Analyse
Müde Politiker vertiefen den Graben zwischen Stadt und Land

Der offene Disput zwischen den Gesundheitsdirektoren beider Basel zeigt, dass der Politik allmählich die Puste ausgeht. Hoffnung gibt die Kreativität, die «von unten» kommt.

Patrick Marcolli
Patrick Marcolli
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188 Jahre – und (wieder) ein Graben: das Hülftenschanz-Denkmal in Frenkendorf.

188 Jahre – und (wieder) ein Graben: das Hülftenschanz-Denkmal in Frenkendorf.

Bild: Martin Toengi /bz-Archiv

Die Coronakrise wirkt wie ein Verstärker: Sie bringt ans Licht, was in normalen Zeiten, im sogenannten Alltag, leicht untergeht und kaschiert wird: Gesellschaftliche Brüche, wirtschaftliche Defizite, fragile Strukturen, fehlerbehaftete politische Prozesse, aber auch ganz einfach menschliche Schwächen und Ängste kommen plötzlich zum Vorschein.

In unserer Region schlägt sich diese Verwundbarkeit vor allem in einem nieder: Wir sind umgeben von Grenzen, unsere Möglichkeiten sind im wahrsten Sinn des Wortes begrenzt, die jeweiligen Handlungsspielräume recht klein. Oder, man kann es auch anders betrachten: Wer schon vor Corona Grenzen im Kopf hatte, dem sind sie nun noch wichtiger als zuvor und dienen jetzt als Legitimation für selbstgerechtes Verhalten.

Corona vertieft den Graben

Ein aktuelles Beispiel: Zumindest punktuell hatte man in den vergangenen Jahren den Eindruck, dass sich die Zusammenarbeit zwischen Basel-Stadt und Baselland auf recht gutem Weg befand. Man fand in verschiedenen Bereichen Lösungen zur Abgeltung von Zentrumsleistungen und intensivierte institutionelle Kooperationen. Eine grosse Liebe zwischen Stadt und Land sieht natürlich anders aus. Aber allein schon Alltagspragmatismus nach über 180 Jahren mit oft übertriebener Selbstbehauptung nördlich und südlich der Hülftenschanze war ein Fortschritt.

Und nun kommt der Verstärker Corona ins Spiel und vertieft den Graben, der fast schon zugeschüttet schien. Hier die strenge, scheinbar obrigkeitsgläubige Stadt, dort die scheinbar widerborstige Landschaft. Hier die strengen Massnahmen, dort der Versuch einer möglichst liberalen Handhabung. Der Gipfel der Differenzen: Ein Gesundheitsdirektor aus dem Kanton Baselland, der seinem Kollegen in Basel-Stadt voll in die Parade fährt. Eine Schnitzelbangg-Aufzeichnung am Fernsehen hätte er erlaubt, sagte Thomas Weber, noch bevor Lukas Engelberger seinen Verbotsentscheid revidierte. Und: Engelberger und er hätten halt unterschiedliche «persönliche Wertegewichtungen».

Belastungsprobe für bikantonale Zusammenarbeit

Das ist ein starkes Stück und ein Affront sondergleichen. Wann wurde ein Konflikt zwischen zwei Exekutivpolitikern im Stadt- und Landkanton so offen ausgetragen? «Persönlich», wie Thomas Weber meint, sind solche Differenzen unter Magistraten nie. Beide, Weber wie Engelberger, stützen sich bei ihren Entscheiden auf ihren Opportunitätsinstinkt. Engelberger knickte letztlich vor der geballten Fasnächtlerwut ein und Weber weiss eine rechtsbürgerliche ländliche Klientel hinter sich, die jeglichen Eingriffen «von oben» kritisch gegenübersteht. Und schon wird «Schnitzelbangg-Gate» zu einer möglichen Belastungsprobe für die bikantonale Zusammenarbeit und zeigt Differenzen, die auch nach Corona nicht einfach so verschwinden werden. Weil sie vor Corona nämlich schon da waren.

Ein Grund für den Weber-Engelberger-Disput liegt sicher auch darin, dass den Politikern allmählich die Puste ausgeht in dieser Krise. Wer müde ist, den verlassen auch die Kräfte – die Kraft, um einen unpopulären Entscheid stehenzulassen, und die Kraft, nicht jeden Gedanken ungefiltert und unbesehen von den Konsequenzen in der Öffentlichkeit zu verbreiten.

Vielleicht, und das ist ein Hoffnungsschimmer in dieser Zeit, kommt die Kraft des Durchhaltens und zur Erneuerung je länger, je mehr von der Basis, «von unten». In den vergangenen Tagen durfte unsere Zeitung immer wieder – und immer häufiger – darüber berichten, wie sich kleine Unternehmer mit ihren Läden behelfen und alternative, originelle Wege finden, um ihr Geschäft, so gut es eben geht, am Laufen zu halten. Auch die Fasnacht findet immer mehr Nischen, sei es in kleinen Ausstellungen, sei es in einem Fasnachtsspaziergang oder in einer Solidaritätsplakette (eine kommerziell motivierte Ausstrahlung von Schnitzelbangg ist explizit nicht gemeint). Das ist sehr bemerkenswert und gibt angesichts einer schwächelnden Politik die Hoffnung, dass etwas von dieser leicht subversiven Kreativität in die Zeit nach Corona hinübergerettet werden kann. Denn nur wer an Grenzen geht, kann sie überwinden.