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«Sind Sie stolz auf das, was Sie tun?»

Kolumnist Andreas W. Schmid denkt über die Jobs anderer Menschen nach – und insbesondere über die Frage, wie man Mitarbeiter von Callcentern richtig behandelt.

Andreas W. Schmid
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Blick in ein Callcenter.

Blick in ein Callcenter.

Bild: Keystone

Ich sass oben in der Mansarde, als ich unten im Parterre das Telefon läuten hörte. Das passiert heute ja selten, dass einen noch jemand auf dem Festnetz anruft. Also spurtete und sprang ich die zwei Stockwerke runter. Unterwegs malte ich mir aus, wer sich auf der anderen Seite der Leitung befinden würde. Vermutlich jemand, der kein Handy besitzt. Mir fiel ein halbes Dutzend Personen aus meinem Familien- und Bekanntenkreis ein, die sich dem Smartphone verweigern, weil sie die Technik überfordert oder alles viel zu klein angelegt ist und die Augen nicht mehr mitmachen.

Die letzten zwanzig Stufen überwand ich im Stil einer Wildkatze mit einem einzigen Satz. Noch immer läutete das Telefon. «Ja?», schrie ich, völlig ausser Atem, in den Hörer. Es meldete sich eine ruhige, unaufgeregte Stimme. «Guten Tag», begrüsste sie mich, «Sie könnten bei der Krankenkasse viel Geld sparen. Ich habe da ein tolles Angebot für Sie und…»

Nun bin ich jedoch seit Menschengedenken bei der billigsten Krankenkasse. Mit der günstigsten Franchise. Und dem vorteilhaftesten Arztmodell. Und wegen so einem Anruf war ich gerade um mein Leben gerannt? Ich war nahe daran, die Person auf der anderen Seite zu fragen: «Sind Sie stolz auf das, was Sie tun? Was erzählen Sie Ihrer Familie abends von Ihrem Job?» Doch dann besann ich mich eines Besseren. Es stand mir nicht zu, über das, was er tat, zu richten. Auch wenn Callcenter-Mitarbeiter in den Ranglisten der Berufe mit dem geringsten Ansehen regelmässig weit, weit oben rangieren. Ebenso unbeliebt, das zeigt eine Umfrage der Gesellschaft für Sozialforschung vom August, sind Politiker, Banker, Steuerbeamte, Manager. Auf der anderen Seite der Skala befinden sich Feuerwehrmänner, Ärzte, Krankenpfleger, Richter, Lehrer: Sie geniessen höchstes Ansehen. Speziell auf Basel gemünzt würden wohl Trämli- und Busfahrer zu den beliebtesten Berufsgruppen zählen (auch wenn sie einem gerne vor der Nase wegfahren), während Vereinspräsidenten wahlweise zwischen den beiden Ranglisten hin- und herpendeln würden.

Aber ganz ehrlich: Ich finde solche Umfragen nutzlos, ungerecht und wenig hilfreich. Jeder Job sichert einem Menschen ein Einkommen und verdient Respekt. «Ein Beruf ist das Rückgrat des Lebens», sagte schon Nietzsche. Das sah auch der französische Philosoph Blaise Pascal so. «Das Wichtigste im Leben ist die Wahl des Berufes. Der Zufall entscheidet darüber.» Deshalb sollte man nicht urteilen, sondern sich lieber freuen, wenn jemand einen Job hat. Umso besser natürlich, wenn er für seinen Job «brennt». Und er ihn mit Würde ausübt. So blieb ich in den folgenden Wochen, als sich die Anrufe von Callcenter-Mitarbeitern häuften, stets gelassen, auch wenn ich mich gerade wieder unter dem Dach aufgehalten hatte.

Bis ich irgendwann, ich geb’s zu, doch die Nerven verlor und ich, ohne mir den Werbevortrag anhören zu wollen, in den Hörer schrie: «Sind Sie stolz auf das, was Sie tun? Was erzählen Sie Ihrer Familie abends von Ihrem Job?» Auf der anderen Seite hörte ich ein Räuspern. Es war einer meiner Auftraggeber. Ein Journalist. Journalisten zählen, so die Umfragen, ebenfalls zu den Berufszweigen mit sehr geringem Ansehen. Viel nützte mir das jetzt aber gerade nicht.

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