Volkswagen
Der Polo im Rallyekleid

Ein grosses Herz in einem kleinen Polo, das Ganze nennt sich Polo R WRC und ist ein streng limitiertes Sondermodell.

Axel Griesinger
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VW Polo R WRC

VW Polo R WRC

HO

Volkswagen stürmt seit Anfang des Jahres mit dem Polo R WRC durch die Rallye Weltmeisterschaft, dass Citroen und Ford Hören und Sehen vergeht. Jetzt rollen die Niedersachsen zusätzlich einen auf 2.500 Einheiten limitierten Strassenableger an den Start und wollen damit im Kleinwagensegment auch ordentlich Staub aufwirbeln. Doch von Allradantrieb, mechanischen Sperrdifferenzialen und 1,6 Liter Motor keine Spur. Rauch kommt also nur von der Vorderachse. Dort aber gewaltig, denn ein ganz besonderer Motor produziert hier die Leistung. Doch reichen viele PS und ein paar Sticker auf weissem Blech aus, um ein unbändiges Verlangen nach dem stärksten Polo aller Zeiten zu wecken?
Die Motorenbaureihe EA113 ist für Volkswagen so etwas, wie eine Wundertüte. Der Vierzylinder Benzinmotor ist seit 1993 mit den unterschiedlichsten Bohrungen und Hüben in der bunten Konzernwelt unterwegs und hat eigentlich schon alles angetrieben, was seit dieser Zeit bei Audi, Seat, Skoda und VW von den Bändern rollte und rollt. Höhepunkt dieser jetzt schon zwanzig Jahre andauernden Karriere ist sicherlich die 2,0 Liter Variante mit Direkteinspritzung und Turbolader, wie sie unter der Haube des letzten Golf R und des Golf GTI Edition 35 sass. Für diese beiden Sport-Gölfe wurden nämlich Zylinderkopf, Kolben und Lager verstärkt und das Ganze von einem mächtigen Borg-Warner K04 Turbolader befeuert. Und genau dieses Kraftpaket sitzt jetzt auf 220 PS gedrosselt im Polo R WRC.
Auch wenn der Polo sich mit dieser Leistungsangabe von Mini GP, Citroen DS3 Racing, Renault Clio RS und Ford Fiesta ST nur unwesentlich absetzen kann, so erschlägt er die ganze Bande der Hot Hatches mit seinem gewaltigen Drehmomenthammer. Hier spürt man im Vergleich zu den sonst in dieser Klasse gängigen 1,6 Liter Aggregaten die Kraft der zusätzlichen 400 cm3 in Form von 350 Nm. Und wir können versichern: Hat man das Turboloch einmal überwunden, stürmt der 1,3 Tonnen schwere Rallyeableger mit stets eifrig blinkender ESP Lampe nach vorne, wie Sebastian Ogier auf der Flucht vor Sebastian Loeb. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: 6,4 Sekunden für den Sprint auf 100km/h und 243 km/h Spitze.
Der Leser merkt, wir setzen uns verhältnismässig lange mit dem Motor des Polo R WRC auseinander. Der Grund: Es fällt uns etwas schwer, weitere aufregende Details am 33'900 Franken teuren Wolfsburger zu entdecken. Denn lässt man den Motor ausser acht, ist das Rallye Homoligationsmodell im Alltag so unscheinbar, wie die einzige verfügbare Farbe: Weiss. Das ist nicht negativ gemeint, denn der Polo hat ein tadelloses Fahrverhalten, bremst gut, glänzt mit einer umfangreichen Serienausstattung (Klimaanlage, Navigationssystem, Xenon Scheinwerfer, Sitzheizung, uvm.) und lässt sich präzise durch seine sechs Gänge schalten. Auch die aufgetragene Rallye Schminke geht in Ordnung: 18“ Felgen, die sich optisch genauso am Wettbewerbsfahrzeug anlehnen, wie die Front- und Heckschürze. Garniert wird der Dreitürer zusätzlich noch mit ein paar blau-grauen Akzenten, etwas Alcantara am Lenkrad und und etlichen WRC Logos.
Doch genau hier beginnt das Problem: Wer möchte denn schon einen wohltemperierten Polo, wenn überall WRC steht und Volkswagen dazu noch das hohe Lied vom Transfer der Rallye Faszination für die Strasse anstimmt? Um wirklich (Kauf-)Begierde hinter dem Lenkrad des Polo R WRC zu wecken, fehlt dem herrlich motorisierten Kleinwagen die Fortführung des Wahnsinns aus dem Motorraum. Wenn schon limitiert, dann aber auch bitte deutlich konsequenter am WRC Boliden angelehnt. Da dürfte dann die Feder-Dämpfer-Kombination schon spürbar trockener ausfallen, schliesslich wollen nicht nur die Werksfahrer Ogier und Latvala ein direktes Feedback von der Strasse haben, sondern auch die VW Fanboys in ihren Strassenablegern. Gleichzeitig müsste auch die Lenkung deutlich direkter und straffer sein. Und überhaupt: Warum hat ein Polo mit diesen sportlichen Ansätzen eigentlich kein mechanisches Sperrdifferenzial? Ach, da wir schon dabei sind: Ein abgeflachtes Lenkrad macht noch lange keinen sportlichen Innenraum. Da fehlen feine Recaros mit richtigem Seitenhalt, wie man sie auch von den Mitbewerbern kennt. So verpasst es Volkswagen also, mit dem Polo R WRC ein fahrdynamisches Objekt der Begierde zu schaffen. Doch dem Erfolg des Polo R WRC scheint dies keinen Abbruch zu tun: Schon vor Marktstart im Herbst wurden die ursprünglich geplanten 111 Einheiten wegen der grossen Nachfrage auf 300 Stück erhöht.