Pandemie

Wer überlebt, wer nicht – ein Überblick über die Coronakrise im Nahen Osten

Gläubige mit Gesichtsmaske in der iranischen Hauptstadt Teheran: Der gesamte Nahe und Mittlere Osten kämpft mit der Coronakrise.

Gläubige mit Gesichtsmaske in der iranischen Hauptstadt Teheran: Der gesamte Nahe und Mittlere Osten kämpft mit der Coronakrise.

Die Pandemie wird die politische Landkarte des Morgenlandes verändern.

Anwar Gargash brachte es auf den Punkt. «Wir werden alle schwächer, ärmer und beschädigter aus der Pandemie hervorgehen», sagte unlängst der Staatsminister der Vereinigten Arabischen Emirate. Ob in Abu Dhabi, Teheran oder Damaskus, die Furcht vor den unkalkulierbaren Folgen der Pandemie ist gewaltig.

  • Saudi-Arabien: In den Golfstaaten und in Saudi-Arabien dürften die massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens auch nach dem noch unabsehbaren Ende der Pandemie zur Machtsicherung missbraucht werden. Die Bevölkerung muss sich darauf einstellen, dass der Ausnahmezustand zum Dauerzustand wird und die Repressionen weiter zunehmen.
  • Iran: Die Machthaber in der Islamischen Republik Iran traf das Virus unvorbereitet. Zuerst leugnete man seine Existenz. Selbst nachdem Hunderte von Iranern der Lungenseuche zum Opfer gefallen waren, verbreitete Revolutionsführer Ali Khamenei noch Verschwörungstheorien. Das geistige Oberhaupt Irans weiss, dass sein religiös legitimiertes Herrschaftssystem durch die Pandemie gefährdet ist. Entsprechend vorsichtig agiert er inzwischen. «Corona hat der iranischen Wirtschaft in nur wenigen Wochen einen härteren Schlag versetzt als die Sanktionen der USA», sagte der iranische Wirtschaftsexperte Saeed Laylaz der «Financial Times». Trotzdem ist der von Washington herbeigesehnte Sturz des Regimes noch nicht in Sicht. Nach 41 Jahren Dauerkrise präsentiert sich die iranische Wirtschaft robuster, als von den meisten Experten erwartet.
  • Libanon: Nach einer Studie des ägyptischen CAPMAS-Institutes aus dem Jahr 2018 sind der Mittlere Osten und Nord-Afrika die Regionen mit der grössten Ungleichheit weltweit. Die Coronakrise hat die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vertieft. Besonders spürbar ist dies im Libanon, wo inzwischen mehr als die Hälfte der Bevölkerung in bitterer Armut lebt. Das Land ist de facto bankrott. Die Banken weigern sich, die Dollareinlagen ihrer Kunden auszuzahlen. Entsprechend gross ist die Wut der Libanesen, die vor Corona auf die Strasse gingen und es seit dieser Woche wieder tun. «Unser Hunger ist grösser als die Angst», rufen die Menschen. Sie verlangen Reformen, ein Ende der zügellosen Korruption.
  • Syrien: Bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen seit Jahren in Syrien. Hinzu kommen durch die Pandemie noch verschärfte wirtschaftliche und soziale Not, mit deren Bewältigung das Assad-Regime überfordert scheint. Geschwächt wird die Diktatur in Damaskus zudem durch Machtkämpfe innerhalb der Familie. Die russischen Verbündeten haben ihre Nibelungentreue aufgegeben und machen erstmals Staatschef Bashar al-Assad für das Desaster verantwortlich. Sein politisches Überleben erscheint fraglich. Assads Position könnte ein General übernehmen.
  • Irak: Im Irak gewinnen die Militärs an Einfluss. Als eine seiner ersten Amtshandlungen ordnete der neue Ministerpräsident Mustafa al-Kadhimi die Rehabilitierung von Generalleutnant Abdul Wahab al-Saadi an. Seine Absetzung hatte im Sommer letzten Jahres die blutigen Massenproteste ausgelöst. Diese gehen, mit verminderter Intensität, weiter.
  • Jordanien: Mit einer mehr als zweimonatigen Ausgangssperre hat das Königreich die Ausbreitung des Coronavirus erfolgreich verhindert. Auf politischer Ebene steht eine Konfrontation mit Israel bevor. Premierminister Netanjahu will das überwiegend palästinensische Westjordanland annektieren. Um seine politische Glaubwürdigkeit zu behalten müsste König Abdullah II. den 1994 mit Israel geschlossenen Friedensvertrag kündigen. Denn eine «friedliche Koexistenz» mit dem jüdischen Nachbarstaat würde die palästinensische Bevölkerungsmehrheit dann nicht länger akzeptieren.

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