Serie
Als ein frischer Wind durchs Baselbiet wehte

Auch im Landkanton bewegte sich etwas in den Achtzigern – jedoch nicht ganz so radikal wie anderswo.

Ayse Turcan
Drucken
Die Demonstranten, die das Militärdefilee in Liestal störten, wurden von den Polizeibeamten hart angepackt.

Die Demonstranten, die das Militärdefilee in Liestal störten, wurden von den Polizeibeamten hart angepackt.

Claude Giger

Wenn der Zug am Bahnhof Liestal hält, schweift der Blick fast automatisch auf das rechteckige Gebäude im Neorenaissance-Stil, das zwischen Perron und Kantonsgericht liegt. Auch wenn es heute ruhig ist vor dem Kulturhaus Palazzo: Vor 40 Jahren ging es hier wild zu und her. «Das Palazzo war eine Zeit lang das musikalische Zentrum der Punkszene», erinnert sich der ehemalige «Bewegte» Stefan Zemp. Alte Flyer zeugen von den Konzerten lokaler und nationaler Grössen, die hier in den 80er-Jahren auf der Bühne standen. Das Kulturhaus wurde 1979 nicht etwa im Stil eines autonomen Jugendzentrums (AJZ) besetzt: Die vier Gründer bildeten eine Aktiengesellschaft und kauften das Haus. Aktiengesellschaft und Punk? Was auf den ersten Blick widersprüchlich scheint, passt gut zum Geist der Achtziger im Baselbiet.

Ein ganzes Rockfestival in einem Heuschober in Tenniken

Wer vor 40 Jahren in Baselland aufwuchs und sich mit Werten und Lebensstil der Mehrheitsgesellschaft nicht identifizieren konnte, hatte zwei Möglichkeiten: Entweder in die Stadt, wo die Zahl der Unangepassten mit Sicherheit grösser war als im eigenen Dorf; oder aber auf lokaler Ebene eigene Freiräume schaffen. Für Ersteres entschied sich Heini Weber aus Reigoldswil. Nach zwei Jahren in einer «bewegten» WG am Fischmarkt in Liestal reiste Weber 1984 wie viele seiner Zeitgenossen nach Nicaragua, um die sandinistische Revolution zu unterstützen. Nach seiner Rückkehr zog Weber nach Basel. Ein Wechsel, der ihm nicht schwerfiel: «Es hat sowieso eine starke Vermischung stattgefunden», sagt er. Insbesondere die politisch sehr aktiven Kreise aus Stadt und Land hätten sich rege ausgetauscht und unterstützt.

Auf dem Land entstanden in den Achtzigern Kulturlokale, die längerfristig bestand haben sollten. Während die Gründung des Palazzos dank seiner juristischen Form relativ problemlos verlief, musste die Jugend anderswo länger warten. In Reinach kämpften Jugendliche knapp fünf Jahre für ein Jugend- und Kulturzentrum. Nach der Besetzung einer leeren Fabrikhalle im September 1981 und im Anschluss an den provisorischen autonomen Betrieb in einer Baubaracke im Jahr darauf, konnte im Dezember 1984 das Jugendhaus Palais Noir eröffnet werden.

Wer waren die Achtziger in Basel und wofür standen sie?

An dieser Stelle werden in den nächsten Wochen Themen und Protagonisten der damaligen Jugendbewegung vorgestellt. Weitere Artikel dieser Serie haben wir für Sie am Ende des Textes verlinkt.

Die Stimmung auf dem Land war nicht homogen: Während Junge in der einen Ortschaft mit einer Forderung wiederholte Male scheiterten, wurde diese anderswo problemlos umgesetzt. Der spätere Landrat Stefan Zemp (SP)aus Sissach hat rückblickend ein positives Bild. Er erzählt, dass es auf dem Land ohne viel Federlesens möglich war, unkonventionelle Konzerte zu organisieren. Oder gar ein ganzes Rockfestival, so geschehen in einem Heuschober oberhalb von Tenniken. «Die Leute haben die Hütte geräumt und einen Generator hochgefahren», erklärt Zemp. Grosse Schwierigkeiten habe es dabei nicht gegeben: «Man hat mit dem Bauern und mit der Gemeinde geredet, und schon war alles geregelt.» Er meint, auf dem Land habe es für die Anliegen von Jungen mehr Verständnis gegeben, als man sich heute vorstelle. Nicht nur kulturell, auch politisch engagierte sich die Jugend im Baselbiet. Ein Thema, das in den Achtzigern unter jungen Linken an Konjunktur gewann, war die Abschaffung der Armee. 1982 feierte der Kanton Baselland sein 150-jähriges Bestehen. Im Rahmen der Jubiläumsfeier in Liestal war zum Unmut vieler Jugendlicher auch ein Militärdefilee geplant. Sowohl im Vorfeld als auch während des Defilees kam es dann zu Protesten, welche die Juso Baselland organisiert hatte – sehr zur Empörung vieler braver Bürger, die auch mal mit dem Schirm auf Demonstranten einprügelten.

In die traditionelle Parteienlandschaft kam in den Achtzigern ebenfalls Bewegung. In grösseren Gemeinden entstanden neue Parteien und ausserparlamentarische Gruppen wie «Knoblauch» in Münchenstein oder die «Stechpalme» in Sissach. Urs Chrétien, der in der Anfangszeit dabei war, betrachtet die Gruppierung nicht als Teil der Jugendbewegung: «Ich war zu alt für die Bewegung und mir waren ihre Parolen und ihr Stil zu destruktiv.» Trotzdem war auch die Bildung der «Stechpalme», die für eine rot-grüne Politik stand, Ausdruck einer Unzufriedenheit mit dem politischen Establishment. Chrétien bestätigt: «Wir waren überzeugt, dass es in der Politiklandschaft neue Einflüsse brauchte.»

