Schritt für Schritt

VW lanciert das zweite Modell seiner E-Auto-Familie: den ID.4. Die erste Testfahrt offenbart Stärken und Schwächen.

Philipp Aeberli
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VW ID.4.

VW ID.4.

Bild: HO

«Bis zu 496 Kilometer Reichweite laut WLTP» verspricht VW im Datenblatt des ID.4 1st Max. Für das Basismodell mit minimalistischer Ausstattung wären es gar 522 Kilometer. Das wird aber am Tag der ersten Testfahrt kaum möglich sein. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und leichtem Schneefall hat die Wärmepumpen-Heizung einiges zu tun, um Insassen und Batteriezellen auf Temperatur zu halten. Da erscheinen die 325 Kilometer, die der Bordcomputer bei vollgeladenem Akku anzeigt, glaubwürdig. Daran ändert sich auch auf den ersten rund 150 Kilometern, auf denen wir den ID.4 unter die Lupe nehmen konnten, nichts. Das ist durchaus alltagstauglich – und ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zum ID.3. Der Kompaktwagen, der auf derselben Basis wie der ID.4 aufbaut, war bislang nur mit der kleineren 58-kWh-Batterie zu haben. Im grösseren ID.4 kommt nun erstmals der grössere Akku mit 77 kWh Nettokapazität zum Einsatz. Das sorgt auch bei Kälte für genügend Reserven. Geladen wird der Akku mit maximal 11 kW an einer Wallbox, womit die Batterie nach sieben Stunden wieder voll geladen ist. Unterwegs ist Gleichstromladen mit bis zu 125 kW möglich; damit verspricht VW 320 Kilometer Reichweite innert 30 Minuten.

VW ID.4
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Allgemein wirkt der zweite Vertreter der ID-Familie von VW deutlich reifer, als der ID.3, der vor allem in frühen Tests noch Kinderkrankheiten mit sich brachte. Das Cockpit des ID.4 wirkt nun solide verarbeitet und ist mit hochwertigeren Materialien gebaut. Identisch in beiden Autos ist das Infotainmentsystem mit einem kleinen Tacho-Bildschirm vor dem Fahrer und einem Touchscreen auf dem Armaturenbrett. Das System reagiert nach wie vor etwas langsam und bietet noch nicht alle notwendigen Funktionen; so kann das Navi noch keine Ladepausen automatisch einberechnen oder auch den Akkustand bei der Ankunft am Ziel nicht vorhersagen; essenzielle Funktionen in einem E-Auto, die VW noch per Software-Update nachreichen muss und wird. Überzeugend ist dafür das neue «Augmented-Reality-Head-up-Display», das auch im ID.3 noch nachgereicht wird. Im getesteten ID.4 war die Funktion aktiv; drei bis zehn Meter vor dem Auto werden damit die Richtungsangaben des Navis direkt auf die Umgebung projiziert; so findet man den Weg, ohne den Blick von der Strasse abwenden zu müssen.

Raum und Stille

An den Fahreigenschaften des jüngsten ID-Modells gibt es nichts auszusetzen. Der Crossover liegt auch in der getesteten Version sicher auf der Strasse; die Regelelektronik agiert sehr vorsichtig und bremst den Wagen zuverlässig ein. Durch den Hinterradantrieb geniessen die Vorderräder viel Bewegungsfreiheit; mit 10,2 Metern Durchmesser ist der Wendekreis auf dem Niveau eines VW Polo.

Das Fahrwerk wirkt komfortabler und ausgewogener als im kleineren Bruder, dem ID.3, was an der leicht höheren Bodenfreiheit und dem höheren Gewicht – vor allem bedingt durch den grösseren Akku – liegen könnte. Besonders angenehm, vor allem auf längeren Strecken, ist das tiefe Geräuschniveau im ID. 4: Vor allem Wind- und Abrollgeräusche sind gut weggedämmt, der Antrieb ist ohnehin kaum zu hören. So gibt sich der elektrische Crossover als guter Reisebegleiter, der aufgrund der flach im Boden verbauten Batterie mit viel Platz punktet. Auch auf der Rückbank sitzt man mit mehr als ausreichender Knie- und Kopffreiheit.

Die getestete Variante mit Hinterradantrieb und 204 PS Maximalleistung stellt die Mitte des Modellportfolios dar. Der Antrieb wirkt elastisch und spricht gut an; bei Tempi über 70 km/h scheint ihm aber etwas die Luft auszugehen. Der Crossover beschleunigt zwar bis Autobahntempo wacker weiter, wirkt aber aufgrund des hohen Gewichts nicht sehr dynamisch.

Weitere Varianten werden folgen. Den Einstieg wird der ID.4 «Pure» bilden. Er startet schon unter 39000 Franken, kommt dann aber mit weniger Akkukapazität (52 kWh, bis 348 km Reichweite nach WLTP) und weniger Leistung: 148 PS und 220 Nm. Im ID.4 City kommt ebenfalls der 52-kWh-Akku zum Einsatz, allerdings gibt die Elektronik hier 170 PS und 310 Nm frei. Die Reichweite liegt ebenfalls bei 348 km.

Topmodell und für die Schweiz vermutlich auch interessanteste Variante wird ab Juni der ID.4 GTX, den es in der Basisausstattung unter 57000 Franken zu kaufen geben wird. Dank einem zweiten E-Motor an der Vorderachse ist der GTX die einzige Variante mit Allradantrieb. Die Leistung steigt auf 306 PS, als Akku kommt die grosse 77-kWh-Batterie zum Einsatz.

Allerdings steigt durch den zweiten Motor und die höhere Leistung der Verbrauch, was zu einer verringerten Reichweite führt. Mehr als 400 Kilometer laut WLTP-Messung dürften aber weiterhin möglich sein – oder rund 300 Kilometer dann, wenn man den Allrad am dringendsten braucht: im Winter.

VW ID.4 1st Max

Motor: E-Maschine

Leistung: 204 PS/310 Nm

Antrieb: Aut. 1-Gang, Heckantr.

L×B×H: 4584×1852×1612 mm

Kofferraum: 543–1575 l

Gewicht: 2188 kg

0–100 km/h: 8,5 Sek.

Vmax: 160 km/h

Reichweite WLTP: 496 km

Preis: ab 63 650 Franken

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