menschen zu sagen, dass es ihnen nicht gut geht. Der Appell von Psychologinnen und Psychologen lautet aber insbesondere jetzt: Betroffene sollen Freundinnen und Freunde ansprechen, mit ihnen über ihre Ängste und Sorgen reden und um Hilfe bitten.

Auch von Seiten der UPK ist der Appell an die Bevölkerung unmissverständlich: «Wir bitten die Menschen dringend, zu Hause zu bleiben und sich an die Massnahmen des Bundes zu halten.»

Meistgesehen

Artboard 1