Ausstellung
Fabelhaft: Der Vogel Gryff ist nicht nur im Kleinbasel König

Das Wundertier leiht dem Kleinbasler Feiertag seit dem Mittelalter seinen Namen – ist aber älter, wie das Antikenmuseum Basel zeigt.

Hannes Nüsseler
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Verzierung eines Bronzekessels in Form eines Greifen, 7. Jh. v. Chr.

Verzierung eines Bronzekessels in Form eines Greifen, 7. Jh. v. Chr.

© Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig / Foto: Andreas F. Voegelin

Jetzt tanzt der beliebteste Kleinbasler wieder, «stolz und styff», wie es im Kinderreim heisst. Und diese Hüftstarre ist begründet, hat der Vogel Gryff doch etliche Jahrtausende und einen langen Weg hinter sich. Wer ihm auf die Spuren kommen möchte, besucht die aktuelle Ausstellung im Antikenmuseum Basel, das im Rahmen einer vierteiligen Ausstellungsreihe Tiere und Mischwesen des Altertums vorstellt.

Vogelrufe und Grunzlaute empfangen die Besucherinnen und Besucher beim Betreten der dunkel gehaltenen Ausstellung, die vor beunruhigender Vitalität nur so vibriert. Mit den Tierdarstellungen auf Vasen und Reliefs, den Statuetten und Schmuckstücken liesse sich ein ganzer Zoo füllen. Dort würde man den meisten der dargestellten Tiere wohl auch lieber begegnen als in freier Wildbahn: Die trügerisch idyllische Videoprojektion eines Waldes vermittelt einen guten Eindruck davon, mit welcher Anspannung unsere Vorfahren die Tierwelt einst wahrnahmen – als Bedrohung, Rohstofflieferantin und Quell schier übernatürlicher Kräfte.

Richtig wild wird es, wenn der Dämmerschlaf der menschlichen Vernunft Ungeheuer gebiert und dabei paart, was nicht zusammengehört – Löwen, Schlangen, Ziegen, Adler. Auch hier setzt das Antikenmuseum auf das Bewegtbild und zeigt kurze Filmausschnitte mit mythologischen Kreaturen: Medusas Blick lässt Arglose versteinern, eine Sphinx bröselt vor sich hin, und Harry Potter sitzt jauchzend auf dem Rücken einer geflügelten Kreatur, die aussieht wie ein – Greif!

Vor den Stadtmauern lauert die Gefahr

«Diese mythologische Figur kommt aus den Hochkulturen des Ostens, wo sie verschiedene Bedeutungen hatte», erklärt dazu Museumsleiter Andrea Bignasca. Zum einen galt der Greif als königliche Figur, die ebenso mächtig, erhaben und geheimnisvoll war wie der Herrscher selbst. Er konnte aber auch als Widersacher des Königs auftreten und wurde bekämpft. Durch Handelskontakte im ersten Jahrtausend vor Christus gelangte die Figur nach Griechenland und wurde als exotisches und dekoratives Element übernommen.

«Erst allmählich wurde der Greif wie andere Mischwesen auch als eigenständige Figur in die Mythologie integriert», erklärt Bignasca. «Und zwar als Bedrohung der Menschen und ihrer aufkommenden Stadtkulturen.» Griechische Helden wie etwa Herakles bekämpften den Greif und andere Mischwesen als Vertreter einer bedrohlichen Natur. «Im antiken Griechenland war das Verhältnis zwischen Stadt und Land ein anderes: Wer sich ausserhalb der Stadtmauern aufhielt, befand sich in Gefahr.»

Gefäss in Form einer hockenden Gorgo Medusa, um 650 v. Chr.

Gefäss in Form einer hockenden Gorgo Medusa, um 650 v. Chr.

© Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig / Foto: Andreas F. Voegelin

Die Mischwesen zogen nicht nur eine Trennlinie zwischen Zivilisation und Wildnis, sie übernahmen auch eine Wächterfunktion. Diese schützende Rolle behielten sie bis in das Mittelalter, als die Fabeltiere zusammen mit Löwe oder Adler als Wappentiere für Macht und Herrschaft standen. Vor diesem Hintergrund liessen und lassen auch die Kleinbasler Ehrengesellschaften bei der jährlichen Waffenmusterung zur Bewachung der Stadtmauer ihren Gryff auftreten.

Funktion und Wirkung der Fabeltiere sind immer eine Frage der Interpretation, ihre Langlebigkeit verdanken sie unserer Bereitschaft, ihren Mythos zu aktualisieren. «Wichtig ist das Faszinosum», sagt Bignasca. «Man glaubt nicht an sie, und dann wieder doch: Irgendwo in einem fernen Land könnte es sie geben.» Und an mindestens einem Tag im Jahr sogar vor unserer eigenen Tür – es glopfd dr Gryff, dyriff, diff, diff!

«tierisch! – Tiere und Mischwesen in der Antike», Antikenmuseum Basel.
Bis 19. Juni 2022. www.antikenmuseumbasel.ch