Nachgefragt bei Stefan Zemp

«In der Stadt mussten sie kämpfen, wir hatten die Freiräume schon»

Herr Zemp, wo waren Sie Anfang der Achtzigerjahre?

Stefan Zemp: Ich habe in Sissach eine Lehre als Konditor-Confiseur gemacht und musste anschliessend in die RS. Da merkte ich bereits, dass mich das viel zu sehr einengt.

Die RS hat Sie eingeengt?

Das ganze Gesellschaftssystem. Nach der RS bin ich nach Sissach in ein Häuschen gezogen, das im Volksmund bald «Gifthüttli» genannt wurde. Wie viele auf dem Land hatten auch wir ein paar Hanfpflanzen im Garten. Alle, die in Sissach Marihuana geraucht haben, sind bei uns ein- und ausgegangen. Wenn am Freitagabend die Beizen dicht machten, ging es im «Gifthüttli» weiter. Das war übrigens auch die Zeit, in der in Sissach die ersten Junkies auftauchten. Vorher war Heroin etwas, das es vielleicht in Basel gab, aber doch nicht bei uns. Als ich 17 oder 18 Jahre alt war, änderte sich das. Plötzlich gab es auch in Gelterkinden einen Junkie. Sissach hatte einen, Tenniken und Hölstein auch.

Immer nur einer pro Dorf?

Vieles wurde halt auch unter dem Deckel gehalten. Aber es waren schon nur einzelne Fälle, es herrschten keine Verhältnisse wie in Zürich auf dem Platzspitz. Oder auch wie in Basel im AJZ.

Und wieso war es anders?

Es gab nicht wirklich eine Szene. Die Junkies waren eher unter sich.

Was lief abgesehen vom Kiffen sonst noch so im «Gifthüttli»?

Das Haus war ein Schmelztiegel von Ideen. Ein Projekt habe ich damals mit einer guten Freundin, die auf einem Bauernhof in Tenniken aufgewachsen ist, realisiert. Auf dem Hof ihrer Eltern durften wir auf einer Fläche von etwa fünf Aren Gemüse anbauen. Dann haben wir hier in der Umgebung lokale Kunden gesucht und an sie ausgeliefert.

So eine Art Gemüseabo?

Ja, genau. Ich habe dann einmal pro Woche mit dem Velo das Gemüse verteilt. Solche Möglichkeiten gab es hier auf dem Land. In der Stadt mussten sie noch dafür kämpfen, wir hatten die Freiräume schon. Auch alternative Lebensentwürfe waren möglich: Ich habe in Sissach eine Zeit lang drei Tage pro Woche in einer Sandstrahlerei gearbeitet. Und an den restlichen Tagen der Woche hatte ich Zeit, Gemüse anzubauen. Das wäre alles ausbaufähig gewesen, doch dafür waren wir zu wenig geschäftstüchtig. Dieser Traum, selber etwas umzusetzen, das kam bei den Leuten eigentlich ganz gut an.

Gab es ausser Ihrem Zuhause noch andere Orte, an denen sich die Bewegung getroffen hat?

In Liestal gab es das Pendant zu unserer Hütte, die WG am Fischmarkt. Das waren junge Leute, die Punkmusik gemacht haben und «wild» herumgelaufen sind. Und dann gab es da noch die Stadtindianer. Das waren quasi die AJZler von Liestal. Die haben manchmal am Samstagnachmittag vor dem Bahnhof ein Feuer gemacht.

Blieben die Baselbieter «Bewegten» also eher im Baselbiet? Oder gab es einen Austausch mit der Szene in der Stadt?

Manchmal fuhren wir mit dem Auto an Konzerte in Bern in der Reitschule oder in Biel im Gaskessel. Und mit zwei, drei Kollegen war ich natürlich auch ab und zu im AJZ in Basel. Das war etwas, das es bei uns nicht gab. Wir waren aber nicht so sehr in der Szene drin, dass wir dort geschlafen hätten oder an die Vollversammlungen (VVs) gegangen wären. Das hatte vielleicht auch mit diesem alten Konflikt zwischen Stadt und Land zu tun.

Aber haben Sie sich mit ähnlichen politischen Themen beschäftigt?

Selbstverwaltung und Autonomie waren wichtig. Aber es war tatsächlich weniger politisch. Wir haben mehr gemacht und weniger geredet. Wenn ich das mit der Stadt vergleiche, da haben VVs stattgefunden, an denen stundenlange darüber diskutiert wurde, was man machen will und wie man es machen will. Es wurde einfach wahnsinnig viel geredet. Das hatte vielleicht auch damit zu tun, dass die Bewegung auf dem Land stärker von Lehrlingen als von Gymnasiasten getragen war.

Stefan Zemp 1959 geboren, wuchs in Sissach auf und lebte mehrere Jahre im Tessin, bevor er ins Baselbiet zurückkehrte. Nach einer zweiten Ausbildung zum Hafner stieg er 2007 in die Gemeindepolitik ein und sass von 2011 bis 2019 für die SP im Landrat. Daneben engagierte er sich ehrenamtlich als Vorstand der Fasnachtsgesellschaft und ist Präsident des Vereins «Jazz uf em Strich».

Stefan Zemp 1959 geboren, wuchs in Sissach auf und lebte mehrere Jahre im Tessin, bevor er ins Baselbiet zurückkehrte. Nach einer zweiten Ausbildung zum Hafner stieg er 2007 in die Gemeindepolitik ein und sass von 2011 bis 2019 für die SP im Landrat. Daneben engagierte er sich ehrenamtlich als Vorstand der Fasnachtsgesellschaft und ist Präsident des Vereins «Jazz uf em Strich».

bz

Aktuelle Nachrichten