Art Basel Miami
Jünger, diverser, moderner: Die Art Basel Miami ist zurück

Seit Donnerstag läuft in den USA die Art Basel Miami. Neue Regeln erleichtern den Zugang für junge Galerien. Das Ergebnis: mehr Diversität, aber auch eine Rückbesinnung aufs alte Handwerk.

Susanna Petrin aus Miami Beach
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Gäste vor dem Kunstwerk «With Negritude» von Tunji Adeniyi-Jones.

Gäste vor dem Kunstwerk «With Negritude» von Tunji Adeniyi-Jones.

Bild: Lynne Sladky/AP

Ein älterer Herr spielt mit einer Calder-Skulptur. Welch ein Schock! Die Art Basel in Miami hat vor zehn Minuten mit einem Gongschlag begonnen, genauer gesagt: die First-Choice-Runde für die gut betuchte Kunstliebhaberschaft. Und der erste Eindruck ist: Sogar das edelste Publikum scheint hier nicht zu wissen, dass man die Werke nicht berühren darf. Der Mann registriert den entsetzten Blick – und korrigiert den falschen Anschein. Er besitze als langjähriger Sammler viele Calders, sagt er, doch dieses Mobile sei nicht korrekt zusammengesetzt. Ein Galerist kommt hinzu und dreht zwei der hängenden Teile um 180 Grad. Jetzt stimmt's.

Letztes Jahr hat auch diese Messe nur online stattgefunden. Die Offline-Ausgabe lebt nun wieder von direkten Kontakten. Zig Aussteller hätten sich bei ihm bedankt, sagt Art-Basel-Direktor Marc Spiegler tags darauf im Interview, alle seien überglücklich, dass die Messe unter guten, sicheren Bedingungen – Maskenpflicht im mit Covid ansonsten leger umgehenden Florida – stattfinden könne.

Hank Willis.

Hank Willis.

Bild: Zvg/Art Basel

253 Galerien stellen noch bis Samstagabend hier aus, fünfzig Prozent aus den USA. Viele Europäer seien im allerletzten Moment hinzugekommen, als Joe Biden verkündete, die Einreisebeschränkungen per 8. November aufzuheben. Die Spielregeln für die Teilnahme sind gelockert worden: Neu muss eine Galerie nicht bereits seit drei Jahren bestehen, um einen Standplatz zu bekommen. Das habe indirekt die Diversität gefördert, sagt Marc Spiegler: «Wir haben ungewöhnlich viele neu eröffnete Galerien von ‹people of colour›. Ich bin froh um jeden einzelnen dieser Stände», betont er im persönlichen Gespräch: «Nicht einfach, weil sie von Menschen mit dunkler Hautfarbe betrieben werden, sondern weil sie wirklich gut sind.» Es sei ein erster Schritt in Richtung mehr soziale Gerechtigkeit.

Zwei gegensätzliche Trends fallen auf: virtuelle Kunst, weil sie in aller Munde und in der ganzen Stadt omnipräsent ist. Ein Blick in die Zukunft. Der andere Zeitstrahl zeigt in die Vergangenheit: Altes Handwerk wie Weben und Quilten wird mit neuen Materialien und Formen an vielen Ständen modern präsentiert. Oft symbolisch aufgeladen: Da stehen die Verknotungen für Unterdrückung, dort bedeutet ein Papierflechtwerk aus alten Atlassen das Verschwinden einer Welt. Was lange eher älteren Frauen vorbehalten war und wenig Beachtung fand, gilt nun als interessant und cool. «Das ist ganz stark mit der schwarzen und der indigenen Kultur hier verbunden», sagt die in Los Angeles lebende Künstlerin Ani.

Rebecca Manson.

Rebecca Manson.

Bild: Zvg/Art Basel

«There is no bad luck in the world but white folks» besagt ein leuchtendes Kunstwerk. Weiss herrscht trotzdem weiter vor in diesen Hallen. Das soziale Gefälle verläuft in diesem Land bis heute auch entlang der Hautfarben. Dreisternhotels verkaufen ihre Zimmer diese Woche für 500 Franken die Nacht. Das Messeleben macht mehr Spass mit viel Geld – und dem höchsten VIP-Status für die coolsten Partys.

Unfreiwillig typisch amerikanisch läuft alles auf Kredit: Die Rechnungen haben die Aussteller noch nicht bezahlen können, weil die MCH Group kürzlich gehackt worden ist. Es wird noch einmal richtig gefeiert, das Leben und die Kunst - vor dem drohenden nächsten Lockdown, auf Pump.

Gemälde von Sungi Mlengeya in der Afriart Gallery.

Gemälde von Sungi Mlengeya in der Afriart Gallery.

Bild: Lynne Sladky/AP

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